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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.12.2009

Alberne Bilder, verblödelte Koloraturen

Nikolaus Harnoncourt und Tobias Moretti knöpfen sich Haydns "Il mondo della luna" vor

Von Jörn Florian Fuchs

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt lässt Haydns "Il mondo della luna" spielen. (AP Archiv)
Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt lässt Haydns "Il mondo della luna" spielen. (AP Archiv)

Mit allerlei Showeffekten, einer Fülle von Gags und häufigen Kostümwechseln inszeniert Tobias Moretti Haydns "Il mondo della luna". Die Probleme, Intrigen und Abgründe der bissigen Musikkomödie werden als zweitrangig abgetan.

Es hätte der Hit des Musiktheaterherbstes werden können. Ein Weltklassedirigent mit eigenem Orchester, ein Opernhaus, das trotz Finanzkrise weder Kosten noch Mühen scheut, schließlich ein Regisseur, der eigentlich zwar Schauspieler ist, aber ganz gern und nicht unerfolgreich mal die Seiten wechselt. Die Karten waren heiß begehrt, das Fernsehen übertrug und sendete sogar gegen "Wetten das ... ?" an, eine DVD ist in Vorbereitung, natürlich in High Definition.

Bei soviel medialer Aufmerksamkeit muss man naturgemäß etwas ganz Besonderes bieten, dachte sich Tobias Moretti und legte eine Inszenierung vor, die ebenfalls im HD-Format daherkommt. Da wird der tölpelhafte Buonafede - statt wie bei Haydn und seinem Textvorleger Goldoni auf den Mond - in eine virtuelle Sexwelt geschickt. Mittels aufwendig verkabeltem Cyberhelm geht's stracks ins süße Pornoreich, man(n) filmt üppige Frauenbrüste nebst ähnlich aussehenden frischen Früchten, morpht das Ganze und schickt es dem tumben Pornofan direkt ins Hirn. Wir sehen das Flimmern und Flackern hingegen auf großen Leinwänden. Später wandelt sich diese Mondwelt und wird zur Musicalkulisse, in der es heftigst blinkt und glänzt. Um ein Loriot-Bonmot abgewandelt zu zitieren: So viel Lametta gab's früher nie.

Moretti und das einzige wirkliche Traumpaar des Abends, die Bühnenkonstrukteure Renate Martin und Andreas Donhauser, haben mächtig viel verbaut. Neben all der dekorativen Videotechnik befinden wir uns entweder in der lunaren Glitzerwelt oder in einem netten Häuschen mit Schlafzimmer in Altrosé oder vor einer mediterranen Häuserzeile mit Gartenanlage und Zypressen oder in einem Computerstudio oder einfach irgendwo sonst, sozusagen im inhaltlich wie szenisch luftleeren Raum.

Es gibt eine Fülle von Gags, einen Fernsehsender namens Lunavision, häufige Kostümwechsel und ganz viel Grimassieren. Einen wirklichen Bogen finden Moretti und sein Team nicht und vermutlich wollten sie ihn gar nicht finden. Die Probleme, Intrigen und Abgründe dieser zeitweise immens bissigen Komödie bleiben an der Oberfläche beziehungsweise im Dunkeln. Nach dem immerhin teilweise unterhaltsamen ersten Akt zieht sich der Abend zwei weitere, nicht enden wollende Akte lang dahin, die Bühnentechnik ächzt, Leute schweben auf Seilbahnsesseln herum, aber szenisch ist die Luft schon lange raus. Dass der nicht unkomplizierte Beziehungsreigen eigentlich wichtiger als die virtuelle Mondlandschaft ist, nimmt die Inszenierung nur am Rande zur Kenntnis. Die Abgründe des gelackmeierten Helden, der am Ende sowohl seine Töchter an die jeweils erhofften Gatten verliert und dessen eigener Minnesang nicht erhört wird, bleiben durch den Komödienkrawall im Trüben.

Leider krankt die deutungsarme Gagparade auch an der musikalischen Umsetzung. Nikolaus Harnoncourt animiert seinen Concentus Musicus Wien diesmal zu sehr merkwürdigen Dingen, da knarzen die Darmsaiten, bis auch der Letzte verstanden hat, dass Harnoncourt das Haydn-Rad wieder mal neu erfinden möchte, da wiederholen die Hörner endlos das sensible Hörnerven eher auf- denn anregende Quäken, während die Rezitative oft seltsam blass und ungestaltet vorüberhuschen. Am ärgerlichsten sind aber die verblödelten Koloraturen. Was Haydn seinen Sängern als dadaistische Mondsprache einst in die Kehlen schrieb, wird in Wien zur oft oberflächlichen Kasperei.

So scheiterte diese Reise zum Mond und wir hoffen auf ein Wiederhören und Wiedersehen in einer besseren Welt, drei Sänger könnte man allerdings dorthin importieren: den wunderbaren Dietrich Henschel als Buonafede, Maite Beaumont als emanzipierte Dienerin Lisetta und Bernard Richter, der mit wohlig warmem, klaren Timbre den Intriganten Ecclitico gab.

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