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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.07.2012

Am Nullpunkt der Demokratie

Über die Ambivalenz der Politik gestern und heute

Von Hans Christoph Buch

Ein Außenthermometer zeigt null Grad Celsius.
Ein Außenthermometer zeigt null Grad Celsius. (picture alliance / dpa / Lehtikuva / Timo Jaakonaho)

Auf der politischen Agenda stehen lauter ungelöste Probleme: Klimawandel, Unterdrückung, Wirtschafts- und Finanzkrise. Was können Politiker lösen? Wann versprechen sie mehr als sie sollten? Anlass für den Schriftsteller Hans Christoph Buch, über den Nullpunkt der Demokratie nachzudenken.

"Sobald man mit den Offiziellen redete, hatte man das Gefühl, dass alles, was geschah, sinnvoll und vernünftig war", notierte der durch seine Manhattan-Trilogie berühmt gewordene Romancier John Dos Passos während einer Europareise. Die Menschen, die diese offizielle Traumwelt aus internationalen Konferenzen und Absprachen der Großen bewohnten, seien genauso blind gewesen wie ihre Vorgänger in Versailles angesichts der Tatsache, dass sie den Mord an ihren eigenen Kindern vorbereitet hätten.

Hier ist nicht die Rede vom vergeblichen Versuch, Afghanistan oder den Irak zu befrieden, auch die EU-Schuldenkrise und der Staatsbankrott Griechenlands lagen in weiter Ferne, als Dos Passos nach seinem Deutschlandbesuch im Winter 1945 die zitierten Sätze zu Papier brachte. Das Dritte Reich war in Besatzungszonen aufgeteilt, und auf den Schutthalden des Krieges suchten Überlebende, Flüchtlinge und Displaced Persons aus Lagern und KZs nach Brennholz und Lebensmitteln. Dos Passos hatte sich früher als andere Linksintellektuelle vom Kommunismus losgesagt, der Kalte Krieg warf seine Schatten voraus, aber mehr als der sich anbahnende Konflikt mit Stalins Sowjetunion empörte den Autor das himmelschreiende Elend der Bevölkerung, verstärkt durch Inkompetenz, falsche Prioritäten und Reibungen unter den Siegermächten. Deutschland und Österreich büßten kollektiv für die Verbrechen der Nazis – Stichwort Morgenthau-Plan, und es dauerte Jahre, bis die Marshall-Hilfe die schlimmste Not beseitigte.

Das Zitat ist nicht nur durch den historischen Kontext interessant. Es benennt eine Konstante politischen Handelns, an der sich bis heute nichts geändert hat: Die unüberbrückbare Kluft zwischen den Sonntagsreden der Politiker und den Leiden der Menschen, die ausbaden und auslöffeln müssen, was "die da oben" ihnen einbrocken. Die postmoderne Mediendemokratie hat diese Kluft erweitert und vertieft: Sogenannte Spin-Doctors sorgen dafür, dass die Reden der Verantwortlichen gut rüberkommen - unabhängig davon, ob den vollmundigen Statements reale Fortschritte und faktische Verbesserungen entsprechen oder nicht.

So wird die EU-Schuldenkrise schön geredet, ähnlich wie der Klimawandel oder die Arbeitslosenstatistik, und die Sache wird dadurch kompliziert, dass diejenigen, die uns das Blaue vom Himmel versprechen, keine Lügner oder Zyniker sind, sondern nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Oder ist die Politikerschelte, der das Tagesgeschehen die Stichworte liefert, Ausdruck populistischer Demokratieverdrossenheit, die so wohlfeil wie gefährlich ist?

Ja und nein, denn die Regierenden sind nicht klüger als das Volk, das sie wählt, nur besser informiert. Jedenfalls sollte das sein, wer sich um ein öffentliches Amt oder Mandat bewirbt, das der Normalbürger nicht anstrebt aus Angst vor der Bürde politischer Verantwortung. Die Diskrepanz zwischen dem Sachverstand der Experten und dem Gerede und Gemecker selbst ernannter Stammtischstrategen ist ein Lebenselixier der Demokratie, denn in dieser Grauzone werden Wahlen entschieden und Weichen für die Zukunft gestellt. Kein Weg führt an diesem Dilemma vorbei.

Das wusste Dos Passos, als er 1945 in Berlin General Clay interviewte, der lächelnd hinter seinem polierten Schreibtisch saß: Demokratie heiße gar nichts, habe er gesagt, wenn sie nicht auf untersten Niveau, in jedem Dorf beginne. Wir fingen bei Null an. Das Problem sei, dass wir noch nicht wüssten, mit welcher Art Deutschland wir zu tun haben würden, mit vier Teilen Deutschlands oder mit einem vereinten.

Hans Christoph Buch, Schriftsteller, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er-Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloss", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh", "Tanzende Schatten"‚ "Reise um die Welt in acht Nächten". Sein Roman "Apokalypse Afrika" erschien 2011 in der Anderen Bibliothek, der Essay "Haiti - Nachruf auf einen gescheiterten Staat" 2010 bei Wagenbach.