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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.02.2011

An der Schnittstelle

Werke von Thomas Struth in der Kunstsammlung NRW

Von Carsten Probst

K21 Kunstsammlung im Ständehaus, Düsseldorf (Helke Rodemeier)
K21 Kunstsammlung im Ständehaus, Düsseldorf (Helke Rodemeier)

Eine Besonderheit dieser groß angelegten Retrospektive sind frühe Aufnahmen, die Thomas Struth Ende der 70er-Jahre gemacht hat, während seiner Studienzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie. Sie verfolgen einen quasi neusachlichen Ansatz.

Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Mittelformat von Straßenzügen in Düsseldorf, aber auch in New York und anderen Städten: Sie sind hier größtenteils zum ersten Mal überhaupt öffentlich ausgestellt. Sie bieten Gelegenheit, den 1954 in der niederrheinischen Provinz geborenen Künstler zu den Motiven seiner Anfangszeit zu befragen:

"Zum Beispiel bin ich als Kind in einer Grundschule in Bilk gewesen auf der Aachener Straße, die war hinter einem Bunker. Ich meine, das ist nicht der Anlass gewesen, aber es kam einfach durch die Atmosphäre der Nachkriegsarchitektur und die Geschichten der Eltern und dieses Bewusstsein über den Krieg und so, da herrschte ja eine bestimmte Atmosphäre, von der man sehr beeinflusst ist, und ich hab im Grunde genommen mich immer mit dem beschäftigt, was um mich herum ist."

Der Architektur, die trotz Wiederaufbau und beginnender wirtschaftlicher Erholung die Zerstörungen der Kriegszeit abbildet, kommt darin der Charakter des Dokumentarischen zu. Die in Struths Bildern wie für eine präzise Untersuchung ausgestellte Atmosphäre der Straßen dokumentiert das Fortleben von Geschichte im Alltäglichen. Thomas Struth nimmt sich der Zeittendenzen an, in der das sogenannte Alltägliche zum Thema der Kunst wird, nicht allein über die Pop Art, sondern durch die Infragestellung von Kunst in der Konsumgesellschaft schlechthin:

"Da in der Zeit die Konzeptkunst und Minimal Art eine sehr erfrischende, analytische Qualität hatte, war dann der Gedanke, wie kann man das darstellen, und irgendwie bin ich auf die Zentralperspektive gekommen, weil ich ungern besondere Kompositionen machen wollte. Das erschien mir zu geschmäcklerisch. Ich war mehr daran interessiert, so ein vergleichendes Modell zu nutzen."

Seine frühen, in Format und Raumwirkung vergleichsweise bescheidenen Schwarz-Weiß-Abzüge aus den Düsseldorfer Jahren geben damit vielleicht sogar mehr Auskunft über den Künstler als manche seiner heute zu sechsstelligen Summen gehandelten großformatigen Arbeiten. Von der Straßenmitte aus verfolgt der Blick zum einen den Straßenverlauf und umfasst andererseits die Bebauung an den Rändern wie im Panorama. Struth, so erscheint es, lässt die Wirklichkeit für sich selbst sprechen, ein quasi neusachlicher Ansatz, der von der damals geläufigen Skepsis gegenüber aller künstlerischen Nobilitierung der Realität durchdrungen ist. Begeistert von den US-amerikanischen Minimalisten wie Carl André oder Sol Lewitt aber auch von Bruce Nauman oder Daniel Buren erprobten sich damals zahlreiche Schüler von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie in einer minimalistischen Fotografie:

"Aber da war klar, da können wir ja nicht weiter machen, und irgendwie war das auch so dann Mitte der 70er-Jahre, dass sich das etwas austrocknete. Also dass man das Gefühl gehabt hat, für unsere Generation ist da zu wenig Fleisch drin, da ist zu wenig Lust drin, irgendwie müssen wir wieder das Figurative und das Erzählerische da wieder zurückholen. Aber das andere war sicher der Nährboden dafür, diese starke Verbundenheit mit Konzepten. Dass man nicht einfach drauflos bastelt, sondern dass man dabei nachdenkt, was die Strategie ist oder worum es eigentlich im Prinzip geht. Also das war für unsere Generation ein richtiges Geschenk, also quasi an dieser Schnittstelle zu sein."

Seine Anfänge als Maler in der Klasse von Gerhard Richter brachten Struth dazu, sein Thema, die Durchdringung von Geschichte und Gegenwart später in die Fotografie zu verlagern, in dem er der Fotografie einen quasi malerischen Charakter gab: Die Formate seiner Abzüge erinnern seitdem eher an die großen, wandfüllenden Leinwände alter Meister. Beispielhaft für Struth sind die Arbeiten, die das Publikum vor Gemälden in Museen oder in großen, mit Bildwerken überhäuften Kirchenräumen zeigen. Immer wieder scheint es, als gingen Gemälde und Publikum ineinander über.

Diese Arbeiten zählen zu den bekanntesten, aber auch den beliebtesten von Struth, weil sie in der Zeit ihrer Entstehung, den frühen 90er-Jahren, also eine Art kulturelle Rückversicherung gelesen wurden, die den Nerv der Zeit traf: Deutschland war wiedervereinigt, der Kalte Krieg, die Nachkriegszeit wurde landauf, landab für beendet erklärt. Deutschland sollte eine normale Nation sein, mit normaler Geschichte. Kunst und Alltag rückten auf eine ganz neue Weise zusammen, als Rückbesinnung auf die alten kulturellen Werte. Museen spiegelten plötzlich dem Publikum nicht mehr heroische Vergangenheit, sondern aktuellen patriotischen Selbstwert.

Und Struths Arbeiten schienen das widerzuspiegeln. Fotografie also als das zeitgemäße Medium eines patriotischen Kulturkonservatismus? Auch Struths gemäldehafte Fotogroßkunst hatte in dieser Zeit ihren großen Durchbruch. Bei seinen Arbeiten gehe es ihm immer um lebendige Geschichte, erklärt Struth, darum, wie man sich aus dieser deutschen Vergangenheit heraus motivieren kann, an die Zukunft zu denken. Bei aller panoramatischen und farbigen Wucht, der Struth sich gerade auch in seinen aktuellen Arbeiten wieder bedient, zwingen die Bilder zum genauen und genauesten Hinsehen.

Informationen der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zur Retrospektive Thomas Struth

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