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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 20.04.2013

Allein die Dosis macht das Gift

Der Sieg der Vernunft: Samuel Hahnemann, die "Urtinktur" und die Homöopathie

Von Udo Pollmer

Zeitgenössischer Stich um 1830 von Samuel Friedrich Christian Hahnemann (1755-1843) (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)
Zeitgenössischer Stich um 1830 von Samuel Friedrich Christian Hahnemann (1755-1843) (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)

Wenn wir heute über Rückstände von Schwermetallen reden, dann geht es um Spuren, meistens um Millionstel eines Gramms. Vor 200 Jahren wurden diese Stoffe oft genug grammweise geschluckt – und mit übelsten Folgen. Das sollte ein Chemiker ändern, der deshalb bis heute umstritten ist.

Es ist an der Zeit, einen Mann zu würdigen, der sich große Verdienste um die Lebensmittelsicherheit erworben hat, namentlich um den Schutz vor Schwermetallen. Ja, er ist sogar einer der Begründer der Lebensmittelchemie in Deutschland.

Seit jeher haben Menschen im Essen rumgestochert, aus Angst vor Betrügereien und Giften. Doch auch die Prüfverfahren waren einst genauso fragwürdig wie die gepanschten Lebensmittel. Man denke nur an den populären Ratschlag, giftige Pilze erkenne man daran, dass ein Silberlöffel dunkel anliefe. Die Lebensmittelchemie beginnt mit der ersten amtlichen Analysenmethode, also mit einer Methode, die korrekte Antworten liefert. Erst damit ist das Ergebnis gerichtsverwertbar. Diese Rechtssicherheit für alle Beteiligten ist bis heute Sinn und Zweck des Fachgebietes.

Die erste Methode dieser Art wurde meines Wissens vor 225 Jahren veröffentlicht. Ihr Autor arbeitete nicht nur als Chemiker, als Scheidekünstler, wie es damals hieß, sondern auch als Übersetzer und Medicus. 1788 veröffentlichte Samuel Hahnemann die nach ihm benannte Hahnemannsche Weinprobe. Mehr als tausend Jahre hatten die Winzer ihren Wein mit Bleizucker haltbar gemacht, was diesem zugleich eine angenehme Süße verlieh. Die Folge waren schwerste Bleivergiftungen, namentlich die Gicht. Zwar gab es im 18. Jahrhundert in Württemberg bereits eine amtliche Probe auf Blei – die war aber nicht spezifisch und lieferte immer wieder falsche Ergebnisse zu Lasten der Winzer. Hahnemanns Methode war einfach und zuverlässig. 1791 wurde das neue Verfahren in Preußen als erste amtliche Methode vorgeschrieben. Das war der Beginn der modernen Lebensmittelchemie.

Hahnemann gab sich damit nicht zufrieden. Er widmete sich weiteren Verfälschungen, und er verfasste eine umfängliche Abhandlung über die Giftigkeit des Arsens. Damals standen Gifte wie Arsensulfid, Bleiweiß, Zinnober, also Quecksilbersulfid, oder Grünspan als Farbstoffe für Lebensmittel hoch im Kurs. Gleichermaßen beliebt waren die bunten Pülverchen in der Medizin, Ärzte verordneten sie gern nach dem Motto "viel hilft viel". Über die Giftigkeit hat sich kaum jemand Gedanken gemacht.

Bekanntlich reicht es nicht, Menschen vor schädlichen Arzneien zu warnen. Sie brauchen einen Ersatz, in den sie ihren Glauben setzen können. Also suchte Hahnemann nach einer unschädlichen Medizin. Eingedenk der Tatsache, dass allein die Dosis das Gift macht, ersann er um 1800 die Homöopathie: In ausreichender Verdünnung konnte auch die giftigste Medizin nicht mehr schaden.

Dabei kam ihm eine populäre Idee zu Hilfe: Die Alchimisten wollten durch Kombination passender Eigenschaften Gold herstellen. Also mixten sie Blei mit Harn. Durch die Übertragung der gelben Farbe auf das schwere Blei müsste das Edelmetall entstehen. Auch viele Ärzte glaubten damals, man könne die Eigenschaften von einem Stoff auf andere Stoffe übertragen – zum Beispiel durch Erhitzen oder durch Schütteln. Mit solchen Praktiken wollten sie den magischen "Stein der Weisen" erzeugen. Mit diesem Stein wiederum ließen sich alle Krankheiten heilen. Allerdings bräuchte man als Ausgangsstoff eine geheimnisvolle "Ursubstanz". Hahnemann löste das Problem elegant: Er schüttelte die Gifte in Weingeist und nannte die erhaltene Flüssigkeit "Urtinktur". Daraus gewann er durch Verschütteln seine homöopathischen Präparate.

Als aufgeklärtem Chemiker war Hahnemann klar, dass weder Ärzte noch Patienten an verdünnte Arzneien glauben würden, noch dazu wenn sie farblos sind. Bis heute wirkt bittere, bunte und teure Medizin am besten. Also schob Hahnemann 20 Jahre später den wohlklingenden Namen Potenzen für seine Verdünnungen nach. Er hatte die Gefahren erkannt, die von Arsen, Quecksilber und Blei ausgingen – egal ob aus der Apotheke oder in Lebensmitteln. So hat er unzähligen Menschen die Gesundheit erhalten oder gar das Leben gerettet. Er war nicht nur der erste Lebensmittelchemiker mit staatlicher Anerkennung, sondern auch einer der bedeutendsten Verbraucherschützer. Mahlzeit!

Literatur:
Fock A, Pollmer U: Die Welt wird bunt: Die dunkle Vergangenheit der Zusatzstoffe. EU.L.E.N-Spiegel 2009; (3-4) 3-27
Hahnemann S: Ueber die Weinprobe auf Eisen und Bley. Chemische Annalen für die Freunde der Naturlehre, Arzneygelahrtheit, Haushaltungskunst und Manufacturen, von Lorenz Crell
1788; 1: 291-305
Haehl R: Samuel Hahnemann – His Life and Work. Homoeopathic Publishing Company, London 1922
Hahnemann S: Ueber die Arsenikvergiftung ihre Hülfe und gerichtliche Ausmittelung. Crusius, Leipzig 1786
Hahnemann S: Was sind Gifte? Was sind Arzneien? Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst 1806; 24 (St. 3): 40-57
Latz G: Die Alchemie, das ist die Lehre von den grossen Geheim-Mitteln der Alchemisten und den Speculationen, welche man an sie knüpfte. Selbstverlag, Bonn 1869

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