Seit 17:07 Uhr Studio 9
 
Dienstag, 24. Mai 2016MESZ17:45 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2012

Als Hanns Eisler im Exil war

Horst Weber: "I am not a hero, I am a composer", Georg Olms Verlag 2012, 536 Seiten

Der Komponist Hanns Eisler (1898 - 1962) in einer undatierten Aufnahme (picture alliance / dpa)
Der Komponist Hanns Eisler (1898 - 1962) in einer undatierten Aufnahme (picture alliance / dpa)

Man kennt ihn vor allem als Schönberg-Schüler und als Komponisten der DDR-Hymne - doch auch in den USA hatte Hanns Eisler seine Hörer. Dem amerikanischen Exil des Musikers hat Horst Weber ein wohltuend ideologiefreies Buch gewidmet, das mit manch einem Klischee aufräumt.

Die Titel gefällt schon: "I am not a hero, I am a composer – Hanns Eisler in Hollywood". Die US-amerikanische Zeit ist eines der wichtigsten Kapitel im Leben Eislers, mit widersprüchlichen Auswirkungen auf sein Schaffen. Ein Held war der zuvor in europäischen Kreisen hochgeschätzte Mann in diesen amerikanischen Jahren wahrlich nicht, wohl aber einer, der um seine Existenz fürchten musste; ein Mann, der auf Tour war von New York über Mexiko zurück zur Ostkünste, dann wieder nach Kalifornien, wo er auch mal Klinken putzen ging, um in der Filmproduktion landen zu können. Das beschreibt der Autor sehr anschaulich, ohne darüber die Analyse einzelner Kompositionen (Lieder, Chöre, Instrumentalmusik, Filmmusiken) zu vernachlässigen.

Horst Webers Arbeit geht von einer stark gewandelten internationalen Beschäftigung mit dem Komponisten aus: Hanns Eisler ist, 50 Jahre nach seinem Tod, zunehmend präsent in der Gegenwart. Seine Musik wird gespielt, gesungen, systematisiert. Wissenschaftler forschen mehr denn je über den Künstler und sein Werk. Die Quellenlage ist ungleich besser als noch vor 25 Jahren. Weithin hat sich herumgesprochen: Da ist so ein Bursche, auf dessen Musik können wir rechnen, überaus gescheit und gewitzt im Umgang mit den verschiedensten Genres und Musikformen, ein Künstler, der grundsätzlich nicht einsah, warum er für Eliten komponieren sollte.

Davon geht Horst Weber aus. Wohltuend, wie gelassen und ideologiefern er die Figur Eisler behandelt. Einseitigkeiten, die in Zeiten des Kalten Krieges das Bild des Komponisten prägten, akzeptiert er nicht. Weber schätzt und analysiert Eisler sowohl als Schönbergschüler wie als Freund Brechts und ebenso als einen, dem die proletarische Revolution und die Theorien von Marx und Lenin alles andere als gleichgültig waren. Kein Gerede vom Komponisten der "Spalterhymne" für die DDR und "prosowjetischer" Kampflieder, keine einseitige Orientierung auf die Kammermusik des Schönbergschülers.

Der Autor, auf den Spuren Eislers im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, räumt mit dem Klischee auf, dieser hätte in Übersee kaum noch Publikum gehabt und wäre darüber bald zerbrochen. Doch Eisler hatte auch in New York seine Hörer: "In New York waren seine Kampflieder nicht nur auf den Demonstrationen der Arbeiter erklungen, sondern bis in die Carnegie Hall vorgedrungen." Zum umfassenden Bild der umfänglichen Schrift gehört freilich noch mehr. Im Kapitel "Reisesonate" etwa inspiziert Weber die Stationen und Wege Eislers auf der Visa-Suche zur Einreise, nach Arbeit, nach Aufträgen, die das Leben sichern. Bisweilen klingen Passagen, als würde ein Reporter oder Prosaiker schreiben.

Beliebte Methode hierfür: Fiktionales fließt ein. Anlässe sind Briefe, Karten, Telegramme, die Eislers in New York sitzende Frau Louise von ihm erhält. Mit Poststempel, Datum, Ort, Zeit und den Namen, Situationen, Umständen, die genannt werden. Derlei verfolgt Weber ohne Wahrheitsverlust stellenweise haarklein und bebildert es mit Fotos von Land- und Stadtansichten, die er in Büchern fand oder selbst aufnahm. Dazwischen stehen Analysen von bezeichnenden Exil-Liedern des Komponisten oder auch Kurzbeschreibungen der jäh sich verändernden Weltlage. Köstlich erzählt wird Eislers Arbeitssuche in Hollywood, die fast zum Verzweifeln ist. Und stets Louise im Hintergrund, die endlich Erfolge, sprich Geld sehen will.

Zentral in dem hochinstruktiven Band sind die Kapitel "Komponieren" und "Tribunale". Statt flüchtiger Beschreibungen bietet der Autor detaillierte Analysen gewichtiger Exil-Werke an und breitet vor dem Hintergrund der Kommunistenverfolgungen durch McCarthy die größte Niederträchtigkeit aus, die der "Karl Marx der Musik" im US-Exil erleben musste. Webers Analysen der Eislerschen Filmmusiken (zum Beispiel "The forgotten Village", "Hangman also die") wiederum, einem bisher nur halb aufgearbeiteten Bereich, geben Einblick in die teils fatale Situation, in der sich Eisler bereits vordem - auch ästhetisch - befand. Der Autor spricht von dessen "Tui"-Karierre (Brechts Wort für die sich verkaufenden Intellektuellen), von dem Anpassungsdruck, dem er teils erliegt, und der gehörigen Arroganz, mit der er in seinem Buch "Composers for the Films" (Ko-Autor Adorno) mit Hollywood abrechnet.

Sehr nahe treten dem Leser die Dispute im Exil. In Kalifornien angekommen, besucht Eisler sofort Brecht, Schönberg, Adorno, später Thomas Mann, Feuchtwanger, Chaplin usw. Ein ganzes Kapitel ist erstmals der schon genannten Lou Eisler und ihrer Rolle an der Seite ihres Mannes in Amerika gewidmet; ein Gewinn, aus dem eine selbständige Biografie erwachsen könnte.

Besprochen von Stefan Amzoll

Horst Weber: I am not a hero, I am a composer
Hanns Eisler in Hollywood
Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York 2012,
39 Euro, 536 Seiten

Mehr zum Thema bei dradio.de:

Aus der Quarantäne entlassen - Friederike Wißmann: "Hanns Eisler - Komponist, Weltbürger, Revolutionär"
"Eisler glaubte zeit seines Lebens an die sozialistische Sache" - Musikwissenschaftler wünscht sich künstlerische Neubewertung des Komponisten
Mit Musik in die Wirklichkeit eingreifen - Vor 50 Jahren starb der Komponist Hanns Eisler

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj