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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.09.2010

Alte Fehler, neue Chancen

Wo findet das Wirtschaftswunder seine Fachkräfte?

Von Martin Tschechne

Fachkräfte wie Ingenieure und Techniker werden gesucht. (AP)
Fachkräfte wie Ingenieure und Techniker werden gesucht. (AP)

Jeder kennt sein Bild – das Bild ist Geschichte. Der Mann mit dem Moped wurde zu einer Symbolfigur für das deutsche Wirtschaftswunder – genau zu der Zeit, als sich hinter der allgemeinen Begeisterung auch die ersten Probleme des Wachstums andeuteten: das Problem der Verantwortung, das der Fremdheit, das der Gerechtigkeit.

Am 10. September 1964 traf Armando Rodrigues de Sà auf dem Bahnhof Köln-Deutz ein. Der einmillionste Gastarbeiter, wie es damals noch hieß. Eine Kapelle spielte einen spanischen Tusch – Rodrigues de Sà war Portugiese. Macht ja nichts! Es gab feierliche Reden, einen Blumenstrauß und besagtes Moped der Marke Zündapp als Willkommensgeschenk. Der Gast hatte von alledem nichts geahnt. Das Foto zeigt ihn mit dem Bartschatten einer langen Bahnfahrt, übernächtigt, überrascht, verwirrt. Herzlich willkommen.

Heute leben knapp sieben Millionen Ausländer in Deutschland. Insgesamt wird die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund auf rund 15 Millionen geschätzt. Menschen, die einst gerufen wurden, um dem schreienden Mangel an Arbeitskräften zu begegnen. Und wie schön: Gerade kündigt sich ein neues Wirtschaftswunder an. Die Auftragsbücher sind wieder voll und wieder werden Arbeitskräfte gesucht: Fachkräfte vor allem, Ingenieure, Techniker. Nicht mehr in erster Linie Hände, wie damals, sondern Köpfe. Menschen, die das Kapital einer guten Ausbildung selber mitbringen müssen. Denn die hiesigen Bildungsinstitutionen, so heißt es, könnten so schnell nicht reagieren. 70- oder 100.000 Diplom-Ingenieure lassen sich nicht aus dem Hut zaubern. Ganz nebenbei: Hat da die Politik nicht rechtzeitig reagiert?

Die Zeiten haben sich geändert seit jenem Tag 1964, als ein Portugiese zum Symbol dafür wurde, dass wir nicht mehr allein überleben können. Die Gäste wurden integriert oder haben es selber getan. Sie haben ihre Familien nachgeholt oder neue Familien gegründet, oft über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg. Und das Land hat sich verändert, ist bunter geworden, offener, der Wohlstand ist stetig gewachsen – für viele zumindest – und hat im Großen und Ganzen wohl auch die jüngste Krise solide überstanden. Wir haben viel Zeit gehabt, uns neu zu definieren. Eigentlich müssten wir sehr routiniert sein im Zusammenleben.

Offen gesagt: Wir sind es nicht. Seit 40, 50 Jahren leben wir nebeneinander, aber die Ratlosigkeit, die in einer Schulklasse herrscht, in der 30 Schüler fünf verschiedene Muttersprachen sprechen, ist drückend und peinlich, als gäbe es das Problem erst seit gestern. Immer schlimmer geht das Gezanke darum, welche religiösen oder kulturellen Symbole wo geduldet sind, um die Gefühle von Minderheiten oder auch die der Mehrheit nicht zu beleidigen. Respekt will gelernt sein, eine mühselige Angelegenheit, in beiden Richtungen. Computer-Spezialisten aus Indien haben wir vor einigen Jahren zu Hilfe gerufen – um dann bürokratische Hürden vor ihnen aufzutürmen. Na schön, sagten da die High-Tech-Superhirne: Gehen wir eben da hin, wo wir willkommen sind und obendrein noch besseres Wetter haben; der Wettbewerb ist global. Oder die russische Fachärztin, die ihren Lebensunterhalt bei uns bestreiten, sich integrieren möchte: Wie sieht das praktisch aus? Behördengänge, keiner fühlt sich zuständig, Hospitanzen, Praktika, Prüfungen, Zertifikate, Gutachten – wer so etwas beobachtet hat, dem kommen Zweifel, ob uns der Ärztemangel etwa in ländlichen Gebieten wirklich gar so sehr drückt.

Gesucht werden also – ja: Steuerzahler. Menschen, die für die Rente aufkommen in einem Land, in dem Kinder immer noch ein Armutsrisiko darstellen. Menschen, die ihre Chance auf Sinn und auf persönlichen Erfolg suchen und bekommen müssen, die aber ganz nebenbei dafür sorgen, dass unser Gemeinwesen auch in 20 oder 50 Jahren noch funktioniert. Und wenn es dem Bildungswesen nicht gelingt, diese Funktionen rechtzeitig mit gut präparierten eigenen Fachkräften zu besetzen – dann müssen wir die Tür eben ein wenig weiter aufmachen.

Dr. Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg. Er promovierte als Psychologe mit einer Arbeit zum Thema Hochbegabte. Zuletzt erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern im Verlag Ellert & Richter (herausgegeben von der "ZEIT"- Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius).

Politisches Feuilleton

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