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Lesart | Beitrag vom 26.03.2016

Andrzej Skrzypek: "Polen im Sowjetimperium"Eine Geschichte politischer Demütigung

Andreas Volk im Gespräch mit Ernst Rommeney

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Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew (l), der Erste Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei PZPR Edward Gierek (r) und der damalige Verteidigungsminister Polens Wojciech Jaruzelski bei den Feiern zum 30. Geburtstag der Volksrepublik Polen am 22.7.1974 in Warschau (picture-alliance / dpa / Jan Morek)
Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew (l), der Erste Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei Edward Gierek (r) und der damalige Verteidigungsminister Polens Wojciech Jaruzelski bei den Feiern zum 30. Geburtstag der Volksrepublik Polen (picture-alliance / dpa / Jan Morek)

Eine Diplomatie-Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen von 1944 bis 1989 hat der Warschauer Historiker Andrzej Skrzypek in seinem Buch "Polen im Sowjetimperium" geschrieben.

14 Jahre lang war er Vorsitzender der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. 1970, kurz vor seinem politischen Abgang, unterzeichnete er den Warschauer Vertrag, mit dem die Bundesrepublik Deutschland offiziell die Oder-Neiße-Grenze anerkannte. Für diesen Erfolg, den er gleichermaßen gegenüber Moskau und Bonn erreichte, gebühre Władysław Gomułka für Generationen der Titel "Held der polnischen Außenpolitik".

Nur dieses eine Mal, nur für einen kurzen Satz wird Andrzej Skrzypek geradezu emphatisch. Ansonsten schildert er so nüchtern und zurückgenommen Polens Rolle im Sowjetimperium, wie man es von wissenschaftlichen Arbeiten über das Miteinander und Gegeneinander im Ostblock gewohnt ist: über die "Komintern" der kommunistischen Parteiführer, den "Warschauer Pakt" der Militärs und den "RGW" der Wirtschaftspolitiker.

Polen strebte Anerkennung seiner Grenzen an

Buchcover: "Polen im Sowjetimperium" von Andrzej Skrzypek (Wieser Verlag)Buchcover: "Polen im Sowjetimperium" von Andrzej Skrzypek (Wieser Verlag)Prägnanter als der Warschauer Spezialist für polnische Ostpolitik kann man wohl kaum die Befindlichkeit seines Landes zwischen 1944 und 1989 auf den Punkt bringen. Es wollte Grenzen und Souveränität dauerhaft gesichert sehen.

Skrzypek beschreibt Polen durchaus als herausragenden Partner des sowjetischen Hegemons. So tolerierte Nikita Chruschtschow den polnischen Oktober des Jahres 1956, während er den Aufstand in Ungarn mit Waffengewalt niederschlug.

Und doch blieb der Spielraum Warschaus eng, eine eigenständige Außen- und Wirtschaftspolitik zu entwickeln: begrenzt durch den Moskauer Machtanspruch, durch Intrigen unter den Bruderländern wie unter den polnischen Kommunisten.

Genauso gut könnte man die Beziehungen zur Sowjetunion als Geschichte der Demütigungen lesen. Moskau ließ die Polen in seinem Widerstand gegen die deutsche Besatzung kalkuliert allein, ja zerstörte später systematisch die Unabhängigkeitsbewegung, verschob das Land willkürlich gen Westen und ließ es auf den Kriegsfolgen sitzen.

Volksdemokratie brachte Regime von Moskaus Gnaden

Anders als Frankreich wurde Polen ein Platz unter den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges verwehrt. Vielmehr erhielt es mit der Volksdemokratie ein Regime von sowjetischen Gnaden, durchsetzt mit ausländischen Beratern oder polnischen Zuträgern Diese Erfahrungen, so Andrzej Skrzypek, habe über zwei Generationen das Verhältnis zur UdSSR belastet.

Aus einem Pfufferstaat (bis 1947) habe sich ein Vasallenstaat (bis 1953) entwickelt, darauf unter Władysław Gomułka aus einem Labor der Autonomie (bis 1957) eine Selbstverwaltung im Rahmen des Imperiums (bis 1964) und anschließend ein grauer Sozialismus (bis 1970). Unter Edward Gierek habe Polen vom Klima der Entspannung und dem Helsinki-Prozess (KSZE)profitiert, bis es unter Wojciech Jaruzelski in die Krise der 80er Jahre geraten sei.

Warschau wurde zum Wegbereiter der KSZE

Wirtschaftlich gelang es dem Land nicht, im RGW vom Rohstofflieferanten zum Produzenten von Industriegütern zu wechseln. Stets blieb die polnische Führung zudem Bittsteller in Moskau, wenn es um die Konditionen des Außenhandels ging.

In der Westpolitik stand Warschau vor den Ostverträgen als lästiger Bremser und während der Entspannungspolitik als allzu eigenständiger Spieler in der Kritik. Einflussreich war es vor allem, sobald es sich als politischer Makler im sozialistischen Lager andienen konnte. Bereits in den 60er-Jahren, so erinnert Andrzej Skrzypek, setzte es seine Hoffnung auf eine europäische Entspannung und bereitete maßgeblich den Helsinki-Prozess (KSZE) vor.

Andrzej Skrzypek: Polen im Sowjetimperium. Die polnisch-russischen Beziehungen von 1944 bis 1989
Aus dem Polnischen übersetzt von Andreas Volk
Wieser Verlag Klagenfurt, Februar 2016
348 Seiten, 49,50 Euro

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