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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.03.2007

Am Rhein reiften die Feigen

Josef Reichholf: "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 336 Seiten

Klima und Wetter waren für Reichholf entscheidend für kulturelle und politische Entwicklungen des vergangenen Jahrtausends. (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Klima und Wetter waren für Reichholf entscheidend für kulturelle und politische Entwicklungen des vergangenen Jahrtausends. (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Der Münchener Zoologe Josef Reichholf hat "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" geschrieben und erklärt darin viele historische Entwicklungen als wetter- und klimabedingt. Sein verblüffender Rundumschlag reicht von den christlichen Kreuzzügen über den Kartoffelanbau bis zum Naturbild der Romantiker.

Der Münchener Zoologe Josef Reichholf hat sich seinen Ruf als enfant terrible der Umwelt- und Naturschutzbewegung redlich erworben, weil er gut begründet immer wieder liebgewordene Vorurteile und Denkfehler attackiert hat. So ist es auch diesmal. Das Thema klingt knochentrocken und wenig aufregend und hat es doch in sich.

In seinem Buch "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" findet der Münchner Autor anhand des Wandels der klimatischen Verhältnisse viele verblüffende Erklärungen für historische Ereignisse, die die klassische Geschichtsschreibung völlig übersehen hat, und die auf Anhieb einleuchten. Erstaunlich, dass nicht bereits andere darüber gestolpert sind. Dazu hat er ausgewertet, was immer sich in alten Dokumenten, Geschichtsschreibungen, Literatur, sogar in Gemälden sowie in jüngsten Forschungsstudien über die damaligen Klimaverhältnisse finden ließ.

So herrschte während des frühen Mittelalters in Nordeuropa ein so mildes Klima, dass am Rhein Feigen reiften. Die Felder brachten reiche Ernten. Dank besserer Ernährung wuchs die Bevölkerung rasch an. Es gab einen Männer- und Frauenüberschuss. Genau in dieser Periode starten die Kreuzritterzüge, bei denen zehntausende junger Männer ihr Blut vergossen und damit keine Nachkommen zeugen konnten. Gleichzeitig gründeten sich zahlreiche Klöster, erstmalig auch Frauenklöster, so dass auch damit ein Teil der Bevölkerung für die Fortpflanzung wegfiel. Hätten sich all diese Menschen vermehrt, hätten die Nahrungsmittel schon bald nicht mehr für alle gereicht. Verteilungskämpfe wären ausgebrochen.

Erst als im Spätmittelalter das Wetter wieder umschlägt, eine kleine Eiszeit beginnt, nimmt der Bevölkerungsdruck ab, denn die sinkenden Temperaturen führen zu harten Wintern, kühlen Sommern. Schlechte Ernten führen zu Nahrungsmittelnot und damit verbunden zu einem schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung.

In Deutschland fängt man an, lehmverputzte und damit Wärme haltende Fachwerkhäuser zu errichten. Das Himmelbett mit geschlossenen Bettvorhängen kommt auf, um die Körperwärme besser zu halten. Man geht mit Zipfelmütze, Nachthemd und Socken ins Bett. Im ehemaligen Weinland Bayern setzt sich der Biergenuss durch. Die im Winter zufrierenden Seen und Teiche bieten genügend Eisblöcke, um das Bier den ganzen Sommer über im Keller kühl zu halten. Feuerholz frisst die Wälder auf, hinterlässt riesige Kahlschläge. Da es in den lichten Wäldern nur noch wenig jagdbares Wild gibt, das zudem dem Adel gehört, deckt die Bevölkerung ihren Fleischbedarf durch Vogeljagd und räumt deren Nester aus.

Erst im 20. Jahrhundert, als sich die Lebensverhältnisse bessern, dank Kunstdünger und Pestiziden die Ernteerträge rapide stiegen, werden Singvögel geschützt. Dass die romantische Bewegung im 19. Jahrhundert die damals vorherrschende Natur, die von Nährstoffmangel und Überweidung geprägt war, zum Idealbild des "Naturhaushaltes" machte, ist für Josef Reichholf ein Musterbeispiel falsch verstandener Naturliebe. Die Natur ist nie statisch. Alles verändert sich.

Viele Änderungen in der Sozial- und Sittengeschichte finden in der Klimageschichte eine rationale Erklärung. Warum setzte sich der Kartoffelanbau erst im 19. Jahrhundert durch, obwohl die Frucht aus Südamerika bereits lange vorher bekannt war? Vorher wäre sie im Boden erfroren. Es musste erst wärmer werden. Auch der Artenschwund ist keine neue Entwicklung. Mit den europäischen Siedlern kamen Nutzpflanzen und -tiere zum Beispiel nach Südamerika. Sie verdrängten zahllose einheimische Sorten und Rassen.

Die Globalisierung fand, so Reichholf, bereits vor 400 Jahren statt, als Spaniens Armada aufbrach, die neue Welt zu entdecken. Nicht nur die Indios starben an den Bagatellerkrankungen der Eroberer, auch ihre Pflanzen und Tiere. Das Artensterben muss damals extrem gewesen sein.

Zum Ausklang seines ungewöhnlichen Rückblicks auf diese Geschichte der Natur widerspricht der Münchner Zoologe dann noch manchen Klimaapokalyptikern. So sind zum Beispiel die Hochwasser der letzten Jahre menschgemacht, nicht wetterbedingt. Kältere Jahrhunderte kannten weit katastrophalere Überschwemmungen.

Josef Reichholfs kurze Naturgeschichte ist denn auch außerordentlich aufschlussreich, informativ, voll erstaunlicher Erkenntnisse, lange übersehener, verblüffender Zusammenhänge – ein echter Lesegenuss für entdeckungswillige Naturfreunde und Geschichtsinteressierte.


Rezensiert von Johannes Kaiser

Josef Reichholf: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007
336 Seiten. 19,90 Euro

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