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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.12.2006

Alltagsroman voller Antihelden

Edo Popović: "Ausfahrt Zagreb-Süd", Verlag Voland & Quist, 192 S.

Kančeli schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. (AP)
Kančeli schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. (AP)

In seinem Roman führt uns der kroatische Schriftsteller Edo Popović ein Ensemble von Figuren vor, die allesamt glauben, die besten Jahre hinter sich zu haben. Zumeist lakonisch und in schnoddrigem Kneipenjargon erzählt dieser Alltagsroman vom zeitgenössischen Kroatien - könnte aber wahrlich nicht nur dort spielen.

Biblische Prophezeiungen, sinniert Herr Kančeli, sind die reinste Ablenkung. Wir warten darauf, dass die Reiter der Apokalypse am Himmel erscheinen, dass sie auf ihren bunten Pferden angeritten kommen, aber sie sind schon längst vorbeigedonnert. Das Jüngste Gericht hat sich schon ereignet, wir wissen es nur noch nicht. Kančelis Betrachtung könnte das Motto dieses Buches sein.

In seinem Roman "Ausfahrt Zagreb Süd", der jetzt auf Deutsch im Verlag Voland & Qist vorliegt, führt uns der kroatische Schriftsteller Edo Popović ein Ensemble von Figuren vor, denen vor allem eines gemeinsam ist. Sie glauben, die besten Jahre hinter sich zu haben, während zugleich ein unabsehbarer Vorrat an Zeit noch vor ihnen liegt. Sie leben - mehr oder weniger - am Leben und aneinander vorbei. So einer ist Baba, Schriftsteller, der irgendwann einmal mit einem Buch Furore gemacht hat, nun aber als dauernd alkoholisierter Journalist auf dem absteigenden Ast gelandet ist und sich derart der Lebensmitte nähert.

Seine langjährige Lebensgefährtin, die Anglistin Vera, kommt weder mit Babas Gleichgültigkeit zurecht, noch mit derjenigen, die ihr die Kollegen an der Universität entgegenbringen. Zur Schar der Unglücksraben gehört der Buchhändler und gescheiterte Dichter Robi, dem im Leben und in der Liebe so ziemlich alles misslingt, und jener Kančeli, ein in Maßen alkoholkranker Rechtsanwalt, dem Frau samt Kind davongelaufen ist, und der seither nach dem Prinzip des Minimalismus lebt. Kaum Möbel, kein Strom, keine Medien, dafür Gelegenheitsarbeiten auf dem Fischmarkt oder in einer Autowäscherei.

Ganz genau erfährt man nie, was diese Antihelden, die sich nostalgisch an Pop, Rock und unbekümmerten Sex ihrer Jugend in der Endphase des sozialistischen Jugoslawien erinnern, wirklich aus dem Tritt gebracht hat. Sind es die traumatischen Erlebnisse aus dem Jugoslawienkrieg und der Tudjman-Ära? Ist es der globalisierte Kapitalismus, der sich der kroatischen Gesellschaft im Eiltempo bemächtigt – oder einfach nur das Älterwerden ewig Jugendbewegter? Zur allgemeinen Perspektivlosigkeit trägt nicht zuletzt der Schauplatz einen gewichtigen Teil bei - Utrine, ein rechteckiges, phantasieloses Neubauviertel der kroatischen Hauptstadt, das unter Tito aus dem Boden gestampft worden war.

Edo Popović, 1957 im bosnischen Livno geboren, lebt seit 1968 in Zagreb. Er war Mitbegründer der alternativen jugoslawischen Literaturzeitschrift "Quorum" und hat sich seit den achtziger Jahren als Erzähler und Reporter einen Namen gemacht.

"Ausfahrt Zagreb Süd", zumeist lakonisch und oft in einem schnoddrigen Kneipenjargon erzählt, ist ein Alltagsroman, der vom zeitgenössischen Kroatien handelt, aber wahrlich nicht nur dort spielen könnte, ein Gruppenporträt voller Melancholie und Komik, das einen allemal in den Bann zu ziehen vermag.

Rezensiert von Martin Sander

Edo Popović: Ausfahrt Zagreb-Süd. Roman.
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer,
Verlag Voland & Quist, 192 S., 17,90 €

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