Seit 00:05 Uhr Klangkunst
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Klangkunst
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 06.08.2014

Analoger Film"Viel Romantik" bei der Rettung der Filmrolle

Kodak und Hollywood-Studios verhandeln

Film, Filmrolle, Kino, Filmprojektor, Zelluloid (dpa / picture alliance )
Ist die Filmrolle noch zu retten? (dpa / picture alliance )

Einige Hollywood-Studios wollen das Aussterben der klassischen Filmrolle verhindern - und verhandeln mit dem Hersteller Kodak über einen entsprechenden Deal. Doch Martin Koerber, Leiter des Filmarchivs der Stiftung Deutsche Kinemathek, ist skeptisch.

Nana Brink: Hat die gute alte Filmrolle ausgedient? Digitale Technik ist die Gegenwart und Zukunft von Filmen, wie sollte es auch anders sein. Sie macht Produktionen preiswerter und Spezialeffekte überzeugender. Das denken die meisten, doch eine Handvoll Hollywoodgrößen hat sich nun für die Filmrolle starkgemacht.

Sie wollen, dass die Studios einen Deal mit Kodak, einer der letzten Produzenten der Rollen, abschließen. So soll das Ende des analogen Films verhindert werden. Kerstin Zilm erklärt, worum es geht.  (...) Also muss man die gute alte Filmrolle retten? Warum ist es überhaupt so weit gekommen? Wer wüsste das besser als Martin Koerber, Leiter des Filmarchivs der Stiftung Deutsche Kinemathek. Guten Morgen, Herr Koerber!

Martin Koerber: Guten Morgen!

Brink: Fujifilm hat ja letztes Jahr aufgegeben, Kodak meldet einen Umsatzeinbruch von 95 Prozent, lohnt sich das einfach nicht mehr?

Koerber: Es lohnt sich nicht mehr. Das kann man sagen. Also die Filmindustrie hat ja in den letzten Jahren einen langen Prozess durchlaufen der Umstellung auf digital, und das ist von der Industrie selbst herbeigerufen worden. Das führte eben dazu, dass jetzt dieser Einbruch der Umsätze seit 2006 bei Kodak um 96 Prozent da ist.

Das ist noch immer ein ziemlich großes Geschäft und kein ganz kleines. Man muss sich ja überlegen, dass auch diese offenbar verbliebenen Prozent im Jahr noch 449 Millionen Dollar ausmachen – das würde einen kleineren Filmproduzenten vielleicht schon erfreuen. Bei Kodak ist es aber eben so, dass in einem Maßstab zur gesamten Gesellschaft es nur noch zehn Prozent des Ergebnisses liefert. Und da fragt man sich natürlich, warum man die Technologie aufrechterhalten will, weil man ja weiß, dass es in Zukunft noch weniger werden wird.

Wenn die restlichen Kinos auch noch auf digitale Projektion umgestellt haben, fehlt eben einfach die Massenproduktion von Kinokopien, die auch ermöglicht, dass man nebenbei noch ein bisschen Negative macht, auf denen dann aufgenommen wird.

"Nicht auf die Dauer tragfähig"

Brink: Genau da wollte ich jetzt einhaken, wir haben es ja gehört, einige Leute aus der Filmbranche, wie also zum Beispiel der Regisseur Quentin Tarantino, der aus Überzeugung auf Rolle dreht, will jetzt einen Deal aushandeln zwischen Kodak und den Filmstudios – was halten Sie davon?

Koerber: Ich glaube nicht, dass das auf die Dauer tragfähig ist, weil einfach die Mengen, die zustande kommen, für ein Großunternehmen wie Kodak nicht wirtschaftlich interessant sind.

Brink: Und was ist dann sozusagen das Ende des Liedes, dass sie es aufgeben werden, oder werden sie sich überhaupt nicht auf den Deal einlassen?

