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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.05.2013

Als die GIs uns den Blues brachten

Eine Ausstellung in Berlin zeigt den Einfluss von US-Soldaten auf Deutschlands Pop-Kultur

Von Martin Böttcher

Das Alliiertenmuseum in Berlin zeigt die Ausstellung "Von G.I. Blues zu G.I. Disco" (dpa / pa / zb)
Das Alliiertenmuseum in Berlin zeigt die Ausstellung "Von G.I. Blues zu G.I. Disco" (dpa / pa / zb)

Jazz, Rock’n’Roll, Soul und Funk - all diese Musikstile kamen zuerst über die amerikanischen Soldaten nach Deutschland. Die Ausstellung "Von G.I. Blues zu G.I. Disco" im Berliner Alliiertenmuseum widmet sich dieser speziellen Form des Kulturexports.

Wer glaubt, Soldaten sind vor allem zum Kämpfen, Bewachen und Beschützen da, der wird im Berliner Bezirk Zehlendorf eines Besseren belehrt: "Von G.I. Blues zu G.I. Disco" heißt die Sonderausstellung des Alliiertenmuseums. Sie zeigt: Die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg stationierten US-Soldaten waren in großem Stil kulturelle Botschafter ihres Landes. Mehr als zwölf Millionen GIs haben nach 1945 in Westdeutschland und Westberlin ihren Dienst versehen. Und sie brachten unter anderem ihre eigenen Radiosender mit.

AFN-Ausschnitt aus den 50er-Jahren: "Good afternoon ... for the highschool set here in Berlin."

Ein Ausschnitt aus den 50er-Jahren - eine speziell für Teenager zugeschnittene Sendung des amerikanischen Soldatensenders AFN. Und jetzt wieder zugänglich an einer der zahlreichen Hörstationen der Sonderausstellung des Alliiertenmuseums.

Jazz, Rock’n’Roll, Soul, Funk, Hip-Hop – all diese Musikstile kamen zuerst über die amerikanischen Soldaten nach Deutschland. Entstanden ist die Ausstellung "Von G.I. Blues zu G.I. Disco" auf Initiative eines Berliner DJ-Duos: Daniel W. Best heißt der eine, der andere ist Karsten Grossmann alias Kalle Kutz:

"Blues meint auch dieses Lebensgefühl der Soldaten, die damals von zu Hause weg nach Deutschland mussten, nach Übersee, den Blues hatten, sozusagen. Und Disco nicht nur musikalisch, sondern auch das Discofeeling bis in die späten 80er, der frühe Oldschool-Hip-Hop. Das war der Gedanke dahinter."

Und so hängen bzw. stehen sie da nebeneinander: die Armeejacke von Amerikas bekanntestem Kulturexport, Private Elvis Presley. Eine Schallplattenschneidemaschine. Eine Jukebox. Alte Stadtpläne, auf denen Soldaten-Clubs eingezeichnet sind. Etliche Plakate, Fotos, Clubmarken. Eine nachgebaute Disco, in der sich der Besucher als DJ versuchen kann.

Kalle Kuts: "Das ist ja eine Sache, die nicht abgeschlossen ist, sondern die immer noch Nachwirkungen hat, auch auf die aktuelle Popkultur. Allein Hip Hop wäre in Deutschland nicht möglich gewesen oder nicht so früh möglich gewesen ohne den direkten Einfluss der amerikanischen Soldaten. Auch die Techno-Bewegung ist ja zum Teil darin begründet. Ist ja kein Zufall, dass in Frankfurt und Berlin die ersten großen Techno-Clubs waren."

Kalle Kuts, der Ausstellungs-Mitinitiator ist im Berlin der 80er-Jahre groß geworden. Nur mühsam haben er und die anderen Organisatoren die vielen Fotos aus der Vergangenheit zusammenbekommen - kaum jemand fotografierte damals, als es noch keine Digitalkameras gab. Zu sehen sind aber immer wieder US-Soldaten, die sich gemeinsam mit Deutschen amüsieren. Und jede Menge Jugendliche, die modisch ihren jeweiligen Vorbildern nacheifern – mit Rock’n‘Roll-Schmalztolle oder als Breakdancer im Trainingsanzug. Genauso aufschlussreich wie die Fotos sind die Erinnerungen von Zeitzeugen.

Sogar Bata Ilic verdankte der Besatzung seine Karriere

Lord Knud etwa, leicht durchgeknallter Star-Moderator beim alten RIAS, fand über die Amerikaner zur Musik und dadurch später zum Beruf:

"Um 10 Uhr habe ich mein Kofferradio mit in die Schule gebracht. ‚Open House‘ hieß die Sendung. Und da hatten wir gerade Pause und da hatten wir dann Hank Locklin und Johnny Horton gehört. Und waren King of the Road, wenn wir das gehört haben. Natürlich hat der AFN uns beeinflusst."

Die Monks, Sidney Youngblood, Terrence Trent D’Arby, Turbo B, der Rapper des Projekts Snap – nur einige ehemalige GIs, die nach ihrer soldatischen Laufbahn als Musiker von sich reden machten. Und selbst der aus Belgrad kommende Schlagersänger Bata Ilic verdankte der amerikanischen Besatzung seine Karriere: Bevor ihn seine deutschen Produzenten entdeckten, sang er Anfang der 60er in den Offiziersclubs der US-Army.

Bata Illic: "Ich kam aus einem kommunistischen Land und ich bin frei reingefahren in die Basis. Die haben nur so gemacht: ‚Hallo‘ und ich habe gesagt: ‚Musician?‘ – ‚Okay‘. Es ist schwer begreiflich, aber das war so legere. Das sind eben Amerikaner."

"Von G.I. Blues zu G.I. Disco" zeigt auch die politischen Dimensionen im deutsch-amerikanischen Verhältnis. Anti-USA-Demonstrationen wegen des Vietnamkriegs und Anschläge durch RAF-Terroristen sorgten für ein Ende des lockeren Neben- und Miteinanders. Die amerikanischen Streitkräfte igelten sich mehr und mehr ein. Als im April 1986 ein von libyschen Terroristen initiierter Anschlag die West-Berliner Soldaten-Disco La Belle verwüstete und Menschen tötete, verhängte das Oberkommando der US-Truppe eine nächtliche Ausgangssperre. Dreieinhalb Jahre später fiel die Mauer, die Soldaten wurden im großen Stil abgezogen. Und hinterließen ihr kulturelles Erbe.

Kalle Kuts: " Deswegen finde ich das eigentlich eher positiv, dass so ein Museum - das Alliiertenmuseum ist ja ein staatliches Museum und gehört zum Deutschen Historischen Museum - dass die den Mut haben, okay, wir lassen uns auf dieses Experiment ein und machen mal Pop und lassen uns mal auf diese Menschen, die zwar Erfahrung mit dem Musikmachen und dem Musik-Managment haben, aber nicht von dieser Museumsschiene kommen. Und deswegen ist das auch ein ganz gutes Ergebnis geworden."

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