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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.06.2011

"Alles kontrollierbar"

Vor 50 Jahren ging das erste deutsche Atomkraftwerk ans Netz

Von Frank Grotelüschen

Das Versuchs-Atomkraftwerk (VAK) Kahl im unterfränkischen Karlstein speiste von Mitte 1961 Strom ins Netz. (picture alliance / dpa / Wolf-Dietrich Weißbach)
Das Versuchs-Atomkraftwerk (VAK) Kahl im unterfränkischen Karlstein speiste von Mitte 1961 Strom ins Netz. (picture alliance / dpa / Wolf-Dietrich Weißbach)

In den 50er-Jahren galt die Atomkraft als die Energiequelle der Zukunft. Auch die Bundesrepublik wollte den Zug nicht verpassen und gründete 1956 ein Atomministerium. Dessen Vision: ein Versuchsmeiler, der beweisen sollte, dass man die Technik in Deutschland beherrscht. Vor 50 Jahren ging dieses Versuchskraftwerk in Kahl am Untermain ans Netz.

"Man kann heute generell sagen, technische Anlagen zur Verwertung der Atomenergie sind kontrollierbar!"

1957. Für Siegfried Balke, Bundesminister für Atomfragen, war die Zeit gekommen: die Zeit, dass die noch junge Bundesrepublik Deutschland in eine ebenso junge Technologie einsteigt - die zivile Nutzung der Kernkraft.

"Alle Schutzmaßnahmen können beim heutigen Stand der Technik auch getroffen werden."

Andere Länder bauten bereits ihre ersten Meiler. So ging 1958 im Bundesstaat Pennsylvania das erste zivile Kernkraftwerk der USA ans Netz. Doch die Ergebnisse waren eher ernüchternd. Joachim Radkau, Historiker und Experte für Technikgeschichte:

"Als die USA ihren ersten rein zivilen Reaktor Shippingport fertiggestellt haben, kam allgemein heraus, dass die Kerntechnik sehr, sehr viel teurer ist, als man sich das bis dahin vorgestellt hatte. Ende der 50er-Jahre kommt zunächst ein großer Katzenjammer international. Und wenn damals der Staat sich nicht stärker engagiert hätte, wäre vermutlich die Kernenergie-Entwicklung erstmal ins Stocken gekommen."

Das eigens eingerichtete Atomministerium wollte ein Versuchskraftwerk in Deutschland, und zwar zügig. Und so bestellte bereits 1958 der Stromkonzern RWE einen Reaktor in den USA - mit einer Leistung von bescheidenen 15 Megawatt, soviel leisten heute drei große Windräder. Auch ein Standort war schnell gefunden: Kahl am Main, eine Gemeinde zwischen Frankfurt und Aschaffenburg. Zunächst zeigte sich der RWE-Vorstand skeptisch, ob Projektleiter Heinrich Mandel überhaupt die Kosten- und Zeitpläne einhalten könnte. Aber, so Radkau:

"Da hatten sie den Ehrgeiz und die Fähigkeit von Mandel unterschätzt. Er hat, ohne sich viel um Genehmigungen zu kümmern, einfach ruckzuck drauflos gebaut und in einem erstaunlichen Tempo ein richtiges kleines Kernkraftwerk hingestellt."

Im November 1960, nach nur 29 Monaten Bauzeit, konnte Werkleiter August Weckesser den Meiler präsentieren:

"Es ist ein Stahlbehälter, der eine Wandstärke hat von 23 Millimeter. Zum besonderen Schutz ist dieser Stahlbehälter oberirdisch noch mal mit einem Betonmantel überzogen, der eine Stärke von 70 Zentimeter hat."

"Zuerst führt uns Dr. Weckesser durch die Teile des Werks, die noch betreten werden können, ohne dass man mit der Strahlung in Berührung kommt. Dennoch ist das Besondere, dass hier mit einem neuen Feuer, dem Atom, umgegangen wird, immer spürbar!"

Am 17. Juni 1961 ging Kahl ans Netz - der erste Strom aus einem deutschen Kernkraftwerk. Dass die unbefristete Betriebsgenehmigung erst Ende 1961 nachgeliefert wurde, regte damals niemanden wirklich auf - ebenso wenig, dass der Standort eigentlich viel zu nah am Ballungsraum Frankfurt lag. Auch die Sicherheitsauflagen scheinen zumindest aus heutiger Sicht kurios: Eine Schafherde sollte auf dem Werksgelände gehalten werden, und einmal im Jahr sollte ein Tier geschlachtet werden, um es auf mögliche Strahlenschäden zu untersuchen.

Später mussten die Ingenieure manchen Störfall melden: 1966 überhitzten sich die Hüllen der Brennelemente bis zum Schmelzpunkt, und 1968 fiel der Strom im gesamten Reaktor für zwei Minuten aus. Trotz dieser Probleme leitete Kahl die Ära der deutschen Atommeiler ein: Ab Ende der 60er Jahre gingen die ersten größeren KKWs ans Netz - Obrigheim, Würgassen und Stade. Am 25. November 1985 wurde Kahl stillgelegt. Der Meiler war schlicht unrentabel geworden. 1988 begann der Abbruch, zum Teil mit beträchtlichem Aufwand: So musste der radioaktive Stahlbeton mit ferngesteuerten Kleinbaggern zerlegt werden, sagt Ludger Eickelpasch, verantwortlich für den Abriss.

"Es sind etwa 1000 Kubikmeter radioaktiver Abfall angefallen. 1000 Kubikmeter - das ist ein Würfel von 10 × 10 × 10 Meter, also in etwa ein großes Einfamilienhaus."

2010 erst wurde das letzte Gebäude abgerissen - womit der Abbruch fast genauso lange dauerte wie der Betrieb. Und auch wenn der Meiler heute verschwunden ist: Im Stadtwappen der Nachbargemeinde Karlstein findet er sich immer noch, in Form eines Atomsymbols.

"Das liegt daran, dass hier in Karlstein mit die Wiege der Kerntechnik in Deutschland war. Denn hier ist von Anfang an eben das VAK gewesen als Kraftwerk und Brennelement-Fertigung, und ein großer Servicebetrieb der ehemaligen Siemens, die hier in der Gemeinde liegen. Und das hat eben dazu geführt, dass man dieses Symbol mit in das Gemeindewappen übernommen hat."

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