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Buchkritik

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SachbuchLässt sich Demenz verhindern?
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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2010

Akustisches Porträt

"Nelly Sachs. Schriftstellerin", Berlin/Stockholm, speak low 2010 in Kooperation mit Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, 1 CD

Die Schriftstellerin und  Literaturnobelpreisträgerin (1966) Nelly Sachs
Die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin (1966) Nelly Sachs (AP Archiv)

Das Motiv von Flucht und Verwandlung prägt die oft als hermetisch charakterisierte Dichtung von Nelly Sachs. Nun ist es gelungen anhand von Originaltönen, Kommentaren und Interpretationen diesen geheimnisvollen Kosmos für den Hörer zu öffnen.

"Wir Geretteten,
Immer noch essen an uns die Würmer der Angst.
Unser Gestirn ist vergraben im Staub.
Wir Geretteten
Bitten euch:
Zeigt uns langsam eure Sonne.
Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.
Laßt uns das Leben leise wieder lernen."

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1964. Die Stimme von Nelly Sachs klingt fragil, aber nicht kraftlos. Behutsam fügt sie im Gedicht "Chor der Geretteten", das nur wenige Monate nach Kriegsende entstand, die Worte zusammen.

70 Jahre nach ihrer Flucht aus Berlin ins schwedische Exil lauscht man gebannt dieser Stimme, die das Gedicht mit einer geheimnisvollen Aura umhüllt.

"In der Flucht
welch großer Empfang
unterwegs –

Eingehüllt
in der Winde Tuch
Füße im Gebet des Sandes
der niemals Amen sagen kann
denn er muss
von der Flosse in den Flügel
und weiter –

Der kranke Schmetterling
weiß bald wieder vom Meer –
Dieser Stein
mit der Inschrift der Fliege
hat sich mir in die Hand gegeben –

An Stelle von Heimat
halte ich die Verwandlungen der Welt -"

Das Motiv von Flucht und Verwandlung prägt die oft als hermetisch charakterisierte Dichtung. Nun ist es gelungen anhand von Originaltönen, Kommentaren und Interpretationen diesen geheimnisvollen Kosmos für den Hörer zu öffnen. Kundig dirigiert der schwedische Autor Aris Fioretos durch ein poetisches Labyrinth, das etliche akustische Überraschungen bereithält.

So eine Lesung ihrer Gedichte durch Paul Celan – den "geliebten Bruder" und "Hölderlin unserer Zeit", wie sie ihn nannte. Aufgenommen am 10. Dezember 1966 in Paris – an dem Tag als Nelly Sachs den Literaturnobelpreis in Stockholm entgegen nimmt.

Paul Celan
"Im verhexten Wald
mit der abgeschälten Rinde des Daseins
wo Fußspuren bluten
glühende Rätsel äugen sich an
fangen Mitteilungen auf
aus Grabkammern –
Hinter ihnen
das Zweite Gesicht erscheint
Der Geheimbund ist geschlossen -"

Celan gibt sich dem fremden Rhythmus hin und sucht hinter dem Wort das dichtende Du. Zu hören ist eine innige Hommage. Der Meridian des Schmerzes und des Trostes, der - wie Nelly Sachs es ausdrückte – beide verband, wird ebenfalls hörbar.

Während Celan konzentriert spricht, gibt der Freund, Lektor und Verwalter des Nachlasses Hans Magnus Enzensberger mit angenehm leichtem Ton Einblick in ein Dasein, das ganz dem Schreiben galt:

"An ihrer Arbeit hat sie immer festgehalten und ich finde es ganz unwahrscheinlich, wie diese, wenn man sie gesehen hat, eine schwache, zarte, anfällige Person, dünn wie ein Vogel, hat sehr wenig gegessen und so, mit welcher Seelenstärke und welcher Energie und unaufhaltsam, an ihren Sachen da gemacht, bis zuletzt. Sie war überzeugt, von ihrer, ich sage jetzt mal, ihrer Sendung, daran gab es nichts zu deuteln."

Als Zeitzeuge vermag Enzensberger den Augenblick einstiger Begegnung zu vergegenwärtigen. Eindringlich spricht er von ihrem leisen Humor, nennt Nelly Sachs eine Visionärin und Mystikerin mit erstaunlicher Bodenhaftung.

"Oder man ist in der Küche gesessen, sie hat dann Abendessen gemacht – sie war 'ne gute Köchin übrigens - ...weltfremd in diesem Sinn war sie überhaupt nicht. Dagegen wehre ich mich."

Plötzlich ist Nelly Sachs ganz nah, auch wenn sie fast tonlos spricht.

"Ich habe Schweden sehr lieb gewonnen und es hat uns gerettet, aber auf Erden ist kein Ort mehr. Ich habe keinen Ort mehr auf der Welt. Es ist ortlos, wo ich bin. Nicht Stockholm und nicht Berlin und nichts mehr."

Eine akustische Sternstunde.

In der sensiblen Abstimmung von O-Tonmaterial, Lesung und Kommentar, mit dem speak low erneut sein engagiertes Können beweist, entsteht ein faszinierendes Hör-Gewebe. Es erschließt sich auch dem, der erstmals mit dem Werk von Nelly Sachs konfrontiert wird. Alles, was man dafür braucht, ist etwas Zeit.

Besprochen von Carola Wiemers

Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm
speak low 2010 in Kooperation mit Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur
1 CD, 18,90 Euro