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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.08.2015

Alkohol am SteuerDie Vision Zero: Null Promille, null Verkehrstote

Kurt Bodewig im Gespräch mit Ute Welty

Nach einem Unfall: Rettungsfahrzeuge im Einsatz (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)
Die Deutsche Verkehrswacht fordert mehr Überholverbote auf den Landstraßen, um mehr Unfälle zu vermeiden. (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Angesichts der gestiegenen Zahl der Verkehrstoten hat der Präsident der Deutschen Verkehrswacht, Kurt Bodewig, eine Null-Promille-Grenze für Autofahrer gefordert. Er rügte auch den Rückzug der Polizei aus der Verkehrsüberwachung.

Wer sich ans Steuer setze, dürfe keinen Alkohol getrunken haben, sagte der frühere Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig im Deutschlandradio Kultur. Die Politik tue sich mit dieser langjährigen Forderung leider schwer, aber dies wäre das richtige Zeichen. Bodewig sagte, er sei ein Anhänger der "Vision Zero", die versuche, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. Eine Reihe von deutschen Städten sei bereits dabei, diese Strategie im städtischen Verkehr umzusetzen.

Regeln müssen überwacht werden

"Wir haben in Deutschland eine Tendenz, dass sich die Polizei aus der Verkehrsüberwachung immer leiser zurückzieht", kritisierte Bodewig. "Wir brauchen das aber." Wenn es Regeln gebe, müssten diese auch überwacht und durchgesetzt werden.  "In Zeichen angespannter Haushalte wird die Verkehrsprävention nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern man hat dann Sicherheitsprävention", sagte der Verkehrsexperte. Einbrüche und Kriminalität verdrängten die andere Aufgabe der Polizei. "Da sagen wir, beides ist wichtig", hielt Bodewig dagegen. Er appelliere an alle Innenminister, weiter die Verkehrsprävention ganz vorne auf die Agenda zu setzen.

Fehlende Statistik für Schwerverletzte  

Wichtig seien auch mehr Überholverbote auf bestimmten Strecken. "Wir haben die meisten Verkehrsunfälle gerade bei jungen Menschen auf den Landstraßen", sagte Bodewig. Dort erfolgten häufig Überholmanöver, die tödlich endeten. Bodewig sagte, nicht nur die Zahl der Verkehrstoten sei entscheidend, sondern auch die der Schwerverletzten. Sie werde statistisch bisher nicht ausreichend erfasst.


Das vollständige Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Sicherheitsgurt, Kopfstützen, ABS – jahrelang ist die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland gesunken. Aber diese Zeiten scheinen vorbei zu sein, scheinen leider vorbei zu sein, auch die jüngste Statistik weist gestiegene Zahlen auf. Vielleicht sollte sich Deutschland noch mehr ein Beispiel an Schweden nehmen: Die schwedischen Straßen gelten als die sichersten weltweit, weil man dort die Vision Zero verfolgt – niemand soll mehr bei einem Verkehrsunfall sterben müssen. Ob das Illusion ist oder machbare Strategie, das kann ich jetzt mit Kurt Bodewig besprechen. Der ehemalige Bundesverkehrsminister ist heute Präsident der Deutschen Verkehrswacht und Vizepräsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Guten Morgen, Herr Bodewig!

Kurt Bodewig: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Was läuft in Deutschland falsch, dass wieder mehr Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen? Wir standen schon mal besser da und wir standen vor allen Dingen schon mal sicherer da.

Bodewig: Wir haben natürlich eine ungeheure Zunahme von Verkehr in Deutschland. Wir haben andere Formen von Verkehr, zum Beispiel ist der Radverkehr sehr deutlich angestiegen, mit einem höheren Gefährdungspotential, daher ungeschützter, aber es ist eben auch ein gesünderer und ökologischer Verkehr, den wir fördern müssen. Sie sehen, damit zeigt sich schon die Bandbreite dessen, was wir behandeln müssen. Aber ich bin selber auch ein Anhänger der Vision Zero, die wir übrigens in Deutschland schon haben, nämlich im Arbeitsschutz, und wir haben in Deutschland schon eine ganze Reihe von Städten, die Vision Zero als ihre Strategie für den städtischen Verkehr entwickelt haben.

Welty: Wie funktioniert das dann?

Bodewig: Das ist so, dass man eine ganze Reihe von Maßnahmen dann in Kraft setzen muss: Man muss erstmal das Thema Verkehrssicherheit auf die Tagesordnung setzen, das ist in Deutschland, Gott sei Dank, der Fall, aber wir haben zum Beispiel in Deutschland eine Tendenz, dass die Polizei sich aus der Verkehrsüberwachung immer leiser zurückzieht und wir brauchen das aber. Wenn man Regeln hat, muss man auch die Einhaltung der Regeln überwachen und auch durchsetzen. Ich will damit nicht die Polizei kritisieren, aber Sie wissen ...

Welty: Na das tun Sie aber dann doch!

Bodewig: ... in Zeiten angespannter Haushalte wird zum Beispiel die Verkehrsprävention nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern man hat dann Sicherheitsprävention, Einbrüche, Kriminalität, die mit Gewalt verbunden ist, verdrängt das andere. Aber da sagen wir, beides ist wichtig, und ich appelliere an alle Innenminister, weiterhin die Verkehrsprävention ganz vorne auf ihre Agenda zu setzen.

