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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.09.2010

Analytische Kurzsichtigkeit

"Die Jüdin von Toledo" muss für die Integrationsdebatte herhalten

Von Christian Gampert

Die Migrationsdebatte als Bühnenthema am Wiener Burgtheater.  (Stock.XCHNG / Michael Gordon)
Die Migrationsdebatte als Bühnenthema am Wiener Burgtheater. (Stock.XCHNG / Michael Gordon)

Am Wiener Burgtheater eröffnet Stephan Kimmig die Saison mit Franz Grillparzers "Die Jüdin von Toledo". Er verlegt die Handlung in die Gegenwart und möchte, in Gestalt der schönen Jüdin, auch über die Migranten von heute reden. Das Problem ist aber, dass Kimmig sich da wenig auskennt.

Dass der kastilische König Alfonso sich in eine Jüdin verliebt hat, ist für den deutschen Regisseur Stephan Kimmig Anlass, über "das Fremde" nachzudenken. Zwar sind Juden im katholischen Toledo des frühen Mittelalters nicht wirklich fremd, sie leben dort seit Generationen und werden aus Gründen von Ressentiments verfolgt und totgeschlagen. Aber Kimmig möchte gern die Gegenwart und die aktuelle Islam-Debatte in das Grillparzer-Stück holen – und lässt den König gleich zu Beginn eine Wahlkampfrede über "Heimat" halten, die man sich "seelisch und geistig" erarbeiten und erwerben müsse. Dazu sieht man eine Blümchenwiese vor Gebirgspanorama. Also Achtung, liebe Islamgläubige: Alfonso muss mindestens CSU-Mitglied sein.

Nun gibt es einige Unterschiede zwischen Islam und Judentum: Während der Islam global gewisse Geltungsansprüche stellt, haben die Juden das nie getan, sie wollten nie andere belehren, wurden aber trotzdem systematisch getötet. Im Burgtheater ist das alles eins. Kimmigs analytischer Kurzschluss ist nicht die einzige Seltsamkeit dieser sterilen Inszenierung: Der Regisseur hat die Rolle der verführerischen, verführenden Jüdin Rahel mit der sehr jungen Yohanna Schwertfeger gegenbesetzt, einer mädchenhaft, ja kindlich wirkenden Schauspielerin, die als koboldhafter, vorwitziger Trotzkopf durch die königlichen Gemächer tobt.

Was Alfonso an diesem Wesen findet, ist einigermaßen schleierhaft: Ist es die Unschuld – das Gegenbild zur Macht? Der Sex kann es nicht sein, denn ein erotisches Vollweib hat Alfonso in Gestalt der Caroline Peters bereits bei sich – die die Königin Eleonore dann freilich ganz geschäftsmäßig und keusch geben muss.

Alfonso möchte sich offenbar befreien aus zu engen Ehebanden, aus teilweise öden, teilweise grauslichen Regierungsgeschäften – der anstehende Kriegszug gegen die Mauren, ergo: den Islam, scheint ihn nicht gerade zu enthusiasmieren. Peter Jordan spielt diesen Alfonso relativ oberflächlich als erbärmlichen Schwächling, als eitlen Gecken, der nach außen den toughen Politiker gibt, schnell hysterisch hochdreht und dann, als es um Nähe und Liebe geht, bei skurril-hilflosen Inszenierungen Halt sucht (ebenso wie der Regisseur natürlich): Auf seinem Lustschloss veranstaltet er ein albernes Verkleidungsspiel mit der durchaus willigen Rahel, Motto "Bärenjäger befreit Indianer-Squaw". Dann vergewaltigt er sie.

Also: Der Christ Alfonso kann nicht lieben, er begehrt keine Person, sondern nur ein Bildnis (das bei Stephan Kimmig dann auch ständig herumgetragen wird), und drohend hängt das Kruzifix - wie ein Schwert - über der gesamten Aufführung. Der Zwiespalt, in den Alfonso gerät: von einer Jüdin angezogen sein; der Tabubruch, den er auch mit seiner halben Zuneigung begeht – das wird in keiner Sekunde sichtbar. In Toledo schlägt man die Juden tot, Rachel sucht Schutz beim König – für diesen Alfonso aber ist alles nur ein Versteck- und Kinderspiel, offenbar, weil auch die begehrte Rachel noch ein Kind ist.

Die Jüdin stört die Konzentration des Königs, sie muss weg, sie wird ermordet. Die Verurteilungsszene lässt Kimmig gleich am Anfang spielen, am Parlaments- oder auch Kabinetts-Tisch, damit alles klar ist. Der Rest ist schachartiges, blutleeres Figurentheater in einer evangelisch-kahlen Resopal-Bühne von Katja Haß, in der viele Elemente aufgeklappt und verschoben werden können wie in einer Einbauküche.

Der Zauber der Liebe dringt in diesen Machtapparat weniger durch die schöne Rachel als vielmehr durch ihren Vater, den großartigen Martin Schwab, der als trauernder Jude eine tolle Szene voller Unruhe, Schmerz und Verlorenheit hat. Aber dann fuchtelt gleich wieder der Regisseur dazwischen und lässt die Trauerlichter von einem Feuerlöscher ausblasen – aufgepfropfte Zyklon-B-Geschichtsbelehrung à la Guido Knopp.

Das Publikum ruft Bravo, weil man in Wien diese Art von Sprechtheater mag. Der geläuterte König zieht in den Kampf gegen die Ungläubigen. Und wir, als Außenstehende, sitzen etwas perplex vor dieser doch sehr protestantischen Inszenierung.

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