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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.01.2010

Amerikanischer Traum in Zeiten der Krise

Adam Haslett: "Union Atlantic", Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 395 Seiten

Knoten der Ereignisse der vergangenen zwei Jahrzehnte  (AP)
Knoten der Ereignisse der vergangenen zwei Jahrzehnte (AP)

Wie ist das machbar, möchte man fragen, nach gut einem Jahr Finanzkrise einen Roman herauszubringen, der eben diese behandelt. Zumindest suggeriert das der Klappentext, der den Roman als "Buch der Stunde" bewirbt. Den Amerikanern, die in drei Jahren die Atombombe bauten, wäre das zuzutrauen. Aber ein Roman ist keine Atombombe und so sind doch zunächst Zweifel angebracht.

Es verhält sich einfach so: Schon seit einigen Jahren saß der Autor Adam Haslett, Jahrgang 1970, an seinem Debütroman über eine Finanzheuschrecke und seine Interpretation des amerikanischen Traums, über das, was die "atlantische Union" ausmacht – zunächst der Name einer fiktiven Großbank, aber auch Metapher für die US-Gesellschaft. Die neuerliche Finanzkrise seit dem September 2009 brach wahrscheinlich in seinen Schreibprozess ein und fokussierte das Projekt. So drängten die Verlage, und nun kam es zu einer skurrilen Situation: Die US-amerikanische Ausgabe erscheint erst dieses Jahr, die deutsche Übersetzung wurde bereits – bislang ohne nennenswerte Resonanz – im Herbst 2009 publiziert.

Unsere Finanzkrise kommt – was der Klappentext nicht verrät – überhaupt nicht vor. Die Handlung erstreckt sich von 1988, mit einem Rückblick in die Militärzeit der Hauptfigur Douglas oder "Doug" bis zu einer fiktiven Bankenkrise im Jahr 2002. Doug realisiert den amerikanischen Traum, zumindest die herkömmliche Variante: aus einfachsten Verhältnissen stammend, die Mutter Alkoholikerin, ergreift er die Chancen, die sich ihm bieten, und schafft es bis zum leitenden Investment-Manager in der drittgrößten Bank, eben der fiktiven "Union Atlantic" – mit millionenhohen Bonuszahlungen. Doug verstrickt sich in windige Geschäfte und plötzlich geht es um eine halbe Milliarde Verlust. Der Absturz ist tief: Er wird verhaftet und taucht unter falschem Namen nach Kuwait ab, wo er bei einer privaten Sicherheitsfirma anheuert.

Allein schon dieser Hauptstrang des Romans könnte die fast 400 Seiten bequem ausfüllen. Aber wie Adam Haslett diese fast klischeehafte aber ebenso typische Biografie mit zahlreichen Nebenfiguren verwirkt und verzahnt ist schlichtweg meisterhaft: Der Jugendliche Kiffer Nate entdeckt an dem gutaussehenden Broker seine Homosexualität, die pensionierte Geschichtslehrerin Charlotte duldet nicht, dass Douglas ihr seine protzige Designer-Villa neben ihr altes Holzhaus baut – und eine ganze Kaskade von liebevoll wie raffiniert gezeichneten weiterer Figuren. Nicht zu vergessen die beiden sprechenden Hunde der alten Lehrerin, die Milton und Shakespeare zitieren.

Insofern ist Adam Hasletts ausgesprochen leidenschaftlicher und literarisch gelungener Roman tatsächlich das "Buch der Stunde": Man hat als Leser den Eindruck, den Knoten der Ereignisse der vergangenen zwei Jahrzehnte vor sich zu haben, und ist zuhöchst erstaunt, wie kunstvoll er hier – allerdings katastrophisch – aufgelöst wird.

Die Wirtschaftswelt ist nicht mehr der beschauliche Kosmos von Adam Smith, dessen Begriff von der "unsichtbaren Hand" natürlich in Hasletts Buch nicht fehlt: Der Markt, der sich wie eine Naturlandschaft selbst reguliert, ist zu einem Kriegsschauplatz geworden, in dem buchstäblich die Tötungsschwellen sinken. In seiner Unfähigkeit zu lieben, an der der Held zugrunde geht, manifestiert sich die Unmoral, die sich durch den täglichen Aufstiegskampf gleichsam verknöchert.

So stellt Haslett der amerikanischen Gesellschaft ein höchst bedenkliches Zeugnis aus: Der ewige Zwist zwischen Republikanern und Demokraten ist ein kalter Bürgerkrieg, der nach dem heißen Bürgerkrieg von 1865 latent weiterwirkt. So ist es ein Fanal, wenn sich die Verkörperung des aufklärerisch-demokratischen Amerika, Charlotte, samt ihres Familienhäuschens selbst verbrennt.

Formal ist zu bewundern, wie jedes Detail seine psychologische oder symbolische Dimension entfaltet. Das reicht gewiss an die Qualität eines Jonathan Franzen, der auch ein hymnisches Lob für den Buchrücken beigesteuert hat. Franzen hat recht: "Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall." Und noch viel mehr als das: massives literarisches Können.

Besprochen von Marius Meller

Adam Haslett: Union Atlantic. Roman.
Aus dem Englischen übersetzt von Uda Strätling.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 395 Seiten, 19,90 Euro

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