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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.09.2008

Anba Damian

Arzt, Mönch und Generalbischof der Kopten

Von Andreas Malessa

Äghypten, Ursprung der ältesten Kirche der Welt, der ägyptisch-orthodoxen.   (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)
Äghypten, Ursprung der ältesten Kirche der Welt, der ägyptisch-orthodoxen. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

"Hallo Osama Bin Laden!" riefen ihm Jugendliche zu. Als der orientalische Mann mit Käppi, langem Bart und Tunika einen Sechserpack Dosenbier aus dem Rucksack holte, verstummten sie. Dr. Anba Damian ist Arzt, Mönch und Generalbischof der koptisch-orthodoxen Christen in Deutschland. Ein Porträt:

Anba Damian: "Ägypten ist nicht ein Land, in dem wir leben, sondern Ägypten lebt in uns. Wir betrachten uns als die Ur-Ur-Bewohner Ägyptens bzw. die direkten Nachfahren der alten Pharaonen. Außerdem haben wir Ägypter die Heilige Familie in unserem Land aufgenommen."

Die Heilige Familie ? Ach so, Maria, Josef und das Jesuskind, als König Herodes es ermorden wollte.

Anba Damian: "Als Markus in das Land Ägypten im Jahre 42 n. Chr. kam, war für ihn der Boden vorbereitet. Es gelang Markus, das ganze Land Ägypten zu christianisieren, sogar die erste Theologie-Schule der Welt in Alexandria zu gründen."

Der Mann redet von Kirchengeschichte, als wäre sie gestern passiert. Anba Damian, 53, untersetzt, langer weißer Vollbart, trägt unter seinem schwarzen Turban eine Kopfkappe, deren zwölf gestickten Kreuze an die zwölf Apostel erinnern, vor der Brust ein Kreuz aus Leder, das an die Tieropfer in der antiken jüdischen Synagoge erinnert und von den Schultern abwärts die schwarze, knöchellange Soutane, die ihn als Priester ausweist. Als Priester in der ältesten Kirche der Welt, der ägyptisch-orthodoxen.

Anba Damian: "Es ist ein Mysterium: Egal, wie oft man der Liturgie beiwohnt: Ist sie zu keinem Zeitpunkt langweilig oder monoton. Es ist die Erfahrung, dass man immer wieder Durst nach dieser spirituellen Dosis hat – man möchte gerne seine spirituellen Batterien aufladen – und von einem Gottesdienst wird man niemals satt."

Die gut dreistündige Abendmahlsfeier kann einen tatsächlich in Trance versetzen. Begleitet von zwölf weißgekleideten Diakonen mit roten Schärpen umrundet Anba Damian – jetzt mit einem golddurchwirkten Purpurmantel und einer prachtvollen Tiara gekleidet – weihrauchschwenkend und erstaunlich zügig den Altar. Aus fünf in der Nacht frisch gebackenen Brotlaiben hat er eins für die feierliche Eucharistie ausgewählt. Den niederknienden Gläubigen hält er ein kleines Silberkreuz und ein gold gerahmtes Evangelienbuch hin, das ehrfürchtig geküsst wird.

Die Gemeinde skandiert Antwortrufe, betet inbrünstig singt laut – käme jetzt ein zeitreisender Apostel durch die Öffnung der Ikonenwand – es würde niemanden wundern.

Anba Damian: "Mit 12 Jahren haben wir unseren leiblichen Vater verloren. Er leidete an Blutzuckererkrankung mit allen Komplikationen, die dazu gehören. Das Thema Tod hat uns schon als kleine Kinder beschäftigt, aber gleichzeitig war unsere Mutter ein Vorbild, weil sie, nur 37 Jahre alt, auf ihre Grundrecht verzichtet hat, wieder heiraten zu wollen. Und dieses Thema, "Verzicht" und "sich opfern zu wollen" hat uns auch sehr beschäftigt, war für uns ein Vorbild."

