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Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSein und Online
Ein Internetnutzer hat ein Tablet auf dem Schoß, darauf ist eine Facebook-Illustration zu sehen. Seine Beine sind über eine Sofalehne geschwungen. 

Im Computer gibt es keine große Pause wie im Theater: Der Besucherschwund der Analog-Bühnen beschäftigt heute mehrere Feuilletonisten. Sind Twitter und Facebook schuld oder gar die "Blogwarte", von denen einer schreibt? Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2012

Am Anfang und am Ende ein Buch

In London beschäftigt sich eine Ausstellung mit dem frühen Theaterschaffen Shakespeares

Marmorplastik von Shakespeare in Weimar
Marmorplastik von Shakespeare in Weimar (picture alliance / dpa)

Den Briten stehen gleich zwei Shakespeare-Jubiläen ins Haus: 2014 der 450. Geburtstag und 2016 der 400. Todestag des Dichters. Doch schon jetzt feiert man den "Olympier" der Weltliteratur allerorten. So auch beim World Shakespeare Festival und nun mit einer Ausstellung im Britischen Museum.

Dora Thornton: "Wir zeigen Shakespeares Laufbahn als Bühnen-schriftsteller aus der Sicht seines Publikums. Der Besucher soll sehen, wie es war, zu ihm in's Theater zu gehen."

Wie es war bei Shakespeare im Theater: Die Schau im British Museum gibt einen Eindruck davon. 200 Exponate markieren den Weg durch das Werk des Dramatikers und durch das Umfeld, in dem dieses Werk entstand: das elisabethanische London. Kuratiert hat die Ausstellung Dora Thornton.

"Wir präsentieren Zitate aus den Texten und parallel dazu Objekte aus der Shakespeare-Zeit. Eines soll das andere erhellen. Gegenstände aus der realen Welt des Dichters treten in einen Dialog mit dem Reich seiner Fantasie.

"The Rose", "The Hope" und "The Globe": das waren die drei prominentesten Londoner Bühnen um 1600. 15.000 Theatergänger zählte man - Woche für Woche.

Ein Kapitel Shakespeare-Archäologie sind die Funde, die bei den Ausgrabungen an den Originalstandorten der "Playhouses" gemacht wurden. Sie, meint die Kuratorin, bringen uns auf Tuchfühlung mit dem Autor und seinem Publikum.

"Immer wieder fand man Tonpfeifen. Im Theater wurde offensichtlich viel gequalmt. Zum Vorschein kamen auch Wertsachen: Goldringe, Kosmetikutensilien und Gabeln für den süßen Imbiss zwischendurch, vermutlich auch während der Vorstellung."

Schmuck, Waffen, Rüstungen, Karten, Fahnen, Gemälde, Zeichnungen: Mit zeithistorischem Material rekonstruiert die Schau die elisabethanische Epoche, die Entstehung der Theater-szene und die Herausbildung einer englischen beziehungsweise britischen Identität, jeweils durch die Linse des Shakespeareschen Oeuvre.

Man darf spekulieren: Trug Shakespeare dieses Amulett? Und diese Goldmünze aus dem alten Rom: Hielt er sie selbst in der Hand, hat sie ihn inspiriert zu seinem "Julius Cäsar"?

Wenn dieser Freund dann fragt, warum Brutus gegen Cäsar aufstand, ist dies meine Antwort: nicht weil ich Cäsarn weniger liebte, sondern weil ich Rom mehr liebte.

"Brutus selbst ließ die Münze anfertigen. Sie zeigt zwei Dolche und trägt die Inschrift 'Die Iden des März'. Sie wurde als Anhänger getragen, möglicherweise von jemandem aus dem Kreis der Verschwörer. Wir sagen nicht, dass Shakespeare die Münze kannte, aber wir sagen: Sie ist ein möglicher Brennpunkt, an dem sich seine kreative Fantasie entzündete."

Der Rundgang mündet in einen ganz in Weiß gehaltenen Raum, der einer modernen Kunstgalerie nachempfunden scheint. Im Zentrum stehen hier "Der Sturm", das letzte Stück des Dramatikers, der ganze Themenkomplex der Erkundung neuer Welten mit den Mitteln des Theaters und der Sprache - und Shakespeares Erbe.

Die Schau endet wie sie begann: mit einem Buch. Die erste Folio-Ausgabe der Dramen, erschienen 1623, stand am Anfang; den Abschluss bildet die sogenannte "Robben Island-Bibel", eine Shakespeare-Werkausgabe, getarnt als Hindu-Schrift.

Sie diente den Häftlingen auf der Gefängnisinsel vor Kapstadt als Überlebensmittel. Auch die Gegner des Apartheid-Regimes gehörten zu Shakespeares Publikum. Aufgeschlagen ist das Buch an einer Stelle seines "Julius Cäsar".

Der Feige stirbt schon vielmal, eh' er stirbt, Die Tapferen kosten einmal nur den Tod.

"Nelson Mandela hat die Zeilen markiert und am Seitenrand seinen Namen dazu gesetzt. Ich denke, das ist ein Indiz für Shakespeares Anteil am Gewissen der Welt. Er umspannt Jahrhunderte und ganze Kontinente. Und wo er auch hinkommt, wächst ihm immer wieder neue Bedeutung zu. Das ist sein großes Vermächtnis."

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