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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.04.2012

"Alles falsch gemacht, was man falsch machen kann"

Grüner Sicherheitsexperte über die "Ignoranz" von Grass beim Konflikt zwischen Iran und Israel

Omid Nouripour im Gespräch mit Dieter Kassel

Omid Nouripour (nouripour.de)
Omid Nouripour (nouripour.de)

Grass sei in eine "Populismusfalle" getappt, habe sich unqualifiziert geäußert, bekomme Applaus von Nazis - der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour meint, dass der Schriftsteller mit seinem Gedicht einen "fatalen Fehler" begangen habe.

Dieter Kassel: Mit seinem Prosa-Gedicht "Was gesagt werden muss" hat Günter Grass in Deutschland viele Reaktionen provoziert, auch und nicht zuletzt aus der Politik. Denn auch wenn die Bundeskanzlerin mitteilen ließ, für sie bedeute die Freiheit der Kunst auch die Freiheit, sich zur Kunst nicht äußern zu müssen, so kommentierten am Ende Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien die Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers. Was aber halten Politiker ganz grundsätzlich davon, wenn Künstler sich einmischen, wie dass ja in manchen Ländern doch häufiger und in Deutschland nur sehr selten geschieht.

Das fragen wir jetzt Omid Nouripour von Bündnis 90/Die Grünen. Er ist sicherheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion seiner Partei und unter anderem Obmann im Verteidigungsausschuss. Schönen guten Tag, Herr Nouripour!

Omid Nouripour: Einen schönen guten Tag!

Kassel: Bevor wir konkret auf Grass und seine Äußerungen kommen, ganz allgemein: Freuen Sie sich grundsätzlich, wenn Künstler versuchen, sich in die Politik einzumischen?

Nouripour: Ja, unbedingt, ich finde die Tradition, die es in Frankreich gibt, in Spanien, in vielen anderen Ländern, dass politische Debatten nicht nur von Politikern geführt werden, grundsätzlich gut, und es ist immer zu begrüßen, wenn sich Vertreter der Zivilgesellschaft, in dem Fall Künstler, auch Gedanken machen zu einem Thema und sich äußern. Man sollte es vielleicht ein bisschen anders machen, als Günter Grass das getan hat, aber das ist per se gut.

Kassel: Was halten Sie denn konkret von dieser Einmischung von Günther Grass?

Nouripour: Lassen Sie mich die wenigen positiven Dinge erst mal voranschieben, die mir einfallen. Das eine ist, Deutschland diskutiert nicht mehr über Wulff, sondern nach langer, langer Zeit wieder mal über ein Gedicht. Das ist erst mal nicht schlecht. Das Zweite ist, da will jemand offensichtlich vor einem Militärschlag gegen den Iran warnen. Auch das ist ja alles andere als falsch.

Ansonsten ist aber wirklich ganz wenig, was ich noch gut finden kann an diesem Gedicht, also beginnend damit, dass er Tabu aufbaut. Er sagt: "Man wird ja wohl sagen dürfen, man wird ja wohl Israel kritisieren dürfen, ich habe das nie getan, weil man ja sofort mit dem Antisemitismus in Verbindung gebracht wird." Das steht mehr oder minder genau so in diesem Gedicht drin – das ist natürlich ein Pappkamerad, den er da aufbaut. Das kennen wir von Möllemann, Möllemann hat auch immer gesagt, ich werde ja wohl Israel kritisieren dürfen.

Man kann natürlich Israel kritisieren, wir tun das im Deutschen Bundestag den ganzen Tag, die Bundesregierung macht das, wenn es um die Siedlungspolitik geht, und deshalb ist das eine Populismusfalle, in die Günter Grass hineingetappt ist, die so nicht okay ist. Und einer, der so lange sich als politischer Künstler versteht, der Wahlkämpfe gemacht hat für Parteien, sollte das besser wissen. Es gilt natürlich erst recht für die Zeile, dass der Weltfrieden von Israel bedroht sei und einfach komplettes Ignorieren dessen, dass die Bedrohung des Staates Israel vom Iran ausgeht. Das ist einfach Ignoranz, anders kann ich das nicht nennen.

Oder aber auch die Behauptung, der Iran wäre bedroht von einem nuklearen Erstschlag Israels. Ich kenne niemanden, ich kenne nicht einmal Zeitungsartikel, in denen so was drin steht. Es geht bei den Israelischen Plänen, die ich für grottenfalsch erachte, darum, dass Nuklearanlagen des Iran konventionell bombardiert werden. Das ist immer noch verheerend, aber noch lange kein Nuklearschlag. Und deshalb gilt es, gerade für einen Nobelpreisträger, der sich sehr viel politisch eingemischt hat, der eigentlich gut informiert sein muss, erst recht, dass man sich tatsächlich nicht so unqualifiziert äußert. Unter dem Strich aber ist es ein Gedicht und keine Resolution.

