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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.04.2009

Anders als in den Geschichtsbüchern

Alexandre Adler: "Das Geheimnis der Templer", C. H. Beck Verlag 2009, 240 Seiten

Der mittelalterliche Ritterorden der Templer gilt bis heute als von Mythen umwoben. In dem neuen Sachbuch "Das Geheimnis der Templer" geht es unter anderem darum und auch um die Frage, wer die Tempelritter wirklich waren.

Der mittelalterliche Ritterorden der Templer regt bis heute die Phantasie an. Ob in Dan Browns Bestseller "Das Sakrileg", in Computerspielen oder Hollywoodproduktionen - die Tempelritter sind populär und geheimnisumwittert.

Wer die Tempelritter wirklich waren und warum sie bis heute ein derartiges Faszinosum geblieben sind, diese Fragen beantwortet der französische Historiker Alexandre Adler in seinem neuen Sachbuch "Das Geheimnis der Tempelritter - Von den Rosenkreuzern bis Rennes-le-Château"; Alexandre Adler ist Mitherausgeber der Tageszeitung "Le Figaro" und war 2003 Gewinner des Sachbuchpreises der französischen Nationalversammlung "Prix du livre politique".

In seinem neuen Buch "Das Geheimnis der Tempelritter" scheint sich Adler einen Lebenstraum zu erfüllen. Er zeichnet die Geistesgeschichte des Abendlandes nach, vom Alten Testament bis in die Moderne, fügt wichtige Versatzstücke französischer Spezialforschung hinzu, setzt alles zusammen und schreibt die europäische Geschichte aus der Sicht der Verlierer, unter ihnen eben der Templerorden.

Die europaweit vernetzten Templer, Politiker und Priester in einer Person, waren zur stärksten Finanzmacht des Mittelalters geworden, und machten dem Papst Konkurrenz. Am 13. Oktober 1307 wurden die Templer in Frankreich, ihrem Hauptsitz, nachts aus den Betten geholt, verhaftet, vom bankrotten französischen König, dem größten Gläubiger der Templer, und vom Papst angeklagt, Teufelsanbeter und homosexuell zu sein. Sie wurden dann auf Scheiterhaufen verbrannt.

Mit dem 13. Oktober 1307 endete das Mittelalter - nicht finster, sondern modern, tolerant, ja sogar feministisch. Adler zeichnet minutiös nach, wie ein multikultureller Austausch und Prozess stattfand, wie sich christliche, muslimische und jüdische Wissenschaftler unter dem Postulat der Vernunft verständigten und der deutsch-sizilianische Stauferkaiser Friedrich II. lieber mit den Muslimen als mit dem Papst paktierte.

Wer einen trockenen historischen Abriss abendländischer Geschichte befürchtet, wird überaus positiv überrascht. Auf den ersten 100 Seiten schickt Adler die Leser auf eine furiose Achter- und Geisterbahnfahrt. Explizit wendet er sich zu Beginn mehrmals an die Leser: "Halten Sie sich fest, halten Sie sich bitte jetzt fest!" Denn Adler führt die Leser in die Welt der Fantasy-Geschichten und ihrer Schöpfer, oft surreale Gestalten, Schatzsucher, Okkultisten, Rechtsradikale, Hochstapler, Verrückte, und Adler schickt die Leser auf eine Führung durch den Leichenkeller unserer offiziellen Geschichtsschreibung.

In der zweiten Hälfte des Buches entwirft Adler dann das Bild einer neuen europäisch-globalen Geschichtsschreibung, die das Mittelalter als Wegbereiter moderner Toleranz und Vernunft feiert - ein lang gehegter Wunsch unter Historikern. Mit "Sociétés secrètes", so der Originaltitel von "Das Geheimnis der Templer", meint Adler all jene, die in den Jahrhunderten nach der Ermordung der Templer illegal, also geheim, für Vernunft und Toleranz kämpften.

"Das Geheimnis der Templer" ist brillant geschrieben, spannend zu lesen, wissenschaftlich fundiert, ein richtungweisendes Buch. Er gibt die Geschichte den Menschen zurück, die an das Gute glauben. Auf der letzten Seite schreibt Adler, der Erfolg eines Romans wie "Das Sakrileg" sei der Beweis dafür, dass sich die Menschen eine andere Geschichte als die der Geschichtsbücher wünschen. Adler liefert den Beleg: Es gibt sie.

Rezensiert von Lutz Bunk

Alexandre Adler: Das Geheimnis der Templer. Von den Rosenkreuzern bis Rennes-le-Château
C. H. Beck Verlag 2009, 240 Seiten, 19,90 Euro

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