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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.09.2012

Am Ende summen alle Shalom, Shalom

Wie religiöse Musik in Jerusalem die Menschen multikulturell zueinander bringt

Von Werner Bloch

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem
Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (AP Archiv)

Ein 24-stündiger Konzert-Marathon - von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang: Das ist das Jerusalem Sacred Music Festival. Dort war unter anderem Sufi-Musik aus Asien zu hören, aber auch tibetische Hörner, Meditationen aus Iran und Neue Musik.

Wer hätte das gedacht: Iranische Musiker spielen in Jerusalem. Mitten im Herzen der Altstadt, gleich neben dem Jaffa-Tor, in der so genannten Davidszitadelle, einem festungsartigen Bau aus weißem Stein, mit mächtigen Türmen und zierlichen Gärten. Für 24 Stunden wird der Davidsturm eine Bühne sakraler Musik.

In einem Garten unter Feigenbäumen eröffnet die Gruppe "Constantinople" das Festival: zwei Brüder aus dem Iran, zurzeit leben sie in Kanada.

Der Leiter des Festivals, Gil Ron Shama: "Für mich als künstlerischer Leiter des Festivals sakraler Musik ist es wichtig, den Menschen in Israel und überall auf der Welt klarzumachen, dass die Quelle der reichen orientalischen und mediterranen Musik in Persien liegt. Die Perser haben in ihrem riesigen Reich lange vor den Griechen oder den Arabern die Musik der Völker absorbiert, analysiert und wissenschaftlich erfasst. Und nicht nur das. Ihr zentraler Gedanke war: Die Musik als Wissenschaft der Harmonie sollte die Welt heilen."

Ein ehrgeiziges Projekt. Die iranischen Musiker aber müssen, sollten sie jemals nach Teheran zurückkehren, um ihr Leben fürchten. Denn die Ayatollahs könnten sie hinrichten lassen – allein deshalb, weil sie nach Israel gereist sind.

Jerusalem: eine Stadt, die überquillt voller Religion, Kultur und Geschichte. Doch Jerusalem steckt voller Verkrustungen, voller Ideologien, voller Grabenkämpfe. Christen gegen Muslime, Muslime gegen Juden, Israelis gegen Palästinenser.

In dieser Nacht aber geschieht am Davidsturm Erstaunliches. Da geben israelische Sufi-Musiker, Männer, die nach ihrem Militärdienst nach Indien gegangen sind und dort die muslimische Sufi-Musik erlernt haben, einen Workshop und bewegen Hunderte zum Tanz.

Da stehen streng religiöse Rabbis mit schwarzem Hut und grauem Bart neben langhaarigen Hippies in bunten indischen Gewändern. Rabbi Eyal Said Maany gilt als einer der besten Musiker Israels, er spielt auf persischen Musikinstrumenten. Seine Geschichte zeigt auf eine eklatante, bestürzende Art, wie sehr sich Lebensgeschichten, Religionen und Politik im Nahen Osten vermischen und durchdringen:

"Ich bin als Muslim in Teheran aufgewachsen, mein Vater war einer der beiden höchsten Ayatollahs. Bis ich 16 war, wusste ich nicht, dass ich Jude bin. Dann flog ich mit meiner Mutter nach Wien, wo ich klassische Musik studieren sollte, Beethoven und Bach. Im Flugzeug erzählte mir meine Mutter, dass ich Jude bin, denn sie selbst sei Jüdin – ein Jude ist ja definiert als Sohn einer jüdischen Mutter. Die ganzen Jahre über hatte sie mir meine Identität verschwiegen. Warum, kann sich jeder vorstellen. Wahrscheinlich wollte sie mich vor Antisemitismus schützen.

Nachdem ich erfuhr, dass ich Jude bin, bekannte ich mich zum Judentum, wurde Rabbi. Über Politik spreche ich nicht. Aber: Zwischen dem iranischen und dem israelischen Volk gibt es sehr viel Zuneigung und Liebe. Die Probleme bestehen nur in den Medien und zwischen den Politikern."

Höhepunkt des Konzerts ist dann der Sonnenaufgang, von der Davidszitadelle aus betrachtet: Auf dem Ostturm liegen Zuhörer halb dösend, halb zuhörend auf Teppichen und Kissen. Sufi-Musiker spielen sanfte Klänge, am Ende summen alle Shalom, Shalom. Das könnte eigentlich richtig kitschig wirken – hier oben, in 80 Meter Höhe über Jerusalem, erscheint es durchaus angemessen.

Sakrale Musik – das lässt in Europa an die alten Meister denken, an Buxtehude und Bach. In Jerusalem klingt das ganz anders, orientalisch, weitläufiger, kosmopolitischer.

Im Vorfeld des Festivals waren im Internet kritische Kommentare zu lesen, in denen das Festival als pro-isarelische Propaganda hingestellt wurde. Auch Forderungen nach einem Boykott wurden erhoben. Und in der Tat: Kein einziger Musiker aus den Palästinensergebieten war zu hören.

Doch der Leiter des Jerusalem Festival of Culture, Itay Mautner, setzt auf Dialog. Einen Dialog ohne Alternative:

"Der Boykott ist eine harte Nummer. Hassan Hakmoun, ein Marokkaner, hat seine Performance in Jerusalem auf Facebook eingestellt hat. Er bekam viele Hassmails - allein dafür, dass er nach Israel gereist war. Ich bin im Allgemeinen gegen viele Dinge, die meine Regierung tut – nicht nur die jetzige. Unsere Regierungen haben schwere Fehler gemacht. Aber ich glaube nicht an den Kulturboykott. Selbst in der Beziehung zu meiner Frau löst Gesprächsverweigerung keine Probleme. Man wird dann nur selbstbezogener und ungerechter. Wenn man kommuniziert, lassen sich viele Dinge verbessern.

Deshalb bin ich froh, dass wir dieses Festival durchgesetzt haben, obwohl so viel hätte schief gehen können: Demonstrationen, Gewalt, Protest auch von Ultraorthodoxen, die das Konzert hätten stören und rufen können: Boykott, Jerusalem gehört nur den Juden! Und nichts von alledem ist passiert."