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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.09.2012

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind

Jean Ziegler: Mütter in den Favelas und Slums können Nahrungsmittel nicht mehr bezahlen

Jean Ziegler im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Ein hungerndes somalisches Kind
Ein hungerndes somalisches Kind (picture alliance / dpa - Siegfried Modola)

Es muss verboten werden, dass Großbanken und Hedgefonds die Preise für Getreide und Reis an den Börsen ins Unerschwingliche treiben, sagt der ehemalige UN-Sonderbotschafter Jean Ziegler. Neben dem Landraub sei die Spekulation auf Grundnahrungsmittel einer der Hauptgründe dafür, dass jährlich 18 Millionen Menschen an Hunger sterben.

Jörg Degenhardt: Das Schöne am Radio hören ist ja, man kann es nebenbei tun, auch beim Frühstück, und wird dann konfrontiert mit Themen wie diesem: Alle fünf Sekunden verhungert weltweit ein Kind unter zehn Jahren. Oder schon alle drei Sekunden? – Das ganze Ausmaß der Katastrophe kann auf 306 Seiten nachgelesen werden, im neuen Buch von Jean Ziegler.

Dem Schweizer eilt der Ruf voraus, der vielleicht bekannteste Kapitalismuskritiker in Europa zu sein. Er war UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, er versteht also, wovon er schreibt, und er macht deutliche Ansagen, wenn es darum geht, Ross und Reiter zu nennen.

Das hat ihm zahllose Prozesse in seiner Heimat eingebracht und natürlich auch viel Aufmerksamkeit, und die kann nicht schaden, wenn man eine Botschaft an die Leser bringen will.

Ich habe mit dem Soziologen und emeritierten Professor der Universität Genf gesprochen. "Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" heißt das Buch, um das es geht. Wer ist denn schuld an diesen Zuständen?

Jean Ziegler: Zum Beispiel die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel. Der Banken-Banditismus hat vor drei Jahren die Finanzmärkte ruiniert, 85.000 Milliarden Dollar Vermögenswerte vernichtet, und seither sind die großen Hedgefonds, die Großbanken umgestiegen auf die Nahrungsmittelbörsen und machen mit Mais, Reis, Getreide astronomische Profite.

Und wer bezahlt diese explodierenden Weltmarktpreise? Das sind die Mütter in den Calampas von Lima, in den Favelas von Rio, in den Slums von Karatschi, wo mit ganz wenig Geld agiert wird. Da leben 1,6 Milliarden Menschen, das sind die "extremely pure" nach Weltbankstatistik auf unserem Planeten. Dort müssen die Mütter mit ganz wenig Geld diese teueren Nahrungsmittel kaufen, können nicht mehr genug kaufen und zuhause gehen die Kinder zugrunde an permanenter schwerer Unterernährung.

Die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel ist übrigens total legal, müsste verboten werden, aber ist total legal, aber ist einer der Gründe für das Massensterben heute am Hunger, vor allem in den Ländern des Südens.

Degenhardt: Das hat man ja, Herr Ziegler mit Verlaub, schon das eine oder andere Mal so oder ähnlich gehört. Was ist nun das Neue an Ihrem Buch?

Ziegler: Das Neue in meinem Buch ist erstens der Widerstand, das sind die Bauernaufstände in Indonesien, in Honduras, im Norden von Senegal, in den Philippinen, von denen kein Mensch in den Herrschaftsgesellschaften redet. Kein Mensch redet von diesen Menschen, Männern und Frauen, die jetzt aufgestanden sind, um ihr Land zurückzugewinnen, das von den internationalen Großkonzernen ihnen enteignet worden ist.

Dann letztes Jahr ist der Landraub nur in Afrika nach der Weltbankstatistik, 41 Millionen Hektar sind übergegangen in den Besitz der Großkonzerne. Und die Bauern, die dort lebten in den 54 Ländern Afrikas, die davon betroffen sind, die wurden manu militari vertrieben. Wohin? – In die Kanisterstädte, Kinderprostitution, zerstörte Familien, permanente Arbeitslosigkeit, Verzweiflung. Landraub ist ein Grund.

Dann das Agrar-Dumping ist ein permanenter Grund. Die EU entsorgt ihre Überschussproduktion auf die afrikanischen Märkte zum Beispiel. Auf jedem afrikanischen Markt heute können Sie deutsches, griechisches, portugiesisches Gemüse zu einem Drittel des Preises vergleichbar …

Degenhardt: Herr Ziegler, hier im Deutschlandradio Kultur möchte ich doch noch mal nachfragen. Die Menschen in Europa, also bei unseren Nachbarn zurzeit und auch hier in Deutschland, da gibt es ja momentan noch ganz andere Sorgen – Stichwort Euro-Krise, Sie haben es auch schon kurz angesprochen. Die findet gewissermaßen vor der Haustür statt. Der fremde Hunger, der ist weit weg, Sie haben es gerade beschrieben. Kommen wir vielleicht auch deswegen bei seiner Bekämpfung nicht weiter, weil uns die Probleme doch relativ fern erscheinen?

Ziegler: Da antworte ich zwei Sachen. Erstens: Sie haben unrecht. Der Dschungel schreitet vor auch in Europa. Ich war vor drei Monaten für die spanische Ausgabe meines Buches in Madrid, und dort kam gerade im letzten Mai heraus der neueste UNICEF-Report, also des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen. Dieser UNICEF-Report sagt, dass heute, jetzt, wo wir reden, in Spanien 2,2 Millionen Kinder unter zehn Jahren schwerst permanent unterernährt sind, weil die Sozialleistungen gestrichen worden sind und so weiter.

In England ist die Situation ziemlich gleich, also der Dschungel schreitet vor. Hunger, Unterernährung, extreme Armut, Angst vor dem nächsten Tag für die Familien und so weiter, das ist nicht mehr nur ein Phänomen des Südens. Das kommt, das schleicht sich ein, jetzt in die Herrschaftsgesellschaften.

Das Zweite, was ich sagen will - das ist ganz etwas Miraculouses, wissen Sie. Das zugeordnete Bewusstsein, das steigt ja, das Bewusstsein, dass diese kannibalische Weltordnung, dass es so nicht weitergehen kann. Gerade in Deutschland ist die Zivilgesellschaft unglaublich vital, da ist eine unglaubliche Mobilisierung im Gange, aufgrund nicht irgendwelchen politischen Programms, Gewerkschaft und so weiter, sondern aufgrund des kategorischen Imperatives, des Identitätsbewusstseins. Man weiß heute, dass das Massaker des täglichen Hungers 18 Millionen Menschen im Jahr tötet. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind.

Degenhardt: Manche sagen, alle drei Sekunden mittlerweile schon.

Ziegler: Und jetzt mit der Sahel-Krise, mit den zusätzlichen Hungersnöten, sind es drei Sekunden.

Degenhardt: Was macht Ihnen denn Hoffnung, dass man diesen Zustand doch ändern kann?

Ziegler: Die entstehende Zivilgesellschaft, um es schnell zu sagen, in unseren Herrschaftsländern, die ist eine ganz große Hoffnung. Das ist ein neues historisches Subjekt und der Aufstand des Gewissens, der steht in Europa ganz kurz bevor.

Degenhardt: Der Kapitalismuskritiker Jean Ziegler war im Studio. Anlass dafür war sein neues Buch "Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt".


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.