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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.10.2005

Alles andere als billig

Franz Kotteder über die "Billiglüge" der Discounter

Rezensiert von Peter Kolakowski

Hauptsache billig? - Aldi-Einkaufswagen vor einer Filiale in Gelsenkirchen
Hauptsache billig? - Aldi-Einkaufswagen vor einer Filiale in Gelsenkirchen (AP)

"Geiz ist geil" hat sich zum Volkssport entwickelt. Franz Kotteder ist in seinem Buch "Die Billiglüge" der Frage nachgegangen, wie solche Niedrigpreise eigentlich zu Stande kommen. Und hat herausgefunden, dass die Billigware oft alles andere als günstig ist.

Nirgendwo sonst auf der Welt sind die Lebensmittelpreise so niedrig wie in Deutschland. Das freut die Verbraucher, die auf der ständigen Suche nach Sonderangeboten von den Discountern mit immer neuen Schnäppchen geködert werden. "Geiz ist geil" hat sich zum Volkssport entwickelt und ist längst nicht mehr auf die Lebensmittelsupermärkte beschränkt.

Ein-Euro-Geschäfte, Billig-Optiker und Multimediamärkte werben aggressiv mit den niedrigsten Angeboten der Stadt. Speziell für geizige Verbraucher gibt es sogar Schnäppchenführer, mit denen systematisch Billigläden abgegrast werden können, bis hin zu Billig-Diät-Kochbüchern.

Franz Kotteder, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, ist in seinem Buch "Die Billiglüge" der Frage nachgegangen, wie solche Niedrigpreise eigentlich zu Stande kommen. Und hat - wie der Titel bereits andeutet – herausgefunden, dass die Billigware oft alles andere als günstig ist, sondern auf Kosten der in der Produktion und im Verkauf tätigen Menschen, zu Lasten der Umwelt und des Tierschutzes geht.

Der Billigkakao kommt ebenso wie der schön gewebte Teppich oder das Sweatshirt und die Schuhe aus Fabriken, in denen Minderjährige zehn bis zwölf Stunden pro Tag schuften müssen. Soziale Absicherung, wie Krankenversicherung gibt es für die Kinderarbeiter wie auch für die Erwachsenen nicht. Überhaupt werden viele Produkte eben in den so genannten Billiglohnländern hergestellt, auch die meisten Elektroartikel oder Haushaltswaren. Den sozialen Umgang auch mit ihren Mitarbeitern in Deutschland lassen Billiganbieter mitunter dagegen unter den Tisch fallen. Beim Discounter Lidl werden Angestellte systematisch gemobbt und bespitzelt. Genauso beim Drogeriediscounter Schlecker, der von den Gewerkschaften als einer der mieststen Arbeitgeber Deutschlands bezeichnet wird: Detektive verbergen sich zur Observation von Mitarbeitern stundenlang heimlich in abgetrennten Nischen, neben sich einen Eimer, um dort ihre Notdurft zu verrichten. Wer bei Lidl oder Schlecker einen Betriebsrat gründen will, wird schikaniert oder aus fadenscheinigen Gründen entlassen.

Allerdings muss Autor Kotteder einräumen, dass die Qualität der Waren meist gar nicht so schlecht ist. Und wer als Kunde nicht zufrieden ist, bekommt anstandslos sein Geld zurück. Auch Aldi als größter Discounter will keine Kunden durch schlechte Qualität vertreiben und startet sogar teure und aufwendige Rückrufaktionen für fehlerhafte Ware. Die Ware ist zwar billig, aber mit weitgehend ehrlichen Qualitätsstandards ausgestattet.

Diese Tatsache dürfte auch die Leser dieses überwiegend kritischen Buches also nicht gerade davon abhalten, zum Discounter zu gehen - wer will es ihnen angesichts steigender Preise und hoher Steuerbelastungen auch verdenken. Kotteder hat die Fakten daher auch ganz ohne erhobenen Zeigefinger zusammengestellt, die zum Teil haarsträubenden Details und dem Alltag der Angestellten sprechen ohnehin für sich. Die Einblicke in eine zutiefst zweifelhafte Wirtschaftsweise, die wir alle mehr oder weniger durch unsere täglichen Einkäufe unterstützen, soll vor allem dazu anregen, nachzudenken: Über die Idee des fairen Handels, über Massentierhaltung, Umweltbelastung und fehlendem sozialen Umgang mit Angestellten, sei es hier in Deutschland oder auch in den Produktionsländern. Nachzudenken aber auch und vor allem über den eigenen und nicht selten auch überflüssigen Konsum.

Franz Kotteder: Die Billiglüge - Die Machenschaften der Discounter
Droemer Verlag
269 Seiten, 18 Euro
Rezensiert von Peter Kolakowski