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Studio 9 | Beitrag vom 07.01.2016

Aktion der Universität OxfordPalmyra aus dem 3D-Drucker in London

Von Friedbert Meurer

Der Tempel des Baal in der antiken Oasenstadt Palmyra in Syrien im November 2011, vor der Zerstörung durch die Terrormiliz Islamischer Staat 2015 (imago/Xinhua)
Der Tempel des Baal in der antiken Oasenstadt Palmyra in Syrien im November 2011, vor der Zerstörung durch die Terrormiliz Islamischer Staat 2015 (imago/Xinhua)

Der Tempelbogen aus der antiken syrischen Welterbe-Stadt Palmyra auf dem Londoner Trafalgar Square: Mit dem Wiederaufbau des von der Terrormiliz Islamischer Staat zerstörten Kulturguts will die Universität Oxford auf deren Bedrohung im Nahen Osten aufmerksam machen. Doch das ist nicht ganz ungefährlich.

Der Trafalgar Square erhält eine weitere Attraktion: Der Tempelbogen aus Palmyra wird direkt neben der Siegessäule mit Lord Nelson errichtet, dem Sieger der Seeschlacht von Trafalgar. Der Seeheld wird zwar aus einer Höhe von gut 50 Metern auf das 15 Meter hohe Replikat aus der Antike herabblicken, der Torbogen aber dürfte Nelsons Column für eine Weile die Schau stehlen. Der Platz ist gut gewählt: Im Hintergrund steht die prächtige, mit hohen Säulen bewehrte britische Nationalgalerie. Londoner wie Touristen sollen aus allernächster Nähe das Weltkulturerbe bestaunen dürfen.

Wir wollen auf die Bedrohung antiker Kulturgüter im Nahen Osten aufmerksam machen, erläutert Alexy Karenowska vom Institut für digitale Archäologie der Universität Oxford die Aktion. Wir wollen aber auch deutlich machen, wie diese Objekte auch auf unsere moderne Welt wirken mit all ihrer Schönheit und herausragenden Bedeutung. Wir hier im Westen teilen ein gemeinsames Erbe mit dem Nahen Osten."

Über Monate hat das Institut in Oxford fotografisches Material des Baal-Torbogens gesammelt – in Kooperation mit der US-Universität Harvard und dem Museum der Zukunft in Dubai. Fotoapparate wurden an freiwillige Helfer verteilt, die das Tor in Palmyra oder auch andere bedrohte Kulturstätten aus allen erdenklichen Perspektiven ablichteten – eine nicht ungefährliche Tätigkeit. Noch soll der Original-Torbogen in Palmyra stehen, er könnte aber jederzeit wie andere Teile der Anlage in die Luft gesprengt werden.

"Wir geben die Kameras an unsere freiwilligen Mitarbeiter heraus. Dann kommen die Bilder über zwei Wege zu uns zurück: Zum einen werden sie online auf unseren Server hochgeladen. Das funktioniert in Syrien und andernorts aber natürlich nicht, weil es dort kein funktionierendes Breitband gibt. In diesen Fällen werden uns die Fotos per Post zugeschickt."

Weltweit größter 3D-Drucker

Mit Hilfe dieser Aufnahmen oder auch anderer Informationsquellen, Museen oder Archive, lassen die Instituts-Mitarbeiter der Torbogen von Palmyra zuerst virtuell entstehen. In einem zweiten Schritt wird der Bogen mit einem der weltweit größten 3D-Drucker wiederhergestellt – nicht in einem Stück, sondern Stein für Stein wie bei einem Lego-Baukasten.

"Wir haben also im Institut für digitale Archäologie alle Bilder und Informationen eingesammelt. Damit haben wir detailgenaue Aufnahmen des zerstörten Bogens erstellen können. Und damit können wir jetzt einen dreidimensionalen Plan der Anlage zeichnen."

Insgesamt werteten die Experten tausende von Aufnahmen aus. Eigentlich hätten spezielle 3D-Kameras verwendet werden sollen, was aber vor Ort nicht möglich gewesen sei. Dass der IS symbolisch die Kulturbrücke zum Westen in die Luft sprengen wolle, habe aber auch einen finanziellen Hintergrund, meint Alexy Karenowska:

"Es geht einfach auch ums Geld. Sie sprengen zwar die Kulturgüter, aber sammeln dann die Einzelteile ein und verkaufen sie schwarz auf dem Kunstmarkt."

In den nächsten Wochen soll der weltgrößte 3D-Drucker in Schanghai zum Einsatz kommen. Die einzelnen Teile werden aus Kalkstein produziert, in Italien bearbeitet und schließlich nach London und New York verschifft. Auf dem Trafalgar Square und auf dem Times Square werden sie dann Stein für Stein zum Torbogen zusammengesetzt. Eigentlich sollen sie dann während der Welterbe-Woche nur für eine Woche zu sehen sein – Londons Bürgermeister Boris Johnson lässt aber schon durchblicken, dass er gerne den Torbogen von Palmyra auch länger neben der Säule von Admiral Nelson stehen lassen möchte. 

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