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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.08.2011

Alles im Modus der Uneigentlichkeit

Leif Randt: "Schimmernder Dunst über Coby County", Berlin Verlag, Berlin 2011, 192 Seiten

Randt wurde bereits mit dem Jury-Preis des "KulturSPIEGEL"-Wettbewerbs und dem MDR-Literaturpreis ausgezeichnet. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)
Randt wurde bereits mit dem Jury-Preis des "KulturSPIEGEL"-Wettbewerbs und dem MDR-Literaturpreis ausgezeichnet. (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)

Im zweiten Roman von Leif Randt "Schimmernder Dunst über Coby County" geht es um einen jungen erfolgreichen Literaturagenten, der nach vorgefertigten Denk- und Gefühlsmustern lebt. Randt gehört zu den wichtigen deutschsprachigen Nachwuchsautoren. Er nahm an den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil.

"Weil ich annehme, dass ich energie- und kraftlos bin, warte ich schweigend auf den Hauslift." So die Reaktion des Ich-Erzählers, nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hat. Wim, ein erfolgreicher junger Literaturagent, lebt nach vorgefertigten Denk- und Gefühlsmustern. Psychologische Gemeinplätze finden wohlfeile Anwendung auf das eigene wie fremdes Verhalten. Indem Wim kommentiert, was er sagt und tut, erschafft er sich seine eigene Geschichte und seine Emotionen, von denen er nicht spürt, dass er sie hat, aber annimmt, dass er sie (vielleicht, eigentlich ...) haben müsste. Nicht zufällig weist der Roman eine Fülle von relativierenden Füllwörtern auf: "eigentlich", "wohl", "sicher", "vielleicht".

Wim lebt in Coby County, der ‚schönen neuen Welt’ in Gestalt einer Stadt am Meer in einem nicht näher bezeichneten nirgendwo. Alle hier sind jugendlich, wohlhabend, schick und cool. Es wimmelt von Freiberuflern in den Medien; Freizügigkeit in sexuellen Dingen ist selbstverständlich, Konsum bestimmt das Leben, Kunst wird ebenso "hergestellt" wie Glück. Gedanken an biologische Zusammenhänge sind tabu, da "erniedrigend" und "unproduktiv" – längst weiß man ja, dass alles - Identität, Geschlecht, Begehren - diskursiv konstruiert ist.

Die Utopie hat sich längst in eine Dystopie des Stillstands verwandelt. Die glatte Idylle bröckelt. Wims Freund Wesley findet, man müsse die Stadt verlassen und entwickelt ein befremdliches Pathos. Eine Hochbahn verunglückt, Brände brechen aus, politische Fähnchen drehen sich, und am Ende kommt ein verheerender Sturm auf, der viele Bürger aus der Stadt treibt.

Was sich als Apokalypse ankündigt, verläuft im Sande. Der Sturm zieht vorüber, alles bleibt beim Alten. Wims sachlicher, teilweise komisch-formeller Stil hat sich so wenig verändert wie seine Vorsicht gegenüber einer neuen Beziehung, die auf der bloßen "Annahme eines Einverständnisses" beruhen könnte. Und "eigentlich" muss er nichts fürchten.

Der Roman ist aufregend, gerade weil er keine aufregende Geschichte im herkömmlichen Sinne zu erzählen hat. Er erzählt von einer fortgeschrittenen Konsumkultur, in der Labels und Lifestyles alles durchdrungen haben und es für die Menschen nichts Neues unter der Sonne mehr gibt, weil sie alles schon wissen, kennen, besitzen. Deswegen sagen (und leben) sie alles im Modus der Uneigentlichkeit, des Zitats. Und das kommentieren sie dann wiederum ironisch.

Das wird nicht nur erzählt, sondern vorgeführt. Im emotionslosen Gleichmaß des Erzählens wird der Sog der Oberfläche und des konsumorientierten Herdendaseins einer Gesellschaft von vermeintlichen Individualisten spürbar, in den verräterischen Wendungen die Brüchigkeit der Oberfläche, hinter der nichts steckt. Diese Entlarvung eines Lebensstils, dem die Leserinnen und Leser längst selbst mehr oder weniger verfallen sind, ist außerordentlich gut gelungen.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County
Berlin Verlag, Berlin 2011
192 Seiten, 18,90 Euro

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Familien-, Kriegs- und Schulgeschichten <br> Ingeborg-Bachmann-Preis: Eine Bilanz der Lesungen in Klagenfurt

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