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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 01.08.2007

"Allzeit bereit und gut Pfad!“

100 Jahre Pfadfinder

Von Juliane Krebs und Christina Schaffrath

"Fühlt Euch als Teil der großen weltumspannenden Bewegung: Macht den 01. August 2007 bei Sonnenaufgang zur Feierstunde." So heißt es in einem Aufruf des Bundes deutscher Pfadfinder aus diesem Jahr. Doch woher kommen die Pfadfinder eigentlich? Und was sind sie heute?

Lied:
Pfadfinder singen und spielen Gitarre

Lara Christiansen: "Also zuerst ging’s los mit ganz viel Material auspacken und ausräumen, unsere Zelte aufbauen, die Schlafzelte, das Schlafzelt von unseren Wölflingen, den Kleinen, auch unsere Jurte, sozusagen das Wohnzimmer des Stammes, das Zelt ist mit Teppichen ausgelegt, mit Feuer, da finden dann unsere Abendrunden statt. Ja, was da noch so anliegt, unser Küchenzelt aufbauen, Feuer machen, die Kinder beisammen halten, sorgen, dass alles trocken bleibt."

Ralf Jakubowski: "Und man merkt, wenn man auf dem Lagerplatz ist, dass es eine direkte Wellenlänge gibt, dass die Pfadfinderei schon die größte Jugendbewegung der Welt ist."

Wilfried Breyvogel: "Ich denke, das Geheimnis liegt in der Kombination von Zugehörigkeit, Bindung und gleichzeitiger Freiheit und Selbstbestimmung, die in den Gruppen möglich ist."

Baden-Powell: "And always remember: Once a scout, always a scout.”"

"Allzeit bereit und gut Pfad" – 100 Jahre Pfadfinder:
Eine Sendung von Juliane Krebs und Christina Schaffrath

1. August 1907. 20 Jungen rudern auf die Insel Brownsea vor der englischen Südküste. Mit sich führen sie alles, was man zum Überleben in der freien Natur braucht: Decken, Planen, Fahrtenmesser. Ihr Anführer: Der britische General Robert Stephenson Smyth Baden-Powell, erfahrener Held britischer Kolonialkriege. Der 50-Jährige setzt auf Brownsea eine Idee um, die heute - 100 Jahre später - von 38 Millionen Menschen in 155 Ländern gelebt wird. Ralf Jakubowski vom Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder ist einer von ihnen.

Jakubowski: ""Baden-Powell hat im Burenkrieg in Afrika gemerkt, da waren auch jüngere Soldaten, Jugendliche eigentlich, eingesetzt, dass die so ein bisschen Spaß daran hatten, sich in der Natur zu bewegen, Gemeinschaft pflegten. Und da hat er gesagt: Das ganze kann auch auf einer zivilen Ebene laufen, und hat sich dann überlegt, da mach ich ein Pfadfinderlager und hat so den Startschuß für die Pfadfinderei gegeben."

Baden-Powell: "Der Trupp unserer Jungen wurde aufgeteilt in Patrouillen zu fünf Mann. Der Älteste wurde Patrouillenführer. Diese Einteilung in kleine Gruppen war das Geheimnis unseres Erfolges. Die Patrouille war eine Einheit für Ausbildung, Arbeit und Spiel. Die Jungen wurden bei ihrer Ehre verpflichtet, die angeordneten Dinge auch auszuführen. So wurde die gesamte Truppe fortschreitend in den Dingen des Pfadfindertums geübt."

Ein Jahr nach der Fahrt zur Brownsea Island erscheint die Theorie zur Praxis. Baden-Powell veröffentlicht mit "Scouting for Boys" die Pfadfinderbibel und damit das erste geschlossene pädagogische Konzept einer außerschulischen Freizeiterziehung in der Moderne. Überall in England spielen Jugendliche Kundschafter und versuchen nach den Regeln des Buches zu leben.

"Auf eines Pfadfinders Ehre ist Verlass."
"Eines Pfadfinders Pflicht ist es, sich nützlich zu erweisen und anderen zu helfen."
"Ein Pfadfinder ist ein Freund der Tiere."
"Ein Pfadfinder ist sauber in Gedanken, Wort und Tat."

