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Buchkritik | Beitrag vom 06.02.2016

Andrzej Stasiuk: "Der Osten"Zeitreise nach China

Besprochen von Katharina Döbler

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Der polnische Autor Andrzej Stasiuk (picture alliance / dpa / Andrzej Grygiel)
Der polnische Autor Andrzej Stasiuk (picture alliance / dpa / Andrzej Grygiel)

Von Polen über Russland bis nach China: In seinem Buch unternimmt der polnische Autor Andrzej Stasiuk eine Expedition gen Osten. Hochsensibel und teils erfreulich radikal ist sein Text über weltvergessene Dörfer und moderne Städte, in denen es nur noch Zukunft gibt – und Leere.

Ein lapidarer Titel: "Der Osten". Für den Polen Andrzej Stasiuk ist Osten nicht nur die Himmelsrichtung seiner ständigen Reisen, sondern auch eine Chiffre für Vergangenheit. 

Der Warschauer Vorort, wo er aufwuchs und seine altgewordene Mutter besucht, ist der Ausgangspunkt seiner Expeditionen in das Dorf seiner Großeltern am Bug im Osten Polens. Und noch weiter - nach Moskau, Irkutsk, Bratsk, Nowosibirsk, Tschita, Ulan Bator: Russland, Sibirien, Mittelasien, Mongolei. Und am Ende China. 

Eine große, vielschichtige Betrachtung 

Stasiuk liefert hier keine Reiseberichte, sondern nur (teilweise aus seinem letzten Buch bereits bekannte) Fragmente, die er zu einer großen, vielschichtigen Betrachtung verschmilzt. 

In diesem Buch hat er die oft schnoddrige Lakonie seiner Alkohol-Benzin-und-Männerschweiß-Geschichten hinter sich gelassen und formuliert hochsensibel, gelegentlich auch erfreulich radikal, was dieser Osten für ihn bedeutet.

Zwischen Staub und Eternitplatten, in abweisenden Städten und weltvergessenen Dörfern, begegnet er den Eindrücken und Gefühlen seiner eigenen Kindheit und Jugend wieder. So die Geschichte seiner Eltern und deren ganzer Generation, die mit den Versprechungen eines kommunistischen Paradieses aus ihren armseligen Bauerhöfen in die strahlende Zukunft aufbrachen und in Vorstädten und Fabriken ankamen.

"(…) wie fremd müssen sie sich alle gefühlt haben. Das ganze Volk. So ist es bis heute."

Auf der Suche nach tieferen Schichten unter der Gegenwart

Vor dieser Fremdheit in der industrialisierten, städtischen Welt hat sich Stasiuk als junger Mann in die Niederen Beskiden zurückgezogen, in die Dörfer der 1946 zwangsumgesiedelten Lemken. Er lebt heute noch dort, wenn er nicht, wie so oft, auf Reisen ist. Es ist eine Landschaft, in der Überreste von Kirchen, Brunnen und Häusern langsam vom Wald überwachsen werden. 

Die Suche nach diesen tieferen Schichten unter der Gegenwart, seien es nun zeitliche oder ideologische, religiöse oder einfach natürliche, ist der eigentliche Inhalt dieses neuen Buches des unruhigen Reisenden.

Ob in ein- oder zweihundert Jahren die Vergangenheit noch existieren wird, fragt er sich am Ende. "Ob jemand sie noch brauchen wird, um etwas von seinem Leben zu begreifen?" Denn ganz am Ende der Reisen nach Osten, in China, scheint es in Städten, die kaum mehr als Bauprojekte sind, nur noch Zukunft und Leere zu geben.
Andrzej Stasiuk: Der Osten
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
297 Seiten, 22,95 Euro
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