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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 22.05.2011

An falscher Stelle gespart

Lehren aus dem Unfall in Fukushima

Von Dagmar Röhrlich

Die Reaktorblöcke von Fukushima (picture alliance / dpa)
Die Reaktorblöcke von Fukushima (picture alliance / dpa)

Die Katastrophe von Fukushima hätte wahrscheinlich mit einfachen und preiswerten Mitteln vermieden werden können. Durch den Einbau von tsunamisicheren Toren beispielsweise, die verhindern, dass die Gebäude geflutet werden oder indem Notstromdiesel auf einer Anhöhe hinter dem Kraftwerk aufgestellt worden wären, die die Notkühlung angetrieben hätten.

Fukushima: Auch nach Wochen bleibt die Lage ernst

Vier Stunden nach dem Tohoku-Beben war die Katastrophe bereits in vollem Gange: Im Reaktordruckbehälter von Block 1 lief bei fast 3000 Grad Celsius die Kernschmelze. Nach 16 Stunden war der größte Teil des Kernbrennstoffs geschmolzen und am Grund zusammengelaufen.

Was genau die Ursache dieser Kernschmelze war, wird diskutiert. Dabei geht es um die politisch interessante Frage, ob dieser Teil der Havarie durch das Beben selbst verursacht worden ist und damit in den Bereich "Restrisiko" fällt - oder ob der Tsunami, der die Anlage rund eine Stunde nach dem Beben traf, die Kernschmelze auslöste, weil er Notkühlsysteme und Stromleitungen zerstörte. Das wäre dann ein sträflich vernachlässigtes Risiko: Die Anlage war aus "Blauäugigkeit", so die Ansicht von Experten, vollkommen unzureichend gegen diese Naturgefahr ausgelegt worden. Angesichts der teilweise noch schwereren Tsunami, die den Baugrund der Anlage in historischer Zeit getroffen haben, habe die Betreiberfirma Tepco "Russisch Roulette" gespielt.

Inzwischen hat Tepco auch zugegeben, dass die Betriebsmannschaft von Block 1 zehn Minuten nach dem Beben die Notkühlung von Hand ausgeschaltet habe. Weil in den Blöcken 2 und 3 die Kühlung bis zum Tsunami funktionierte, setzten die fatalen Entwicklungen dort später ein. Aber auch in diesen Blöcken kam es dann höchstwahrscheinlich zu Kernschmelzen und auf jeden Fall zu Wasserstoff-Explosionen.

Außerdem ist mittlerweile klar, dass die Explosion in Block 4, der wegen einer Revision still gelegen hatte, nicht dadurch entstanden ist, dass die Brennelemente in den Abklingbecken überhitzten und das explosive Gas freisetzten. Vielmehr war es aus dem Nachbarblock über Verbindungswege dorthin gelangt und hatte sich dann in den unteren Stockwerken entzündet.

Die Lage in den Blöcken 1 bis 4

Die Gefahr, dass die Kernschmelze aus Block 1 in die Außenwelt gelangt, wird von Tepco derzeit als gering eingeschätzt. Außerdem gehen Experten davon aus, dass momentan die Gefahr weiterer Explosionen gering sei - dafür sei die Temperatur am Boden des Reaktordruckbehälters, wo sich die Schmelze als schaumiges Granulat aus Brennstoff, Metall und Meersalz abgesetzt hat, zu niedrig.

Wie es in den anderen beiden Blöcken aussieht, ist unklar. Block 2, dessen Gebäude noch weitgehend intakt ist, steht voller Dampf. Dieses Problem tritt durch die zerstörten Dächer in den anderen Blöcken nicht auf. In Block 3 ist das Strahlungsniveau sehr hoch, wie zwei Arbeiter messen konnten, die das Gebäude jetzt betreten haben.

In allen drei Blöcken haben sich im Untergeschoss große Mengen kontaminiertes Wasser angesammelt, was die Rettungsarbeiten erschwert. Zwar will Tepco nun Wärmetauscher installieren, die die Temperaturen in den Abklingbecken unter Kontrolle bringen sollen, aber ob der ehrgeizige Zeitplan allein für diese Einzelmaßnahme eingehalten werden kann, ist umstritten. Das gilt erst recht für das Ziel, alle drei Reaktoren innerhalb der nächsten Wochen stabil zu kühlen.

Fatalerweise hätte die Katastrophe wahrscheinlich mit einfachen und preiswerten Mitteln vermieden werden können. Durch den Einbau von tsunamisicheren Toren beispielsweise, die verhindern, dass die Gebäude geflutet werden oder indem Notstromdiesel auf einer Anhöhe hinter dem Kraftwerk aufgestellt worden wären, die die Notkühlung angetrieben hätten.

Die Belastung der Umwelt

Seit dem 17. März wird aus den Anlagen erheblich weniger Radioaktivität freigesetzt als in den ersten Tagen. Inzwischen ist auch der größte Teil des radioaktiven Jods abgeklungen, sodass die Belastung sinkt. In den Gebieten in Richtung Nordwesten, wo in den ersten Tagen große Mengen des langlebigen radioaktiven Cäsiums niedergegangen sind, wird das Strahlungsniveau jedoch noch über Jahrzehnte hoch sein.

Angesichts der Werte hat sich die Regierung Japans inzwischen dazu durchgerungen, die Evakuierungszonen zu erweitern. Wo die geschätzte Strahlenbelastung 20 Millisievert pro Jahr überschreitet, sollen keine Menschen mehr leben. Strahlenschützer fordern die japanische Regierung auf, alle evakuierten Gebiete genau "durchzumessen". Aufgrund dieser Daten könnte man dann Entscheidungen über die langfristigen Evakuierungen fällen.

Betreiber ziehen Lehren

Inzwischen zieht auch der Weltverband der Reaktorbetreiber Schlüsse aus der Havarie von Fukushima. Zum einen soll die Robustheit der Anlagen untersucht werden, also wie viel Sicherheitsreserven sie im Ernstfall haben, etwa wenn das Hochwasser höher wird als gedacht. Und man sollte bei der Reaktorsicherheit künftig auch Ereignisse wie Vulkanausbrüche, das Versagen von Staudämmen oder Pandemien betrachten.

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