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Studio 9 | Beitrag vom 22.10.2014

Altenheim im AuslandZur Pflege nach Polen

Einrichtungen werben mit niedrigen Preisen

Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

Im Vordergrund eine Rose, im Hintergrund ein Krankenbett mit einer alten Frau und einer jüngeren am Bett. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Gepflegt ins Alter in Polen. (Picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Einrichtungen wie die "Seniorenresidenz an der Oder" bieten Pflege in Polen für Senioren aus Deutschland. Die Pflegeheime sind günstiger als die deutschen. Einigen Kunden wird "Oma-Export" und "Angehörigen-Entsorgung" vorgeworfen.

"Na, Helmut, wie sieht es aus?"

Marita Berghaus beugt sich über Helmut Seitner. Streicht dem 84-jährigen mit den schlohweißen Haaren und den breiten Hosenträgern über den Rücken. Der Rentner sitzt mit fünf anderen Senioren am Mittagstisch und wartet auf das Essen. Hier im hellen, lichtdurchfluteten Speisesaal in der Seniorenresidenz an der Oder. Im polnischen Zabelkow. Für Helmut Seitner gibt es heute eine Extra-Portion.

"Er isst für sein Leben gern Pilze und dann habe ich ihm ein paar Champignons auf dem Markt geholt, ein bisschen Speck, Zwiebeln, das war's. Und dann kann er sich jetzt..."

Inge aus dem Hintergrund: "Komm mal her!"

Marita Berghaus wird unterbrochen. „Komm mal her!" kommandiert Inge, vom anderen Tisch. Sie ist dement– wie die meisten der 40 deutschen Senioren hier.

"Was ist Inge?"

"Du hast gesagt..."

"Inge ist gut, manchmal ein bisschen hart drauf..."

Alle paar Monate fliegt Marita Berghaus knapp 1000 Kilometer von Deutschland nach Polen, um ihren 84-jährigen Vater zu besuchen. Der ehemalige Briefträger aus Bochum ist einer der ersten Bewohner des Pflegeheims.

"Klar, leicht fällt einem die Entscheidung natürlich nicht. Es bleibt immer noch ein kleiner Zweifel, haste jetzt das Richtige gemacht Und wir haben natürlich auch die Option offen gelassen, was ist, wenn, dass er dann nach Deutschland wieder kommt, das ist überhaupt keine Frage."

1300 Euro für einen Pflegeplatz"

Vor eineinhalb Jahren lebt Helmut Seitner noch allein, in seiner kleinen Wohnung im vierten Stock. Dann geht es gesundheitlich bergab. Der Rentner wird immer verwirrter, er ist Diabetiker, die regelmäßige Insulinspritze ist lebenswichtig. Marita Berghaus sucht nach einer Unterbringung. Mit deutschen Pflegeeinrichtungen hat sie schlechte Erfahrungen gemacht.

"Ich habe auch einmal eine Tante im Pflegeheim gehabt und da hatte ich auch so das Gefühl gehabt, die war so richtig abgeschoben. Die hat dann teilweise auch gesagt, es kümmert sich hier den ganzen Tag keiner um mich, ich bin mir hier wirklich selbst überlassen..."

Dann liest sie einen Bericht über das Pflegeheim in Polen: ein neues Gebäude, deutschsprachige Pflegekräfte und Ärzte, ein guter Betreuungsschlüssel. Die 60-Jährige guckt sich alles an und ist begeistert. Auch vom finanziellen Angebot:

"Natürlich müsste ich lügen, wenn ich sage 3000 oder 1300, das spielt natürlich auch eine Rolle mit. (...)"

1300 Euro zahlt Seitner für den Pflegeplatz an der Oder. In Deutschland wäre mindestens das Doppelte fällig.

"Marita ich warte draußen. Sie: Gehste schon mal eine schmöken?"

"Ich gehe eine schmöken..." 

Marita Berghaus hat sich mit anderen Frauen angefreundet, die –so wie sie - regelmäßig zu Besuch kommen. Aber vor dem Mikro mag sich keine äußern: "Oma-Export", "Angehörigen-Entsorgung" – das sind Vorwürfe die sie regelmäßig zu hören bekommen,

"Ich muss mich auch viel rechtfertigen, jetzt inzwischen nicht mehr aber die erste Zeit, ja, man hat immer auch so ein bisschen den Stempel aufgedrückt bekommen: Du hast ihn abgeschoben, natürlich, ganz klar, ich habe dann erzählt aus voller Überzeugung, wie es ist..."

Die Pflegerin würde die eigenen Eltern nicht ins Heim geben

Zeit für die Mittagsruhe. Marita Berghaus begleitet ihren Vater auf sein Zimmer. Eine Pflegerin räumt Gläser und Geschirr in die Spülmaschine. Ihr Name Mariola Drewicz ist auf ihr beiges Polo-Shirt gestickt.

"Sind sie schon fertig?"

Frau im Rollstuhl: "Viel ist nicht mehr..."

Um drei gibt es Kaffee, erzählt sie während sie aufwischt, was die alte Dame gerade verschüttet hat.

"Ich warte jetzt, dass die Frau ausgetrunken hat. Dann begleite ich sie zur Toilette und anschließend zu ihrem Zimmer,"

erklärt die Pflegerin und wirkt entspannt. Einige Monate hat sie in München in einem privaten Altenheim gearbeitet. Zu dritt waren sie da für 28 Bewohner zuständig, die Dienstpläne waren chaotisch, nie war Zeit, erinnert sich die alleinerziehende Mutter. Und dann war da noch ihre elfjährige Tochter, die sie bei ihrer Schwester in Polen zurücklassen musste.

"Das ist einer der Gründe, warum ich zurückkam nach Polen. Aber auch meine Mutter und mein pflegebedürftiger Bruder brauchen Hilfe. Ich kann hier mein Geld als Pflegerin verdienen und ich kann zu Hause helfen."

Obwohl sie findet, dass die deutschen Senioren gut aufgehoben sind in Polen, kann sie sich nicht vorstellen, ihre eigenen Verwandten im Heim unterzubringen.

"Das kann man nur rechtfertigen, wenn man wirklich arbeiten muss und keine andere Möglichkeit hat, sich um die Eltern zu kümmern. Ansonsten sollte man sie zu Hause pflegen. Ich würde sie niemals weggeben."

Als Mariola Drewicz das Fenster öffnet, dringt Baustellen-Lärm ins Haus. Gleich nebenan baut der Betreiber ein zweites Heim für deutsche Senioren. Es gibt bereits eine Warteliste...

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