Koerber: Ich glaube, im Moment werden sie sich sehr gerne auf einen Deal einlassen, weil sie natürlich eine Sicherung der noch vorhandenen Technologie mit einem gewissen Absatzgebiet, von dem man voraussagen kann, wie viel da umgesetzt wird, sicherlich schön finden für diese Zeit des Übergangs, aber ob es auf die Dauer möglich sein wird, mit einer kleinen Produktion, da bin ich nicht sicher.

Das liegt einfach an der Großtechnologie. Kodak ist ja ein riesiges Unternehmen, das eben auf Massenproduktion von Filmmetern gegründet war. Inzwischen ist das nicht mehr so, inzwischen machen sie andere Produkte und sind hauptsächlich im Bereich von Druckern und von Druckertinte unterwegs, und da versuchen sie zumindest mit zu überleben. Der Film ist eben nur noch ein ganz kleiner Teil des Geschäfts, aber die Maschinen, die früher die Millionen von Metern ... gemacht haben, die sind eben noch da. Und diese Maschinen mit kleinen Mengen wirtschaftlich zu betreiben, wird sehr schwierig bis unmöglich sein.

Verlust einer Filmästhetik?

Brink: Das klingt ja alles sehr plausibel, weil wir nutzen ja auch keine Kassetten mehr zum Beispiel, wir haben uns ja auch schon von den CDs verabschiedet, aber ginge mit der Filmrolle – das hat ja Quentin Tarantino sehr eindrücklich eigentlich geschildert – nicht auch eine bestimmte Filmästhetik verloren?

Koerber: Ja, die Filmrolle und die Filmrolle sind ja verschiedene Dinge. Die eine Geschichte ist, dass ich auch Filme aufnehme und dann digital weiterbearbeite und dann sozusagen ein digitales Faksimile dessen, was auf Film aufgenommen worden ist, ins Kino käme.

Da bin ich auch schon nicht so sicher, dass selbst Tarantino das so machen würde, denn auch Herr Tarantino produziert ja natürlich seit Jahren digital, und die Filme erscheinen auch digital im Kino, selbst wenn sie mal auf Film aufgenommen worden sind.

Brink: Ich meine, für den Verleih werden sie ja eh digitalisiert, nicht?

Koerber: So ist es. Also die Filme, auch die Filme, die noch auf Film aufgenommen werden, weil man eben zum Beispiel die Palette der Farben schätzt oder das Korn oder andere Eigenschaften von Film, die werden trotzdem digital ins Kino kommen und sie werden natürlich auch digital zu Ende produziert. Und ich glaube auch nicht, dass Tarantino eine reine analoge Produktion gern noch machen würde. Dann wären viele der Dinge, die wir in seinen Filmen sehen, so jedenfalls nicht möglich.

Also da ist viel Romantik im Spiel, und auch in dem Einspieler, den Sie eben geliefert haben, ist ja von Magie der Fotografien, die da aufeinanderfolgen, die Rede, aber im Kino folgen eben schon lange keine Fotografien mehr aufeinander, auch nicht bei einem Tarantino-Film, sondern da läuft ein Datenstrom, und den kann man auch so gestalten, dass er wie Film aussieht. Davon bin ich eigentlich ziemlich fest überzeugt.

"Langzeitfähige Materialien herstellen"

Brink: Welche Konsequenzen hat das für Sie, für Ihre Branche, für die Filmarchivierung?

Koerber: Ja, bei der Filmarchivierung kommt ein ganz anderes Problem ins Spiel: zunächst mal der Verlust der vielen, vielen Filmsorten, die es gab, die man braucht, um Filme zu duplizieren.

Es ist ja in der Filmgeschichte so, dass die Filmemulsionen nicht immer dieselben gewesen sind seit 1895, sondern natürlich eine technologische Entwicklung im Grunde jedes Jahr neue Filmsorten auf den Markt gebracht hat, in denen Filme hergestellt worden sind. Und diese Filmsorten im Bereich der Negative erfordern wieder bestimmte andere Filmsorten im Bereich der Positive oder im Bereich der Duplikatmaterialien, die man braucht, um die Filme umzukopieren.