Ein Vorbild, das Anba Damian und seine vier Geschwister in Kairo nicht etwa an das geistliche Amt denken ließ, sondern an einen praktisch helfenden Beruf:

Anba Damian: "Ich wollte sehr gern Mediziner werden, habe mich sehr bemüht, gelang es mir, tolle Noten zu bekommen, hab Medizin studiert in Universität Kairo und bekam meine Medizinischer Bachelor für Innere Medizin und Chirurgie, Dezember 1979 und danach kam ich als Begleiter meiner Schwester nach Deutschland, die hier moderne Prothesen bekommen sollte, Beinprothesen."

Der 24jährige Ägypter bekam eine Ausbildung in Strahlentherapie, Nuklearmedizin und Röntgendiagnostik in Ludwigsburg – ihm zuliebe sprach der Chefarzt 6 Monate lang mit allen Mitarbeitern Englisch und wurde Oberarzt im Kreiskrankenhaus Mühlacker. Dreieinhalb Jahre später erreichte eine unerklärliche innere Unruhe, eine Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung, ihren Höhepunkt.

Anba Damian: "Ich nahm eine Woche Urlaub, zog ich mich zurück in meine Dienstwohnung und fing an, über die Zukunft Gedanken zu machen, zu beten, zu weinen. Bis irgendwann ein Gefühl der Befreiung in mein Herz kam und das Gefühl, als ob ein Riesenstein aus der Brust fallen würde. Eine Stimme in mir sagte: "Geh in die Wüste. Gehe ins Kloster !" Und genau diese Stimme habe ich gefolgt, bin nach Ägypten gegangen, in das St Bishoi-Kloster in der westlichen, also libyischen Wüste und dort wurde ich als Novize aufgenommen, als Mönch, später wurde ich zum Priester 1993 geweiht und 1995 bekam ich die Weihe durch den Papst Schenouda III als Generalbischof für die koptisch-orthodoxe Kirche in Deutschland."

In direkter Tradition der Wüstenväter Antonius und Pachomius aus dem 3. Jahrhundert stand er dort um 3.00 Uhr auf, feierte die Liturgie bis 8.00 Uhr, arbeitete dann körperlich-handwerklich und nahm um 13.00 Uhr die erste Mahlzeit ein. Was uns härter als ein Bootcamp vorkommt, war für den nun Theologie studierenden Anba Damian ein Gefühl größter Freiheit:

Anba Damian: "Es ist schön, eine Familie zu gründen, Geld zu verdienen und mit dem Geld kann man vieles machen, auch im karitativen Bereich. Jedoch das Gefühl der Freiheit, der Freiheit in dem Herrn, den ich liebe, den ich kenne und seine Hände immer mich begleiten - ich wollte ihm mein Leben widmen und etwas für die Ewigkeit tun! Mein Sprachvermögen erlaubt mir nicht, die Schönheit der Zeit im Kloster zu beschreiben."

Anba Damian ist kein Romantiker. 14 Auslandsbischöfe auf der Welt kümmern sich um die Belange der Kopten, die wegen massiver Unterdrückung in ihrer Heimat zunehmend emigrieren. Infolge ihrer durchweg hohen Qualifikation sind sie aber überall schneller integrierbar als die meisten Muslime. 6000 Kopten in acht Gemeinden gibt es in Deutschland, jeder und jede kann Bischof Damian direkt anrufen und der hat von seinem Amtssitz im Kloster Höxter-Brenkhausen aus direkten Zugang zu Papst Schenouda III in Alexandrien. Wieso eigentlich "Papst"?

Anba Damian: "Der Papst der koptisch-orthodoxen Kirche gilt als der Nachfolger des heiligen Evangelisten Markus. Der römische Papst ist der Nachfolger des heiligen Petrus. Der Patriarch von Alexandrien trug aus Tradition den Papsttitel, deswegen ist es keine Anmaßung und keine Überheblichkeit, das der Patriarch von Alexandria den Titel schon viele, viele Jahre getragen hat v o r dem römischen Patriarch."

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