Auch im Ausland bilden sich erste Gruppierungen. 1909 erscheint das "Pfadfinderbuch" in deutscher Sprache und löst dort, ähnlich wie in England, Begeisterung unter den Jugendlichen aus. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gibt es im Kaiserreich schon 110.000 Pfadfinder. Dass zu diesem Zeitpunkt so etwas wie eine Jugendbewegung entstehen kann, erklärt der Jugendforscher Professor Wilfried Breyvogel von der Universität Essen.

Breyvogel: "Das hängt mit der Entwicklung der Bedeutung der Jugend überhaupt zusammen, die erst im Rahmen der Industrialisierung eine gewisse Bedeutung und Eigenständigkeit bekam, man spricht davon, dass der Jugendliche in Anführungszeichen erfunden wurde in der Zeit zwischen 1890 und 1914 und das ist auch genau die Zeit in der die erste Jugendbewegung in Deutschland, der Wandervogel entstanden ist."

Ein Teil dieser selbstbewussten Jugend folgt dem Grundsatz Baden-Powells: Learning by Doing. Lernen durch Tun also, eine pädagogische Idee, die Jugendliche bis heute anspricht und fordert. Nach Altersstufen getrennt lernen die Pfadfinder das Leben in der Natur und in der Gemeinschaft. Sie nennen sich dabei Wölfling, Pfadfinder, Ranger und Rover und meinen damit die Zugehörigkeit zu verschiedenen Altersgruppen. Sie sind hierarchisch gegliedert und autoritär geprägt.

Breyvogel: "Die große Pfadfinderbewegung in Deutschland stößt dann natürlich in eine Zeit, vor dem ersten Weltkrieg, in der der Nationalgedanke, die Treue gegenüber Volk und der Führung, der Reichsführung, dem Kaiser, zentral im Mittelpunkt steht."

In ihrem Ursprung möchten die Pfadfinder weder militärische noch politische Ziele verfolgen, können sich aber von den Strömungen der Zeit nicht distanzieren. Ihre in der Gruppe gelernte Solidarität für Kameraden und Vaterland und der von ihnen geforderte Gehorsam führen viele als Soldaten in den Ersten Weltkrieg.

Baden-Powell: "Unser Ziel ist der Friede und der gute Wille auf der ganzen Welt. Sollten wir jedoch einmal in einen Krieg verwickelt werden, so seid nicht Feiglinge, die sich damit zufrieden geben, andere für euch kämpfen und sterben zu lassen."

2007 – Auf einem Pfingstlager in der Nähe von Schwalmtal am Niederrhein treffen sich 5000 Pfadfinder aus der gesamten Republik. Lara Christiansen ist 19 und seit frühester Kindheit dabei.

Christiansen: "Also bei uns wird gesungen, gelesen, gespielt, nachher gehen dann die Kleinen ins Bett und das entwickelt sich dann nachher zu einer gemütlichen Runde am Feuer mit Kerzen und Gitarre."

Nach dem Ersten Weltkrieg ist es in Deutschland mit der Pfadfinderromantik erst einmal vorbei. Viele kehren nicht zurück. Und die, die zurückkehren, sind desillusioniert. Die alten Strukturen existieren nicht mehr, die Jugendbewegungen müssen sich neu organisieren. Die Ersten sind die Wandervögel mit ihrer friedlichen Rückbesinnung auf die Natur. Sie beeinflussen so andere Gruppierungen, auch die Pfadfinder. Die übernehmen ihre Lieder und adaptieren die romantische Idee der Fahrt. Dennoch bleiben sie ihrer eigenen Tradition verpflichtet und auch in ihrem äußeren Auftreten durch Hemd und Halstuch unverwechselbar.

Baden-Powell: "Lasst jeden Pfadfinder jeden Morgen einen Knoten in die Halsbinde machen, der ihn daran erinnert, dass er täglich jemand einen Dienst erweisen soll, bis ihm dies zur Gewohnheit wird."

Jakubowski: "Die Kluft hat auch einen Grund. Schon bei Baden Powell, schon 1907 hat er da Wert drauf gelegt. Ist nämlich so, dass man die sozialen Unterschiede, die es auch damals schon gab, über diese Kluft überwinden möchte. Dass also die Herkunft gar keine Rolle spielt, da wir alle entsprechend das gleiche blaue Hemd und das entsprechende Halstuch dazu tragen."

Und dass dies tatsächlich funktioniert, weiß schon einer der ersten Pfadfinder der Welt, Terry Bonfield zu berichten. Er war auf Brownsea Island mit dabei.

Erstmitglied: "Zehn Arbeiterjungen und zehn von weiterführenden Schulen, da waren drei Söhne eines Lords, Eleven von Edelschulen, richtige Oberschüler eben, und die ganze Zeit haben wir friedlich miteinander verbracht."

1926 schließen sich die Pfadfinder dann mit Teilen der Wandervogelbewegung zur deutschen Freischar zusammen. Bis 1933 treten sie nicht mehr selbständig auf. Es kommt jedoch zu Neugründungen, die von den Kirchen ausgehen, so 1929 die Gründung der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg. Bis heute existieren konfessionelle sowie überkonfessionelle Pfadfinderbünde in Deutschland. Die Konfessionellen sind die größte Gruppe in Deutschland, legen verstärkt Wert auf karitative Arbeit und sind an die Kirchengemeinden angeschlossen. Allen Verbänden gemeinsam ist die Treue zu den Traditionen.

Gerade die Verwurzelung in der Tradition wirkt in der heutigen modernen Zeit auf Viele befremdlich. Einheitskluft, immer ein fröhliches Lied auf den Lippen, und die oft zitierte gute Tat am Tag - Pfadfinder stoßen auf Vorurteile.

Pfadfinderin: "Es ist natürlich oft in der Stadt, Leute die sehen, okay, da laufen Pfadfinder rum, verkauft ihr Kekse, esst ihr Regenwürmer, schlaft ihr im Wald, habt ihr ein schlaues Buch dabei, kennt ihr Tick, Trick und Track, das ist so das gängige, das hat man ständig, neben den etwas älteren Herrschaften, die dann sagen, Pfadfinder war ich auch mal, oder Parallelen ziehen zu Hitlerjugend oder sonst was, das ist eher der unangenehme Teil, über den Rest kann man selber lächeln."

Doch gerade der Vergleich mit der Hitlerjugend erweist sich als falsch. Bereits 1933 werden die Pfadfinder aufgelöst. Einige von ihnen sehen die HJ als Alternative, denn anfangs scheint diese noch einer harmlosen Jugendgruppe zu ähneln, mit Freizeitprogramm, singen und wandern. Schnell dient sie jedoch der Erziehung zu Führertreue und Kriegsvorbereitung. Die Pfadfinder selbst verschwinden aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Wilfried Breyvogel: "Ab 1938 ist alles in der Versenkung, was nicht ausschließt, dass es noch soziale Kontakte gegeben hat, nur man konnte sich öffentlich überhaupt nicht mehr darstellen.
Es gibt da sehr spannende Versuche von Personen die jenseits der Rassenideologie, jenseits der diktatorischen Vorstellung des Nationalsozialismus standen, die versucht haben ein eigenes Gruppenleben innerhalb der Hitlerjugend durchzuhalten. Allerdings, von allen eigenständigen Gruppen wissen wir, dass sie spätestens 37/38 erfasst wurden, weil sie nämlich ihre Aktivitäten nicht vollkommen umgestellt haben, sondern beispielsweise im Sommer eigene Fahrten gemacht haben, das ging nicht lange gut. Wenn einer von denen verhaftet wurde, dann gab es ganz schnell Aussagen, die dazu führten, dass die Gruppen aufgeflogen sind und ja, also insofern kann man davon ausgehen, dass die organisierte Seite relativ ausgelaufen ist."

1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, stirbt Baden-Powell im Alter von 84 Jahren in seiner Wahlheimat Kenia. Der verehrte Gründervater hinterlässt seiner Bewegung einen letzten eindringlichen Appell:

"Das eigentliche Glück aber findet ihr darin, dass ihr andere glücklich macht, versucht die Welt ein bisschen besser zurück zu lassen als ihr sie vorgefunden habt. Seid in diesem Sinn allzeit bereit, um glücklich zu leben und glücklich zu sterben. Haltet euch immer an das Pfadfinderversprechen, auch dann, wenn ihr keine Knaben mehr seid."

Breith: "Mein Name ist Hans-Jürgen Breith, ich werde in diesem Jahr 70 und ich war Pfadfinder bei der Deutschen Pfadfinderschaft bis 1953."

Mit Gründung der BRD machen auch die Pfadfinder einen neuen Anfang. Die neuen Gruppen folgen dabei unterschiedlichen Strömungen. Die einen orientieren sich an der Vergangenheit, übernehmen Ideale der 20er Jahre, suchen die Nähe zur Natur, begehen ihre ersten Fahrten. Und pflegen immer auch alte Rituale.

Breith: "Diese Mutprobe, die fand also auf unserer Sommerfahrt statt am Chiemsee. Und als wir dann zu Abend gegessen hatten und es schon dunkel wurde, dann hieß es: So, jetzt machen wir die Mutprobe: jeder einzelne von euch geht jetzt eine bestimmte Strecke –die wurde uns dann genau vorgegeben- durch den Wald, der um unser Lager rum war, bis zu einem Fluss, und wieder durch den Wald zurück, das war so ein Kurs von so etwa ein bis zwei Stunden.
Ich hatte zumindest ein etwas beklemmendes Gefühl, weil man nicht so genau wusste, vielleicht wird man überfallen, jedenfalls hatte ich mein Fahrtenmesser ausgeholt und hab das die ganze Zeit dann offen mit mir geführt für den Fall das ich irgendwie angefallen werde, das ich gleich zustechen kann."

Baden-Powell: "Pfadfinder müssen imstande sein, den Weg bei Nacht ebenso gut zu finden wie am Tage. Wenn aber einer dies nicht häufig übt, so verirrt er sich sehr leicht bei Nacht; die Entfernungen scheinen größer, und die Orientierungspunkte sind schwer sichtbar."

Doch die Rückbesinnung auf die 20er Jahre ist für viele Pfadfinder nicht mehr zeitgemäß. Sie zieht es hinaus in ferne Länder. Sie orientieren sich an den Strukturen der internationalen Pfadfinderschaft und schließen sich dieser an. 1950 wird der Ring deutscher Pfadfinder vom Weltverband aufgenommen. Heute sind die Scouts fast in der ganzen Welt vertreten, eine Ausnahme bilden Kuba und Nordkorea. Alle vier Jahre treffen sich Pfadfinder auf den sogenannten Jamborees – riesigen internationalen Lagern mit bis zu 24.000 Teilnehmern an immer wechselnden Orten.

Breyvogel: "Die Pfadfinder kommen dann erst in den 60er Jahren wirklich in die Krise, vor dem Hintergrund der Studentenbewegung Anfang der 70er Jahre finden dann auch Neugründungen statt, die praktisch mit den älteren Traditionen des nationalistisch-hierarchischen endgültig brechen. Die antiautoritäre Studentenbewegung kommt da bei den Pfadfindern endgültig an und führt zu Neugründungen."

So einheitlich das Bild der Pfadfinder nach außen wirkt, innerlich sind sie in zahlreiche Gruppierungen aufgesplittert. Es existieren über 140 unterschiedliche Verbände, konfessionelle, nicht-konfessionelle, vom Weltverband anerkannte und nicht anerkannte - den Überblick zu behalten fällt schwer. Nicht alle gehen mit der Zeit. Teilweise leben sie friedlich nebeneinander, andere werfen sich Etikettenschwindel vor. Zu groß sind die inhaltlichen Differenzen.

Ralf Jakubowski: "Wir sind ab den 70er Jahren eigentlich richtig groß geworden. Die Pfadfinderei ist eine Idee, die da schon ihre Berechtigung suchte. In den 70ern war Klufttragen vielleicht nicht ganz so en vogue. Aber die Werte, die dahinter stehen…, ich bin in den 70ern dazu gekommen und hab die Werte auch kennen und schätzen gelernt bei den Pfadfindern. Und da muss man sagen, auch was den normalen Lebensweg angeht, sind das durchaus Sachen, die man da gebrauchen kann."

Will von der Way: "Ziele dieser zentralen Jugenderholung sind zunächst einmal das partnerschaftliche Zusammenleben zwischen den Jugendlichen. Dann sollen die Teilnehmer durch Kooperation zur Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung gelangen. Und zum Schluss sollen sie, wie kann es anders heute sein, Konflikte erkennen und in und mit der Gruppe zu lösen versuchen."

Will von der Way war in den 70er Jahren Geschäftsführer des Rings deutscher Pfadfinder und Pfadfinderinnen und spricht an, was in dieser Zeit im Vordergrund stand: Werte wie Freundschaft, Anstand und Hilfsbereitschaft sollen erhalten werden. Doch jetzt werden sie mit pädagogischen Konzepten unterfüttert und bieten eine handfeste Alternative zur antiautoritären Erziehung der Zeit. Das alte Pfadfinderprinzip Jugend leitet Jugend wird durch eine systematische Ausbildung der Jugendlichen ergänzt. Sie qualifizieren sich in Workshops für die Betreuung einer Gruppe und bilden sich auf Seminaren weiter.

Christiansen: "Man wird da langsam rangeführt und lernt das auch alles. Es gibt Kurse, die wir besuchen und ganz viel ist einfach ‚Learning by Doing’, wenn man hier auf so einem Lager mal für einen Teil Verantwortung übernimmt, dann geht das auf dem nächsten Lager wieder gut, man lernt dann daraus, was hab ich für Fehler gemacht, beim nächsten Mal klappt es dann besser, oder man wird dann noch von etwas älteren betreut, die sich aber zurückhalten, das funktioniert total gut."

In den 80er, 90er Jahren erleben die Pfadfinder einen enormen Zuwachs. Dies geschieht maßgeblich vor dem Hintergrund der Individualisierung in allen Bereichen. Denn der Wunsch nach Zusammenhalt in Gruppen bleibt. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist der Jugend immanent und die Scouts funktionieren dabei ähnlich wie andere Jugendgruppen auch.

Wilfried Breyvogel: "Man braucht wirklich nur eine gewisse Zahl von Zeichen zu übernehmen, um dazu zu gehören und hat sofort eine Form von Gemeinschaft und Sozialität, wie sie einem gesellschaftlich sonst an keiner Stelle geboten wird, es wird nicht gefragt, wer bist du, wo kommst du her, was willst du, welches Programm hast du, sondern: Du gehörst dazu, wenn du drei vier Zeichen in Form von Schuhen, Kleidung, Haaren übernommen hast, bist du dabei. Und das ist die eine Seite, sozusagen dieser Wunsch nach Sozialität und Gemeinschaft und gleichzeitig Individualisierung, also das was in den Jugendkulturen sehr viel freier und kommerzialisierter realisiert wird, wird auf der anderen Seite dort durch Traditionsmuster bedient, die aber eine gewisse Flexibilität erreicht haben, so dass der einzelne sich da immer noch relativ wohl fühlen kann."

Helmut: "Also ich heiß Helmut und bin jetzt 33. Ich mein wir waren 10/12 Jungs, da gab’s natürlich welche, die stärker waren, die schwächer waren, wenn einer halt nichts checkt von zwölfen, dann wird er halt verarscht von den anderen ist schon klar. Das ist bei den Pfadfindern auch nicht anders, aber da wurd dann auch schon gegengesteuert auch und ich würd schon sagen, dass das eigentlich relativ gut geklappt hat, auch mit welchen, die irgendwie schwächer waren in irgendeiner Form. Es gibt bei den Pfadfindern schon so Verhaltensregeln, oder so Prinzipien, die einem schon eingebläut werden, der Große schützt den Kleinen, oder so was zum Beispiel. Der Starke schützt den Schwachen, das ist … und das wird da auch in irgendeiner Form gelebt, das wird schon gemacht."

Sind die Pfadfinder also ein Ort, an dem Toleranz eine Selbstverständlichkeit und auch nationenübergreifend möglich ist und sind sie damit vielleicht auch ein Weg zur Integration?

Baden-Powell: "Wir mischen uns nicht ein in die Religion des Knaben, welcher Art sie auch sei, aber wir ermuntern ihn jener nachzuleben, zu der er sich bekennt."

Jakubowski: "Das ist für uns nicht ganz so einfach, wird zwar von der Politik immer gefördert, die Praxis zeigt dann doch, die Hemmschwelle daran teilzunehmen, auch von Seiten der Migrantenkinder, ist sehr, sehr hoch, und wir sind offen, wenn jemand kommt aus dem Kreis und sagt, wir gucken uns das mal an, da wird es keine Gruppe geben, die sagt, ne wollen wir nicht, aber es ist schwierig an solche Kinder ranzukommen."

Zahlen zum Migrationshintergrund werden bei den Pfadfindern nicht erfasst. Doch beim Besuch eines Treffens entsteht der Eindruck, dass sich nur wenige ausländische Kinder hierhin verirren. Das liegt vor allem daran, dass die Pfadfinder kaum Werbung machen müssen, da sie sich meist aus sich selbst rekrutieren. Jüngere Geschwister folgen den Älteren, Freunde werben Freunde und das Kind eines Pfadfinders wird sich sicherlich bei den Pfadfindern wiederfinden. Irgendwie ist es am Ende doch eine eigene Welt, in der die Pfadfinder sich bewegen…

Kleiner Pfadfinder: "Ich hab mich verirrt, ich bin so auf dem Lagerplatz rumgelatscht in der Nacht, wir wollten schon ins falsche Zelt in der Nacht und da haben wir uns verirrt."

Heute wie damals bleiben die Fahrten mit der Gruppe das zentrale Element der Pfadfinderei. Nicht allen Eltern fällt es leicht, ihre Kinder im Zeitalter des Mobiltelefons unerreichbar zu wissen. Denn die moderne Technik bleibt zu Hause: Handys, Gameboy und MP3-Player sind bei den Treffen unerwünscht. Und in den Sommerferien, Pfingsten und an manchen Wochenenden ziehen die Pfadfinder los, ob ins nahe Umland oder ins ferne Ausland. Und egal wen man fragt, kleine Pfadfinder oder große, bei diesem Thema leuchten die Augen.

Pfadfinderinnen:
"Ich heiße Charlotte" – "Larissa" – "Anna"
"Wir sind halt eben mit dem Zug nach Mönchengladbach Hauptbahnhof gefahren und dann mussten wir von da aus hierhin hiken, also ohne Leiter wandern gehen."
"Wir mussten die Leute fragen, wo es lang geht"
"Die hatten alle keine Ahnung."
"Wir haben uns zum Teil auch verirrt, aber wir sind rechtzeitig hierhin gekommen, noch eine Stunde eher als verabredet."
"Wir haben dann bei einem Bauern übernachtet, den wir gefragt haben, und der meinte, kein Problem, wie viele seid ihr denn?"
"Da haben die uns geholt, und dann sind wir alle dahin und dann war schon fast dunkel und dann sind wir dahin und haben uns ausgebreitet."
"Und der hat uns dann noch Licht gegeben, voll nett."
"Flaschen aufgefüllt mit Wasser und alles."
"Dann gab’s Gewitter, waren wir froh, dass wir ein Dach hatten…"
"Das war jetzt der zweite Hike, der letzte den haben wir noch mit Leiter gemacht, das war unser erster, das war der erste ohne Leiter."

Breyvogel: "Es ist eine Form des Selbständigseins, des Unabhängigseins, des Angewiesenseins aufeinander, die anders nicht herzustellen ist. Das Nachterlebnis, die Romantik der Nacht, die blaue Nacht in der Romantik, die blaue Blume, aus der der Wandervogel entstanden ist, alles das sind die gleichen Gefühle. Das sind die Wünsche nach Gemeinsamkeit, nach gemeinsamen Erfahrungen, den anderen auch wirklich zu erfahren in der Situation und zusammen zu sein, das ist der Kern, der die Fahrt zusammen hält. Man braucht gar nicht diesen weiten Weg gehen, dass die Fremde erfahren wird in dem Sinne. So fremd ist das heutzutage alles gar nicht mehr. Das kennen die alles, da brauchen die nur irgendwo anzuklicken, dann wissen sie, was das ist, wo sie hinfahren, das ist alles präsent, aber diese Erfahrungssituation, die ist nicht aufhebbar, die muss sich herstellen, die muss man mitgemacht haben, um zu wissen, was das ist, und darin liegt es."

Von den Dingen, die die Pfadfinder lernen, profitieren sie oft ein Leben lang. Sie werden in den unterschiedlichsten Bereichen gefordert: Ob Sport, Musik oder im Umgang mit Technik. Manches davon vergisst man nie.

Breith: "Wir haben im Grunde genommen was gelernt, so Knoten und auch so Zeichen, Morse-Alphabet und dann diese Wegezeichen, Pfeile und so weiter, was weiß ich, was es da gibt."

Helmut: "So Karte, Kompass umgehen können, aber das würde ich sagen, das kann ich schon noch. Oder auch, man lernt ja auch, was weiß ich, ich krieg auch, wenn das Holz nicht trocken ist, immer noch ein Feuer an, oder ich kann ein Zelt aufbauen, oder ich kann irgendwelche Knoten, das kann ich schon noch auf jeden Fall… Urlaub mit Rucksack und Zelt machen, das mach ich heute immer noch, wieder, nach jahrelangem Nicht-mehr-machen."

Christiansen: "Ich glaube, man kann aufhören, solange man noch keine Verantwortung für andere Gruppen übernimmt, solange man wirklich nur konsumierendes Mitglied ist. Danach stelle ich es mir schwierig vor. Für mich ist das kein Hobby, sondern eine Lebenseinstellung."

Für die einen ein temporär begrenztes Freizeitvergnügen, für die anderen eine Lebensaufgabe. Wie auch immer man sie auffasst, die Pfadfinderei hat Generationen von Jugendlichen begleitet. Erkennen kann man sie heute wie vor 100 Jahren an ihrem Hemd und ihrem Halstuch. Doch innerlich ist die Bewegung gewachsen, denn die Pfadfinder sind immer auch Kinder ihrer Zeit. So gibt es die militärischen Grundzüge der Anfangszeit nicht mehr, die Verbote der 30er sorgten für eine Erneuerung und die pädagogische Aufbruchsstimmung der 70er Jahre forderte eine starke Auseinandersetzung mit den Inhalten. Heute reagiert die Bewegung mit großer Selbstverständlichkeit auf gesellschaftliche Strömungen und thematisiert Probleme der Konsumgesellschaft oder die wachsende Gewalt unter Jugendlichen.

Jakubowski: "Wir sind 100 Jahre jung. Wir arbeiten an unseren Zielen und arbeiten sehr stark pädagogisch an unseren Zielen und versuchen das sehr stark zu optimieren und dadurch hat sich die Pfadfinderei auch so lange gehalten und auch weiter entwickelt."

Und die moderne Welt sorgt ständig für neue Herausforderungen. Die Bewegung muss sich einem immer schneller wechselnden Zeitgeist anzupassen. Doch die Pfadfinder drohen trotz altem Brauchtum und Tradition nicht auf der Strecke zu bleiben.

Breyvogel:: "Das Merkwürdige ist ja, das gilt für die gesamte Jugend, dass sie gleichzeitig retro orientiert ist und nach vorne orientiert ist, selbst wenn man diesen Begriff der bricolage von Levy Strauss, für Jugendkulturen reklamiert, der Bricoleur ist jemand, der altes noch gebrauchen kann, der nichts wegschmeißt, der seinen Keller voll geräumt hat und immer wieder neu bastelt und guckt, was er an altem noch aufgreifen kann. Diese Seite des Bricoleurs von Levy Strauss wird immer etwas zu wenig wahrgenommen, für die Bedeutung von Jugendkulturen, aber sie gilt, sie gilt wenn man sich die Jugendkulturen anschaut, es gibt immer auch ein retro dabei, insofern schließe ich nicht aus, dass sie auch noch in 50 Jahren existieren."

Lied:
Pfadfinder singen und spielen Gitarre

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