Und da haben wir sicherlich das Problem, dass wir die adäquaten Kopiermaterialien im Bereich Film schon zum Teil gar nicht mehr haben und in Zukunft auch nicht haben werden. Das heißt, auch für die Filmarchive gibt es eigentlich zur digitalen Verbreitung ihrer Filme keine Alternative. Der weitere Punkt ist natürlich die Langzeitsicherung. Da wird es auch für die Hollywoodstudios wieder interessant, und da, könnte ich mir vorstellen, liegt wahrscheinlich auch der Schwerpunkt eines möglichen Deals, dass man Kodak dazu bringt, langzeitfähige Materialien herzustellen, auf die man die vorhandenen, auch digital produzierten Filme ausbelichtet, um ein Material zu haben, das man lange sicher aufheben kann.

Brink: Also trauen Sie auch der Digitalisierung nicht?

Koerber: Das würde ich so nicht sagen, aber es ist natürlich immer gut, wenn man eine Alternative hat. Auch ein digitaler Archivar wird ja nicht nur auf einen Fall vertrauen, den er auf einem Server oder auf einer Festplatte irgendwo liegen hat, sondern er wird versuchen, denselben Inhalt in verschiedenen Medien, an verschiedenen Orten zu lagern, um mehr Datensicherheit herzustellen. Und ein Aspekt dieser Datensicherheit ist eben die Ausbelichtung auf Film.

"Ich bin skeptisch"

Brink: Also unterm Strich gesehen: Dieser Deal mit Kodak macht Sinn?

Koerber: Ich bin skeptisch. Ja, Sinn macht es natürlich immer, wenn man eine Technologie nicht einfach zugrunde gehen lässt. Wenn Sie sich vorstellen, dass wir uns in Zukunft in der Welt der ... in einer anderen Welt befinden würden, wo zum Beispiel Maler nur noch mit drei Pigmenten auskommen müssen oder vier, gelb, rot und blau, und Varianten davon gibt's nicht und mischen kann man auch nicht, dann ist das natürlich eine traurige Vorstellung.

Und dieser Vorstellung sieht man sich gegenüber, wenn man in der Technologie Film bleiben will. Dieses ist jetzt schon so weit, dass also die Auswahl dessen, was man zur Verfügung hat an Palette, unglaublich gering geworden ist und in Zukunft ganz weg ist. Die andere Frage ist: Kann man nicht etwas Ähnliches oder etwas Glaubwürdigeres oder etwas Bewegendes und ebenso wie Zelluloid Hinreißendes auch mit anderen Mitteln auf die Leinwand zaubern? Das, denke ich, kann man schon.

Brink: Martin Koerber, Leiter des Filmarchivs der Stiftung Deutsche Kinemathek, bleibt skeptisch. Danke für Ihre Einschätzungen!

Koerber: Mein Vergnügen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Rettet die Filmrolle! (Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 06.08.2014)

Interview

Historiker über Babi Jar"Es gab auch Kollaborateure"
Gedenkstätte Babi Jar in der Ukraine (picture alliance / dpa / Andreas Stein)

Deutschland und die Ukraine erinnern an die Opfer des Massakers von Babi Jar. Dem Historiker Jörg Baberowski geht das nicht weit genug: Auch Russland und Weißrussland müssten einbezogen werden. Von der Ukraine fordert er eine Aufarbeitung der Tatsache, dass es Kollaborateure gab.Mehr

FriedensmissionenNicht nur zahlen, auch hingehen
Ein Mann mit einem Stock bewaffnet, steht vor einem brennenden Fahrzeug in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. (PASCAL MULEGWA / ANADOLU AGENCY /afp)

Deutschland sollte sich stärker an UN-Friedensmissionen beteiligen, meint Daniel Maier, Mitarbeiter der UN-Mission Monusco in der Demokratischen Republik Kongo. Nötig sei unter anderem mehr Personal. Maier sieht noch mehr Kapazitäten.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur