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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.06.2013

Analyse einer entfesselten Gewalt

Ulrich Sieg: "Geist und Gewalt"

Rezensiert von Carsten Hueck

Erster Weltkrieg: Deutscher Soldat wirft Handgranate (AP)
Erster Weltkrieg: Deutscher Soldat wirft Handgranate (AP)

Der Historiker Ulrich Sieg beschreibt eine verhängnisvolle Liaison vom Vorabend des Ersten Weltkrieges: Philosophie und Staatsmacht entfesselten eine Gewalt, die von den Regierungen gefördert und vom völkischem Gedankengut unterfüttert wurde - bis 1944.

Der Zeitraum, auf den Ulrich Sieg sich konzentriert, reicht von den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 1944. Der Marburger Historiker hat damit gut sieben Jahrzehnte ausgewählt, die eine beängstigende Dichte entfesselter Gewalt aufweisen. Gleich im ersten Kapitel, einer Art Einleitung, betont Sieg, dass er sich bei der ideengeschichtlichen Beschäftigung mit diesem Teil deutscher Vergangenheit nicht mit Hinweisen auf einen "deutschen Sonderweg" zufrieden gibt. Strikt teleologische Geschichtsbilder, etwa dass die Entwicklung im Kaiserreich zur deutschen Katastrophe von 1945 führen musste, lehnt er ab.

"Mittlerweile scheint die Geschichtswissenschaft für die Einsicht der Chaos-Theorie bereit zu sein, dass unscheinbare Ursachen große Wirkungen haben können, weshalb es auch Sinn macht, die Umschlagpunkte historischer Prozesse minutiös zu untersuchen. In der Konsequenz bedeutet dies freilich auch, sich von der Vorstellung zu verabschieden, historische Erkenntnis könne die prognostischen Fähigkeiten des Menschen nachhaltig steigern oder gar gesellschaftliche Prozesse steuern. Stattdessen wird es darauf ankommen, das riesige Reservoir historischer Erfahrung zu befragen, ohne gleich umfassende Sinngebungen vorzunehmen."

Ausnahmegesetze gegen den inneren Feind

Cover: "Geist und Gewalt" von Ulrich Sieg (Carl Hanser Verlag)Cover: "Geist und Gewalt" von Ulrich Sieg (Carl Hanser Verlag)Umfassende Sinngebung vorzunehmen, so Sieg, sei das anmaßende Bestreben der Philosophie nach den Ereignissen des Jahres 1878 geworden. Zwei Gewalttäter hatten in diesem Jahr erfolglos Attentate auf Kaiser Wilhelm den Ersten verübt: Der eine, Max Hödel, Klempner, zwanzig Jahre alt und arbeitslos, schoss am 11. Mai auf die Kutsche des deutschen Kaisers. Der Monarch bekam nicht einmal mit, dass ihm jemand nach dem Leben trachtete, sein Reichskanzler jedoch nutzte das Attentat sogleich, um politisch gegen die Sozialisten vorzugehen.

"Bismarck ging es um die Bekämpfung der organisierten Arbeiterbewegung, die er als Bedrohung der inneren Ordnung ansah. Gleichzeitig wollte er den Liberalen eine Lektion erteilen, deren Engagement für Freihandel und Bürgerrechte nicht mehr in sein politisches Kalkül passte."

Der Attentäter hatte zwar vorübergehend der Sozialdemokratie angehört, war aber längst aus der Partei ausgeschlossen worden und betrachtete sich als Anarchist. Dennoch suggerierte die Presse seine Nähe zur Sozialdemokratie. Als wenige Wochen später erneut ein Attentat auf den Kaiser verübt wurde, konnte Bismarck seine Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokraten endgültig durchsetzen und erhöhte den Druck auf die Liberalen. Das Land veränderte sich.