Welty: Noch mal vielleicht konkret die Frage, wenn eine Stadt versucht, diese Vision Zero umzusetzen: Was kann sie tun?

Bodewig: Sie kann zum Beispiel Kommissionen einsetzen, wo man die unterschiedlichen beteiligten Gruppen – Fahrradclubs, Automobilclubs, Interessenten, die Deutsche Verkehrswacht und ihre örtlichen Verbände – zusammenholt und zu sagen, wo haben wir städtisch Unfallschwerpunkte. Was können wir tun, wie können wir die entschärfen, etwa durch eine andere Gestaltung des Verkehrsraumes, aber auch durch andere Regeln. Oder aber wir machen große Kampagnen, dass wir den Radhelm weiter fordern und nach vorne bringen, weil Fahrradunfälle, wenn sie passieren, sind immer mit hohen Schädigungen verbunden, weil eben der Körper halt ungeschützt ist, und da vor allem der Kopf eben die Stelle ist, die am meisten gefährdet ist. Ich lebe hier im norddeutschen Raum, ich kann Ihnen sagen, wir haben hier Kliniken, wo eine ganze Reihe von Komapatienten aus solchen Unfallformen herrühren, so dass nicht nur die Anzahl der Verkehrstoten entscheidend ist, sondern auch die der Schwerstverletzten, die wir aber statistisch gar nicht erfassen können. Deswegen glaube ich, brauchen wir ein besseres Instrumentarium, und das führt übrigens dazu, dass wir im Deutschen Verkehrssicherheitsrat und bei der Deutschen Verkehrswacht eben 14 Maßnahmen vorschlagen, die alle dazu führen, dass man diesem Ziel, Weg, nämlich die Vision Zero, weiterhin voranbringt.

Welty: Welche Maßnahme halten Sie für die wichtigste?

Bodewig: Ich glaube, dass wir in einer komplexen Welt ganz klare Regeln brauchen und zum Beispiel eine Regel könnte sein, wenn ich fahre und mich im Straßenverkehr bewege, kein Alkohol! Also eine in Anführungszeichen Null-Promille-Grenze, die natürlich nicht die Weinbrandbohne erfasst, da gibt es immer eine Toleranzschwelle. Aber wo deutlich das Signal ist, wenn ich mich ans Steuer setze, dann darf ich keinen Alkohol getrunken haben, weil das meine Wahrnehmungsfähigkeit reduziert. Wir fordern das schon seit Jahren. Politik tut sich an dieser Stelle etwas schwer, aber ich glaube, das sind die richtigen Zeichen. Das andere sind zum Beispiel Überholverbote in bestimmten Strecken. Wir haben die meisten Verkehrsunfälle gerade bei jungen Menschen auf den Landstraßen, wo dann Überholmanöver erfolgen, die auch oft tödlich enden.

Welty: Wo Sie aber diesen Punkt mit dem Alkohol am Steuer angesprochen haben, da würde ich gerne noch mal einhaken. Da ist Schweden ja sehr viel radikaler vorgegangen und spricht den Menschen auch zum Teil die Fähigkeit ab, mit diesem Risiko umzugehen. Da wird dann beispielsweise der Anlasser verbunden mit einem Alkoholtest und der blockiert dann, wenn Alkohol nachgewiesen wird – ist das auch ein Weg für Deutschland, so eine rabiate Methode einzusetzen?

Bodewig: Ich bin immer dafür, stufenweise vorzugehen. Die Menschen müssen den Weg auch mittragen. In Schweden hat man eine lange Kultur der Verkehrssicherheit. Wir in Deutschland haben eben auch eine viel höhere Motorisierung als in Schweden, wir haben verdichtete Räume, insofern kann man es nicht ganz vergleichen, aber zum Beispiel bei Wiederholungstätern, die schon erfasst worden sind, Alkohol-Locks an den Fahrzeugen vorzuschreiben, halte ich für einen denkbaren Weg, aber viel wichtiger ist einfach zu sagen, wir haben keine 0,5-Promill-Grenze, sondern wir haben den Grundsatz: Wenn ich getrunken habe, muss ich das Auto stehen lassen. Wir sind ja nicht gegen Alkohol oder gegen den Alkoholkonsum, ein Glas Wein beim Essen, sondern wir sagen einfach sehr deutlich, dann darf ich nicht fahren. Und diese Regel, glaube ich, dieses ganz klare Konzept, das ist etwas, was wir voranbringen müssen.

Welty: Aber solche Regeln gibt es doch schon immer im Grunde genommen und immer wieder werden sie überschritten, weil Menschen es einfach nicht einsehen, denken, sie werden nicht erwischt oder auch einfach zu blöd sind.

Bodewig: Regeln werden in der Regel befolgt, aber es gibt Menschen, die sich nicht an Regeln halten und dann muss da die Sanktion einsetzen, das heißt, das bedeutet, hohe Geldstrafen, den Entzug des Führerscheins, damit die Möglichkeit, auch selber einschätzen zu können, dass die Gefahr, die sie durch unverantwortliches Handeln begehen, dann auch wirkungsvoll sanktioniert wird. Ich glaube, das ist der richtige Weg, den man fahren muss.

Welty: Weniger Tote im Straßenverkehr, dafür machen sich die Deutsche Verkehrswacht und der Präsident Kurt Bodewig stark. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Bodewig: Sehr gerne!

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