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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 12.01.2016

Alle reden übers KlimaDie Deutschen kaufen Ölheizungen

Von Dieter Nürnberger

Jemand dreht an einem Thermostat eines Heizkörpers. (picture alliance / dpa / Foto: Sven Hoppe)
Auch moderne Ölheizungen sind nicht das ökologische Optimum. (picture alliance / dpa / Foto: Sven Hoppe)

Eigentlich wäre es sinnvoll, die Heizungssysteme in Deutschland mittels regenerativer Energien zu betreiben. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland dennoch mehr Ölheizungen verkauft als im Vorjahr - wohl auch wegen des günstigen Ölpreises.

"Das ist hier eine Öl-Brennwertanlage. Hier sehen sie die Ölleitungen, die nach hinten durchgeführt werden. Das hier ist der Ölfilter. Und draußen haben wir den Erdtank."

Bei der Firma "Mercedöl"-Feuerungsbau in Berlin steht noch ein Öl-Brennwertkessel im Schaufenster. Neben einem Gaskessel oder auch der Solaranlage auf dem Dach. Matthias Frankenstein ist Geschäftsführer des Traditionsunternehmens, welches noch heute den fossilen Brennstoff im Namen trägt, obwohl längst andere Energiearten das Hauptgeschäft ausmachen. Von den gegenwärtig steigenden Absatzzahlen bei Ölheizungsanlagen in Deutschland hat er selbstverständlich gehört - doch von einem Boom will er nicht sprechen.

"Es ist so, dass es ein Wachstum gibt, 30 Prozent sind es aber nicht. Unsere Erfahrungen liegen bei 20 Prozent. Die sind unseres Erachtens aber darauf zurückzuführen, dass im Speckgürtel rund um Berlin ein Sanierungsstau entstanden ist. Das sind die Anlagen, die in der Nachwendezeit installiert wurden - wo kein Gas- oder auch Fernwärmeversorger hinkommt. Ich glaube aber nicht, dass dies mit den niedrigen Ölpreisen am Markt zusammenhängt."

Rund 21 Millionen Heizungsanlagen gibt es in Deutschland und knapp sechs Millionen davon werden noch mit Öl befeuert. Trotz aller Appelle und auch Umweltschützern. Die Energiewende im Wärmebereich geht langsamer als gedacht. Wer eine Ölheizung möchte, bekommt sie auch, sagt Geschäftsführer Matthias Frankenstein:

"Es gibt - ob, Sie es glauben oder nicht - die ganz traditionellen Ölkunden. Auch, wenn sie weniger werden. Die sagen Nein, ich möchte beim Öl bleiben, möchte unabhängig sein, möchte mich entscheiden, wo ich mein Öl einkaufe. Diese Kunden gibt es nach wie vor - das Ölgeschäft, gegenüber anderen Energiearten, macht vielleicht noch 20 Prozent aus."

Bei "Mercedöl" in Berlin - wie wohl auch in jedem anderen, guten Installationsbetrieb - werden die Kunden beraten. Es geht um die Wirtschaftlichkeit einer Heizungsanlage, natürlich auch um Umweltaspekte. Doch letztlich entscheidet der Kunde. Peter Kafke ist professioneller Energieberater: Beim Verbraucherzentrale Bundesverband gibt es extra einen Checkpoint Energie. Hier suchen Tausende pro Jahr Rat. Auch Kafke sagt, dass natürlich die Vorstellungen der Kunden das Entscheidende sind.

"Wenn der beispielsweise sagt, mein Schwager hat mit einer Wärmepumpe schlechte Erfahrungen gemacht und somit denkt er über Öl nach - dann ist das eine andere Entscheidungssituation, als wenn jemand zu mir kommt und sagt, ich mache mir große Gedanken über die Umwelt, was würden Sie mir empfehlen? In dem einen Fall würde ich sagen, ja Sie können eine Ölheizung wählen. Im anderen Fall würde ich sagen: Haben Sie schon mal über eine Pelletheizung nachgedacht?"

Neue Öl-Brennwertkessel werden gefördert

In seinen Beratungsgesprächen kann Peter Kafke sogar auf eine staatliche finanzielle Förderung verweisen. So garantiert das sogenannte Heizungspaket zur Beschleunigung der Modernisierungen einen Zuschuss von 15 Prozent - für all jene, die den alten durch einen modernen Öl-Brennwertkessel ersetzen. Das rechne sich, sagt Peter Kafke.

"Das nimmt man als Standard, da weiß man, dass man etwas hoch Entwickeltes bekommt, was mit dem Brennstoff effizienter umgeht. Aber: Auch wenn ich Öl oder Gas hocheffizient verbrenne, habe ich eine CO2-Belastung der Umwelt. Wir haben knapp 40 Prozent mehr CO2-Emissionen pro Kilowattstunde nutzbarer Wärme beim Öl gegenüber dem Erdgas."

Wirtschaftlicher und effizienter sind die neuen Ölkessel also allemal. Aber eben nicht das ökologische Optimum. Und dass die Förderung eines neuen Öl-Brennwertkessels nun sogar von zehn auf 15 Prozent erhöht wurde, erzürnt Umweltpolitiker. Beispielsweise die grüne Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden.

"Es klingt erst einmal charmant. Man tauscht eine nicht ganz so effiziente Heizung durch eine effizientere Heizung aus und kann somit auch Energie sparen. Aber, wenn man weiter auf die fossilen Energieträger setzt, führt das eben nicht zu der so groß angekündigten Dekarbonisierung. Das passt für mich nicht dazu, dass man eine Energiewende möchte."

Bei Neubauten sieht das Erneuere-Energien-Wärmegesetz bereits einen verpflichtenden Anteil an regenerativen Heizsystemen vor. Bei Altbauten gilt das nicht. Julia Verlinden von den Grünen blickt deshalb etwas neidisch nach Dänemark, wo längst drastischere Maßnahmen gelten, um öl-basierte Heizungen zurückzudrängen.

"Wir Grüne sind ja bei der letzten Bundestagswahl damit angetreten, dass ab 2015 keine Ölheizungen mehr eingebaut werden sollen. In Dänemark beispielsweise passiert dies schon seit Jahren nicht mehr. Da ist man viel weiter."

Der niedrige Ölpreis freut die Kunden und sorgt derzeit wieder für einen stärkeren Zubau an Ölheizungen. Deutlich teurere, aber umweltfreundlichere Pelletheizungen werden jedoch weniger nachgefragt. Ein Minus von knapp 20 Prozent 2015. Schlechte Vorzeichen für die propagierte Energiewende im Wärmebereich, denn was jetzt in die Heizungskeller eingebaut wird, ist erfahrungsgemäß eine Investition für die nächsten 15 bis 20 Jahre.

Mehr zum Thema

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