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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2012

Alkoholismus und nervöses Zittern

J.D. Salinger: "Neun Erzählungen". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 224 Seiten

J. D. Salinger
J. D. Salinger (AP)

Den Schriftsteller J.D. Salinger kennt man natürlich vor allem als Autor des Kultbuchs "Der Fänger im Roggen". Der Einfluss dieses Romans auf Literatur und Populärkultur ist bis heute ja auch gar nicht zu überschätzen. Man kann sogar sagen, dass Salinger mit diesem Buch in den Fünfziger Jahren die Orientierungskrise der Pubertät miterfunden hat.

Die Verwirrungen der Jugendlichen, die man vorher entweder gar nicht wahrnahm oder von Erwachsenenseite massiv unterdrückte, fanden in der rotzigen Sprache des Ich-Erzählers Holden Caulfield eine neue Möglichkeit, sich auszudrücken. Bis heute werden alljährlich 250.000 Exemplare dieses modernen Klassikers verkauft, davon ein Zehntel in Deutschland.

Nun hat Salinger, der 2010 starb und vorher als Autor beinahe ein halbes Jahrhundert geschwiegen hat, aber schon noch ein paar Bücher mehr geschrieben, darunter diesen frühen Band mit Kurzgeschichten. Eine gelungene Neuübersetzung durch Eike Schönfeld bietet nun Anlass, gerade dieses so faszinierende wie in manchem auch rätselhafte Buch neu zu lesen.

In den "Neun Erzählungen" nimmt Salinger gewissermaßen Anlauf zur Wut eines Holden Caulfield, der als Außenseiter hinter die Fassade des angeblich Normalen sehen lernt. Hier stattet er seine kindlichen und jugendlichen Figuren noch mit anderen Verhaltensweisen aus: Das kleine Mädchen in der Geschichte "Onkel Wiggily in Connecticut" denkt sich fiktive Freunde aus, das kindliche Genie Teddy in der gleichnamigen Geschichte umgibt sich mit einem Panzer aus Gefühlskälte.

Aber man sieht hier schon, dass die Welt der Erwachsenen brüchig ist, kommunikationsgestört. Und mehr noch als im "Fänger im Roggen" sieht man auch, wie viel das mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Salinger hat als Soldat in Europa gekämpft und zeichnete in diesen Geschichten das Bild einer Gesellschaft, die mit Gewaltausbrüchen und posttraumatischen Erkrankungen nicht fertig wird. Alkoholismus und nervöses Zittern sind die Regel. Und in "Ein idealer Tag für Bananenfische" bringt sich ein Mann ohne Vorwarnung um.

Die "Neun Erzählungen" sind eben mehr als Vorarbeiten zum "Fänger im Roggen". Sie können jeweils auch für sich stehen, und sie sind zudem so etwas wie Abbrucharbeiten des großen Gesellschaftsromans, wie er vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde.

Wenn man die Erzählungen zusammen liest, erkennt man, dass Salinger alle Elemente dafür zusammen hatte. Da geht es um alltägliche Situationen wie Strandurlaube, das Wiedersehen von alten Freundinnen, sich dehnende Nachmittage in mondänen New Yorker Wohnungen, Seitensprünge.

Aber Salinger kriegt diese Elemente nicht mehr zu einem Ganzen zusammen. Stattdessen schreibt er Momentaufnahmen über verunsicherte Männer, scheinemanzipierte Frauen und allein gelassene Kinder. Nahezu klassisch wirken diese Geschichten heute, aber immer wieder auch sehr rätselhaft. Man weiß nie, was die Figuren als Nächstes tun oder denken werden. Außenseiter sind sie alle. Und dass sie es, im Unterschied zu Holden Caulfield, noch gar nicht selbst wissen, macht sie so schillernd.

Besprochen von Dirk Knipphals

J.D. Salinger: Neun Erzählungen
Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
224 Seiten, 15 Euro