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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.09.2005

Alles immer schlimmer? Vorsicht vor Katastrophisten

Von Michael Miersch

Der Ort St. Bernard Parish in der Nähe von New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" (AP)
Der Ort St. Bernard Parish in der Nähe von New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" (AP)

Die schrecklichen Folgen des Hurrikans "Katrina" haben der These von der stetigen Zunahme der Katastrophen Auftrieb gegeben. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, das Wetter spiele verrückt. Früher sei alles besser gewesen: Nur selten Unwetter, wohl geordnete Temperaturen gemäß den Jahreszeiten und natürlich weiße Weihnachten. Die gute alte Zeit ist jedoch ein Resultat unseres schlechten Gedächtnisses.

Wussten Sie, dass im Februar 1953 bei der schlimmsten Sturmflut seit 5oo Jahren zwanzig Prozent der Niederlande überflutet wurden und Tausende von Menschen ertranken? Dass zwischen 1930 und 1960 im jährlichen Durchschnitt neun schwere Hurrikans durch die USA tobten? Oder gehen wir noch weiter zurück in die auto- und industrielose Vergangenheit. Im 14. und im 17. Jahrhundert gaben zwei große Sturmfluten der Nordseeküste ihre heutige Form. Zuvor gehörten Teile der Nordfriesischen Inseln zum Festland. Allein bei der so genannten zweiten "Großen Manntränke" starben zirka 9000 Menschen. Im Jahr 1342 führte - wie vor knapp drei Wochen - ein Genua-Tief zur schlimmsten Flutkatastrophe des Alpenraumes, die als "Magdalenen-Hochwasser" in die Geschichte einging. Allein in der Donauregion starben damals mehr als 6000 Menschen. Schwere Elbehochwasser wie im Jahr 2002 gab es auch 1927 und in allen Jahrhunderten zuvor, was sich anhand von Chroniken bis 1336 zurückverfolgen lässt.

Sie sind überrascht? Kein Wunder: Klimahistoriker dringen nicht in die deutschen Massenmedien vor. Ihr Wissen gilt als volkspädagogisch unerwünscht. Über ihre Erkenntnisse kann man höchstens mal auf den hinteren Seiten der Zeitungen, im Wissenschaftsteil lesen. Dass zum Beispiel Chris Landsea, einer der weltweit führenden Hurrikan-Forscher, feststellte: über die letzten 60 Jahre gibt es keinen eindeutigen Trend in Richtung häufigerer oder intensiverer Hurrikans, war in Amerika ein großes Thema - hierzulande nicht. Auf den Titelseiten, in den Fernsehnachrichten und in den Talkshows herrscht ignorante Einigkeit: Alles wird immer schlimmer.

Ende der neunziger Jahre wollten es die österreichischen Ökonomen Josef Nussbaumer und Helmut Winkler einmal genauer wissen, und trugen alle Informationen über Katastrophen des 20. Jahrhunderts zusammen. Insgesamt kamen sie auf 1422 Desaster, die über hundert Menschenleben gekostet hatten. Was sie dabei herausfanden ist überraschend und ergibt ein wesentlich differenzierteres Bild.

Die Anzahl der kleineren Katastrophen stieg tatsächlich an. Doch die ganz großen mit über 10.000 Toten nahmen ab. Am Ende des Jahrhunderts verloren dadurch weniger Menschen durch Katastrophen ihr Leben als am Anfang. In den reichen Ländern sanken die Opferzahlen drastisch. Doch selbst in den Entwicklungsländern nahm die Zahl leicht ab - trotz heftig ansteigender Bevölkerungsdichte.

Das wirft natürlich Fragen aus: Zeigt der Rückgang der Opferzahlen, dass die Natur milder wird, oder schützen sich die Menschen nur besser? Zumindest ein Schluss scheint plausibel: Arme trifft es härter als Reiche. Wirbelstürme töten in Mittelamerika viel mehr Menschen als in Florida. Sicher ist, dass die Versicherungsschäden kräftig ansteigen. Doch dies kann viele Gründe haben. Weltweit nimmt der Wohlstand zu. Immer mehr Bürger versichern ihr Hab und Gut. Auch siedeln mehr Menschen in gefährdeten Gebieten. Die Bevölkerungsdichte an den Küsten der Vereinigten Staaten verdoppelte sich in nur zwanzig Jahren.

International wird die Kontroverse um die Theorie von der menschengemachten Klimaerwärmung heftig und auf hohem Niveau geführt. In Deutschland fragen drei Viertel der Journalisten immer nur das gleiche halbe Dutzend Klimaforscher, die die gewünschten Alarmszenarien auftischen. Wie beim Waldsterben dringt die wissenschaftliche Debatte nicht in die Öffentlichkeit. Doch anders als uns die Katastrophisten weismachen wollen, sind fast alle Fragen des Klimawandels wissenschaftlich umstritten. Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen 100 Jahren um etwa 0,6 Grad gestiegen ist. Konsens ist auch, dass die Menschen mit ihren Nutztieren, Feuerstellen, Autos und Fabriken einen Klimafaktor darstellen.

Nach wie ist jedoch sehr ungewiss, wie relevant der Einfluss des Menschen ist, verglichen mit der Sonne und anderen natürlichen Faktoren. Ob man die weitere Entwicklung vorhersagen kann, ist ebenfalls unklar. Und schließlich: Muss eine Erwärmung unweigerlich katastrophal sein? Erdgeschichtlich waren Warmphasen stets gut für Mensch und Natur – die Eiszeiten waren schrecklich.

Bevor über Klimapolitik sachlich gestritten werden kann, sollte erst einmal das stickige Klima in der Berichterstattung durchgelüftet werden. Weg von ideologischen Gewissheiten, hin zur offenen Diskussion. Den ignoranten Besserwissern, die Schadenfreude empfinden, wenn in Amerika Großstädte unter Wasser stehen, geht es nicht um Klimaschutz.


Michael Miersch, geboren 1956 in Frankfurt am Main, volontierte bei der "taz" und war Redakteur der Umweltmagazine "Chancen" und "natur". Seit 1993 arbeitet er als freier Publizist. Er verfasst Sachbücher, Drehbücher für Dokumentarfilme und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Miersch schreibt in jüngster Zeit vornehmlich für "Die Welt" und arbeitet außerdem für "Die Weltwoche", den WDR und arte. Gemeinsam mit Dirk Maxeiner schrieb Miersch die Bücher "Das Mephisto-Prinzip" (2001) und "Die Zukunft und ihre Feinde" (2002), die in den deutschsprachigen Medien heftig diskutiert wurden. Weitere Veröffentlichungen: "Öko-Optimismus" (Wissenschaftsbuch des Jahres 1996), "Lexikon der Öko-Irrtümer" (1998) und "Life Counts - Eine globale Bilanz des Lebens" (Wissenschaftsbuch des Jahres 2000). Mierschs Bücher und Artikel wurden in viele Sprachen übersetzt und erhielten Auszeichnungen in den USA und Deutschland.

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