Kassel: Das ist natürlich – was Sie gerade zum Schluss noch gesagt haben, Herr Nouripour – was besonders Interessantes, denn Ihr Parteikollege Jerzy Montag hat gestern das auch sinngemäß so kommentiert: Das ist ein Kunstwerk, ein Gedicht, und es ist ja kein politischer Leitartikel. Er hat auch dazu gesagt, als politischer Leitartikel wäre es fatal, als Gedicht kann man es aber doch so stehen lassen.

Nouripour: Natürlich kann man es stehen lassen, aber man kann es auch kritisieren, das ist genau so erlaubt, ein solches Gedicht zu schreiben, wie es genau so erlaubt ist, dass ich es kritisiere. Noch mal, es ist Günter Grass, das ist nicht irgendjemand. Das ist nicht irgendein Dichter, das ist der Nobelpreisträger, der sich immer damit beschäftigt hat, was politisch auf der Welt passiert, der sich immer äußern wollte. Und deshalb muss er sich tatsächlich auch Kritik gefallen lassen. Natürlich, noch mal, wenn es eine Resolution wäre, dann müsste man ganz anders damit umgehen, mit einer ganz anderen Härte. Bei einem Gedicht kann man sagen, die Kanzlerin hat ja irgendwo recht, es ist natürlich künstlerisch frei, so was zu schreiben. Trotzdem ist das, was drin steht, grottenfalsch.

Kassel: Nun geht natürlich logischerweise jeder je nach Standpunkt und Absicht in der Weltpolitik anders damit um. Wer zum Beispiel gestern – vermutlich heute auch noch, ich habe da nicht mehr reingeguckt – intensiv über dieses Gedicht berichtet hat, ist Press TV, das ist ein englischsprachiger Satellitensender der iranischen Regierung, und erwartungsgemäß finden die das natürlich großartig, dass da einer nun sagt, die Gefahr geht von Israel aus und nicht von dem Iran. Ist das eine große Gefahr, dass man dann eben doch die falschen Anhänger mobilisiert mit solchen Äußerungen?

Nouripour: Ja, das ist ja nicht nur im Iran so, das ist ja auch in Deutschland so. Der hat ja gestern relativ schnell auch Zuspruch bekommen von Nationalsozialisten, also die "Nationalzeitung" feiert heute Günter Grass. Ich glaube nicht, dass er das wollte. Ich glaube nicht, dass dem Sozialdemokraten Günter Grass es gefallen kann, wenn Nazis ihm applaudieren. Und deshalb hoffe ich, dass er begriffen hat, was er da für einen fatalen Fehler gemacht hat, und wie gesagt, das geht – noch mal, es ist ein Gedicht und keine Resolution, aber es ist Günter Grass und nicht irgendein Dichter, der irgendwo hergelaufen ist.

Kassel: Aber, Herr Nouripour, was bedeutet das nun für überhaupt diesen Gedanken, den Sie ganz am Anfang schon formuliert haben, dass es an sich ja gut und sinnvoll ist, wenn Künstler sich in die Politik einmischen? Wenn ich mir gerade die Reaktion vieler Politiker anhöre, habe ich das Gefühl, da kriegen die doch eher den Eindruck: Na ja, besser ist doch, wenn es nicht passiert, es kann ja immer leicht schiefgehen.

Nouripour: Also es ist immer gut. Ich bleibe dabei. Und trotzdem müssen sie sich, wenn sie Dinge schreiben, die nicht für richtig erachtet werden, auch Kritik anhören, das ist ja kein Maulkorb, das ist Kritik. Und ich erwarte auch nicht von einem Dichter, dass er sich damit beschäftigt, ob ein deutsches U-Boot, ein "Delfin", tatsächlich die Möglichkeit hat, einen Erstschlag auszuüben, wie er es behauptet oder nicht. Das kann ein "Delfin" im Übrigen nicht, das ist einfach ein Fehler, aber ich erwarte nicht, dass ein Dichter sich so dermaßen in die Details von Sicherheitspolitik tatsächlich vertieft.

Aber ein bisschen weniger – wie soll ich sagen? – Ignoranz, ein bisschen mehr Ausgewogenheit, ein bisschen mehr gucken, wo ist eigentlich die Ursache, wo ist die Wirkung, wer hat eigentlich wen bedroht, ist das tatsächlich nur ein Maulheld namens Ahmadinedschad, von dem sowieso keine Gefahr ausgeht, oder ist das Staatsdoktrin im Iran seit den 80er-Jahren, Israel zerstören zu wollen – das ist etwas, was ein Günter Grass als Anspruch an sich formuliert lassen muss.

Kassel: Würde denn jemand wie Günter Grass oder jemand anderes, der auch in der Liga spielt – gibt es nicht so viele, aber vielleicht noch Martin Walser oder wer auch immer –, wenn er ein bisschen mehr recherchieren würde, ein bisschen sachlicher formulieren würde, Politik beeinflussen können? Denn ich meine, eine Diskussion über die Frage, ob Deutschland U-Boote liefern sollte, die gibt es ja bei uns auch ohne Grass.

Nouripour: Natürlich können die es, natürlich könnte Günter Grass mit einem sachlichen Artikel erklären, warum er es falsch findet, dass die U-Boote geliefert worden sind oder das letzte U-Boot geliefert worden ist. Wir Grüne haben das im Deutschen Bundestag auch kritisiert, weil die Bundesregierung die Lieferung erst gebunden hat an die Siedlungspolitik, nämlich dass nicht weitere Siedlungen gebaut werden sollen, und am Ende sind die Siedlungen noch nicht gebaut worden, aber die Pläne gibt es weiterhin, die sind sogar erweitert worden, und das U-Boot ist geliefert worden. Das macht so keinen Sinn.

Und natürlich kann ein Mensch mit einem solchen Radius wie Günther Grass öffentliche Debatten auch beeinflussen und natürlich auch Leute mobilisieren, die dementsprechend Druck aufbauen auf die Menschen, die Politik machen. Das heißt, man kann in diesem Land tatsächlich auch als Nichtpolitiker Politik gestalten und bewegen, dafür gibt es sehr viele Beispiele, nur muss man es richtig machen. Günter Grass hat da alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Kassel: Nun ist es aber so – das ist ein interessanter Punkt, Herr Nouripour, die Frage, mal indirekt die Debatte zu beeinflussen, indem man zunächst einmal eine allgemeine Stimmung schafft, die dann am Ende Druck aufbaut, auf den auch die Politik reagieren muss –, es ist zwar so, dass die öffentlichen Stimmen zumindest der demokratischen Parteien und auch der meisten Journalisten, sehr stark verurteilen, was Grass geschrieben hat, wenn man dann aber zum Beispiel im Internet in die Kommentarspalten guckt, dann sieht das schon ganz anders aus. Dann sagen viele tatsächlich dieses berühmte "endlich sagt es mal einer". Könnte also Grass diesen Druck am Ende auch auf die Politik ausüben, indem er mit seiner Aktion einfach die öffentliche Stimmung beeinflusst?

Nouripour: Na ja, die öffentliche Stimmung kann man dahin nicht bewegen, dass letztendlich erlaubt sein soll, Israel zu kritisieren, weil – noch mal – alle tun es die ganze Zeit. Diese Regierung in Israel ist eine, die ganz viele Punkte anbietet, für die man sie kritisieren muss. Und wir tun das, und damit meine ich nicht nur die Grünen, sondern alle Parteien im Deutschen Bundestag kritisieren mächtig beispielsweise die Frage, ob Israel weitere Siedlungen bauen soll. Alle sind der Meinung, dass es töricht wäre, den Iran anzugreifen, alle sagen das auch öffentlich. Das heißt, ein Pappkamerad ist noch kein Druck-aufbauen.

Richtig ist, dass in vielen Kreisen diskutiert wird, dass eine Militärattacke des israelischen Staates, der israelischen Regierung gegen den Iran ein Riesenfehler wäre, in gradueller Abstufung, was man da eigentlich mit Fehler meint. Und richtig ist, dass viele Leute jetzt diesen Kernpunkt herauslesen aus dem Gedicht von Grass, und deshalb kriegt er Zustimmung, das verstehe ich. Aber die Art und Weise, wie er es tut, die Art und Weise, wie er sozusagen da Pappkameraden aufbaut und sagt, wenn ich das jetzt sage, kann es sein, dass Leute sagen, ich wäre antisemitisch, die Art und Weise, Israel als Bedrohung für den Weltfrieden und nicht Ahmadinedschad und nicht den iranischen Staat darstellt, das ist einfach alles verdreht.

Kassel: Omid Nouripour, sicherheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen über die Einmischung von Günter Grass im Speziellen und von Künstlern im Allgemeinen. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Nouripour: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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