Völkische Philosophie versus Humanismus

Der zweite Attentäter, Karl Nobiling, war ein dreißigjähriger promovierter Geisteswissenschaftler. Sieg unterstreicht, dass dadurch der bis dahin gültige Begriff der Bildung öffentlich hinterfragt wurde. Klassischer Humanismus galt plötzlich als nutzlos und weltfremd, das verunsicherte Bürgertum verlangte nach handfesten Werten und neuen Idealen. Speziell die akademische Philosophie – unter dem Druck, ihre Daseinsberechtigung im jungen Kaiserreich nachzuweisen – wandelte sich zum "Sinngebungs-Idealismus": Wichtiger als Werte wurde nun die Weltanschauung.

Ulrich Sieg zeichnet diesen Prozess detailliert nach. Er porträtiert Philosophen, von denen wir heute, Hand aufs Herz, kaum noch etwas wissen wollen, doch deren Denken später zur Grundlage für die Entwicklung und das Selbstverständnis einer völkischen Philosophie wurde.

Eines der fünf Kapitel des Buches ist dem Jenaer Ordinarius, Neoidealisten und Nobelpreisträger von 1908, Rudolf Eucken gewidmet. Die Schilderung, wie Eucken sich, im Selbstmarketing äußerst begabt, gut vernetzt und mit Gespür für den Zeitgeist dem Stockholmer Nobelpreiskomitee empfahl, gehört eindeutig zu den Höhepunkten des Buches.

Eucken war immerhin noch um eine geisteswissenschaftliche Kontinuität bemüht. Doch als infolge des Ersten Weltkrieges die philosophischen Diskurse radikaler wurden und die Moderne anbrach, verloren Philosophen wie Eucken ihre Bedeutung. Die neuen deutschen Denker verschärften reale oder vermeintliche Gegensätze, suchten ihr Heil im Chauvinismus, sahen sich als Repräsentanten der einzige Kulturnation auf der Welt und entfernten sich immer weiter von universellen Werten.

"Besonders heftig wurde um die Frage gestritten, wer eigentlich zur deutschen Nation gehöre. Dies bedeutete auch die Akzeptanz harter Exklusionsmuster, die sich gegen den 'inneren Feind' richteten. Mit zunehmender Dauer und Härte des Krieges wurde es freilich immer verführerischer, einen verräterischen Feind im Innern für die missliche Gegenwart verantwortlich zu machen."

Für Sieg markiert die im Herbst 1916 durchgeführte "Judenzählung" des deutschen Heeres eine …

"… Zäsur in der deutschen Geschichte, deren mentalitäts- und ideenhistorische Dimension noch keineswegs ausgelotet ist."

Hausgemachte Gewalt des deutschen Geistes

Die Radikalität schritt voran. Am Beispiel des Neukantianers Bruno Bauch, Mitbegründer der Deutschen Philosophischen Gesellschaft, veranschaulicht der Autor das Entstehen einer Denkrichtung, die kaum noch zu unterscheiden war von völkischer Ideologie – mit der sich die Philosophie in Deutschland nach Machtübernahme der Nationalsozialisten dann gemein machte. Als deren Höhepunkt gilt Sieg im Jahr 1941 das Propagandaunternehmen "Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften". Unter diesem Titel verfassten fünfhundert Gelehrte, bieder bis abstrus, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, Deutschtumsmetaphysik.

Ausdrücklich zu loben ist Ulrichs Siegs Bemühen, bei seiner Engführung von Realhistorie und Ideengeschichte immer auch darauf zu verweisen, dass es neben den von ihm beleuchteten Phänomenen auch andere Entwicklungen gab. Eine große These vermeidet Ulrich Sieg ebenso wie verkürzende Kausalschlüsse. Es gelingt ihm jedoch, über den von ihm beschriebenen Zeitraum Kontinuitäten herauszuarbeiten: den ständigen Rechtfertigungsdruck der Philosophie in Deutschland und die selbstgewählte Rolle als Orientierungswissenschaft – die letztlich zu ihrer Entwertung führte. Beispielhaft belegt sein Buch, das der Geist in Deutschland sich nicht nur der Gewalt unterworfen hat, sondern sie auch mit erzeugte.

Ulrich Sieg: Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus
Carl Hanser Verlag, München 2013
320 Seiten, 27,90 Euro

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