Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.04.2012

Alles ist in Bewegung

Derek Walcott: "Weiße Reiher, Gedichte", Hanser Verlag, München 2012, 183 Seiten

Derek Alton Walcott, der Gewinner des Literatur-Nobelpreises 1992. (AP Archiv)
Derek Alton Walcott, der Gewinner des Literatur-Nobelpreises 1992. (AP Archiv)

Als Derek Walcott 1992 den Nobelpreis erhielt, hörten viele Leser seinen Namen zum ersten Mal. Jetzt wurde der Dichter aus der Karibik mit dem höchsten Lyrik-Preis ausgezeichnet, den Großbritannien zu vergeben hat: Den T.S.Eliot-Prize erhielt er für den Gedichtband "Weiße Reiher".

Dem Übersetzer Werner von Koppenfels gelingt es, die vielen Untertöne und Anklänge in diesem Band, auch wenn sie nicht direkt zu übersetzen sind, doch in ein adäquates Deutsch zu bringen - das ist eine außerordentliche Leistung. Und es ist gleichfalls etwas Schönes an diesem Buch, dass man diese Leistung am Original ermessen kann, denn es ist zweisprachig.

Die "weißen Reiher", die auch Reiher des Bedauerns sind - sie reagieren nicht zuletzt auf den vorangegangenen Band von Walcott, in dem es geheißen hatte: "Dies wird dein letztes Buch; behandle jeden Fleck / als wäre er gerade erschaffen." Und genau dies beherzigst Walcott in seinem neuen Buch erst recht. Die weißen Reiher sind das Symbol dafür: typische Vögel der Karibik, die bei diesem Dichter immer wieder aufgetaucht sind und jetzt im Mittelpunkt stehen.

Sie verkörpern gleichzeitig die Natur wie die Dichtung, sie stehen für Leben und für Tod, und ihr Weiß trägt alles in sich: das Weiß der "Seeigelhaare" des Dichters, das Weiß des Schreibpapiers, die schaumige Brandung, die ausgebleichten Erinnerungen. Im Bild der weißen Reiher denkt der Dichter über sich selbst und über sein Tun nach, das Ich spricht in der ersten, zweiten und dritten Person, rückt mal näher, mal ferner.

Walcotts Heimatinsel St. Lucia in der Karibik liefert zwar eindringliche Bilder der Natur und der Sehnsucht, aber sie wird immer konfrontiert mit Nordamerika und mit der Alten Welt, mit dem New Yorker Stadtteil Greenwich Village, den Walcott als sein "anderes Dorf" bezeichnet, und mit europäischen Erfahrungen. Dieser 80-Jährige beschwört unentwegt die eigene Lebendigkeit herauf. Das Gefühl, dem Tod nahe zu sein, wird unversehens zu einer Feier des Lebens, der Liebe zu den Frauen und zur Kunst. Und so zeigt sich in diesen Gedichten auch immer wieder die Fähigkeit zum "ewigen Staunen".

Charakteristisch dabei ist der Wechsel zwischen hohen und niederem Ton, zwischen Alltagsslang und leidenschaftlicher Anrufung. Walcott bejaht die Welt, er widmet ihr poetische Höhenflüge, aber das schließt nicht aus, dass er auch mit satirischen Momenten arbeitet und sogar mit zorniger Polemik: Mehrfach zieht er über den anderen karibischen Nobelpreisträger, V.S. Naipaul, wütend her.

Die Sprache in diesen Gedichten ist aber genauso rücksichtslos gegen das eigene Ich, der Zweifel am eigenen Schreiben ist ein Leitmotiv. Immer wieder bricht sich dies jedoch am harten südlichen Licht. Und nichts bleibt sicher, alles ist ständig in Bewegung. So wie es aussieht, ist auch dies nicht Walcotts letztes Buch.

Besprochen von Helmut Böttiger

Derek Walcott: "Weiße Reiher, Gedichte"
Deutsch von Werner von Koppenfels
Hanser Verlag, München 2012
183 Seiten, 17,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur