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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.08.2011

Andeutungen auf den großen Umsturz

Thomas Wolfe: "Die Party bei den Jacks", Manesse Verlag, Zürich 2011, 350 Seiten

Thomas Wolfe wurde am 3. Oktober 1900 in Asheville geboren. (picture alliance / dpa)
Thomas Wolfe wurde am 3. Oktober 1900 in Asheville geboren. (picture alliance / dpa)

Thomas Wolfes nachgelassenes Werk "Die Party bei den Jacks" ist ein Romanfragment, an dem der Autor bis zu seinem Tod 1938 arbeitete. Auf gut 300 Seiten wird ein einziger Tag im Leben eines reichen New Yorker Ehepaars geschildert. Jetzt ist der Roman auf Deutsch erschienen.

Als einzigem unter den deutschsprachigen Verlagen, die sich modernen Klassikern widmen, gelingt es dem Hause Manesse immer wieder, verborgene Schätze ans Licht zu heben. So auch im Falle von Thomas Wolfe, dessen gigantisches Debüt "Schau heimwärts, Engel" (1929) zu den ganz großen amerikanischen Romanen des 20. Jahrhunderts gehört. Sein nachgelassenes Werk, "Die Party bei den Jacks" - das Fragment eines Romans, an dem Wolfe bis zu seinem Tod 1938 arbeitete - ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen.

Auf gut 300 Seiten wird ein einziger Tag im Leben des steinreichen New Yorker Ehepaars, der Jacks geschildert, vom Morgen der Vorbereitungen an bis zum Abend der rauschenden Party. Es ist ein Tag im Mai 1928, kurz vor dem großen Börsencrash. Doch noch stehen die Zeichen der Zeit auf Sicherheit und Überfluss.

Er, ein Mann in den besten Jahren, hat als erfolgreicher Banquier sein Glück gemacht. Lebensklug und maßvoll im Umgang mit seinen vielen Angestellten fühlt er sich wie "der Prinz der Atome, fest verankert auf seinem Fels aus Luxus und Stille im dichtesten Geflecht des Menschengewimmels" und kennt weder Zweifel noch Furcht noch Mangel an Selbstvertrauen. Mrs. Jack, energisch und stets gut gelaunt, bringt als viel gerühmte Bühnenbildnerin die Kunst und mit ihrer heimlichen Affäre, die sie einem aufstrebenden Dichter zuteilwerden lässt, etwas "farbige Verruchtheit" in die Zimmerfluchten hoch über der Park-Avenue.

Verliebt ins Detail, mit subtiler Ironie bis zum kräftig satirischen Strich entfaltet Wolfe ein grandioses Panorama an Charakteren in dieser Glitzerwelt. Keiner bleibt ungeschoren; neben den Hauptfiguren ist das ein raffgierig-verlogenes Personal bis zu den illustren Partygästen, gönnerhaften Finanzmagnaten, blasierten Theaterleuten, Hochstaplern, Möchtegern-Künstlern, wichtigtuerischen Politikern und Damen in bester Garderobe.

Mit feinen, den Roman leitmotivisch durchziehenden Andeutungen verweist Wolfe auf den großen Umsturz, der diesen aus Geld gemachten, selbstgefälligen Kosmos schon bald heimsuchen wird. Da spürt Mr Jack ein immer wiederkehrendes schwaches Beben, das er dem fernen Rumoren in den U-Bahnschächten zuschreibt. Da ist ein plötzlich ausbrechendes Feuer, das die Partygesellschaft in kurzen Aufruhr versetzt. Und da ist vor allem Mr Jacks Albtraum im Prolog des Romans, der den gebürtigen deutschen Juden an die Stätte seiner Kindheit führt, wo er stolz von seinen Erfolgen erzählen möchte. Doch nur ein wirres Stammeln kommt aus seinem Mund: ein Sinnbild dafür, dass der typisch amerikanische Pionier-Idealismus längst pervertiert ist, genauso wie der Geschäftsgeist, der wenige reich machte, um alle in den Abgrund zu reißen.

Wie schon in seinem Erstling operiert Thomas Wolfe hier glanzvoll mit inneren Monologen à la Virginia Woolf und der Montagetechnik. Anders als die großen neusachlichen Autoren der 1920er Jahre kennt sein Stil keine Scheu vor großen Worten und Gefühlen. Den für ihn typischen üppigen Wortschatz, die Lebhaftigkeit der Dialoge samt Klang und Rhythmik der syntaktischen Kaskaden bringt Susanne Höbel schwungvoll ins Deutsche. Zu entdecken ist ein Werk, dessen spöttische Entblößung aller Geld-, Macht- und Ruhmsüchtigen nichts von seiner beunruhigenden Aktualität eingebüßt hat.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
Manesse Verlag, Zürich 2011
350 Seiten, 24,95 Euro

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