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Lange Nacht

Spanier ohne Vaterland
Ein kunstvoll gefertigter Behälter für Gesetzestafeln der Sephardim. Sephardim werden die Juden genannt, die 1492 Spanien verlassen mussten.

1492 segelt Christoph Kolumbus in die neue Welt. Im gleichen Jahr erlässt das katholische Königspaar auf der iberischen Halbinsel ein Ausweisungsedikt: Juden, die nicht zum Christentum konvertieren wollen, müssen Spanien verlassen. Tausende Juden gehen in die Diaspora. Mehr

"Von einem, der auszog ..."
Eine Person hat ihre Wanderschuhe ausgezogen, daneben steht eine Blechtasse

"Alles würde besser gehen, wenn man mehr ginge", davon war Johann Gottfried Seume überzeugt. Er wusste, wovon er sprach, war er doch zu Fuß von Leipzig bis Sizilien und zurückgewandert. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau stimmte ihm zu.Mehr

Ein Zauberer auf dem Sender
 Historisches Großfoto mit Hans Flesch, Bereich "Anfänge" 

Als 1923/24 in Deutschland die ersten Programmgesellschaften gegründet wurden, herrschte zunächst oft Langeweile im Äther: morgens Gymnastik und kirchliche Feiern, mittags Kochrezepte und Zeitsignale, abends ein Konzert oder ein "belehrender Vortrag" und zum Schluss das Deutschlandlied. Mehr

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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 15.07.2006

Aktenzeichen: 4 Ks 2/63

Eine Lange Nacht über den 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965

Von Ronald Steckel

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)

Die zwischen Dezember 1963 und August 1965 durchgeführte Strafgerichtsverhandlung "Strafsache gegen Mulka und andere…", Aktenzeichen 4 Ks 2/63, später bekannt geworden als "1. Frankfurter Auschwitz-Prozess", in der ehemalige Mitglieder der im Konzentrationslager Auschwitz tätigen SS vor Gericht gestellt wurden, ist mit dem Beginn der Zeugenvernehmungen "zum Zwecke der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts" auf Tonband aufgezeichnet worden.

400 Stunden Tonbandaufnahmen entstanden, die fast alle Zeugenvernehmungen und die Aktivitäten des Gerichts dokumentieren. Nach der Urteilsverkündung im August 1965 wurden die Tonbänder auf Einsprache des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Hermann Langbein, der wesentlich zum Zustandekommen des Prozesses beigetragen hatte, nicht gelöscht, sondern im Hessischen Hauptstaatsarchiv gelagert, wo sie 30 Jahre später entdeckt und durch das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt zugänglich gemacht wurden.

"Auschwitz. Stimmen" heißt das Hörstück, dass auf der Basis dieses Materials entstand - eine dreistündige epische Erzählung, in der die Wirklichkeit des Konzentrationslagers Auschwitz - von der Einlieferung der "Schutzhäftlinge" bis zur Bildung eines organisierten Widerstands - durch die Aussagen der Überlebenden heraufbeschworen wird.

Ronald Steckel
Auschwitz. Stimmen
Audio-CDs
2006 Delta Music
ISBN 3-86538-505-2 | KNV-Titelnr.: 16361142

Im Textbuch von Auschwitz. Stimmen habe ich versucht, den exakten Wortlaut der Zeugenaussagen
zu berücksichtigen und vom Fritz-Bauer-Institut teilweise vorgenommenen sprachlichen Glättungen, die Grammatik, Syntax etc. betreffen, rückgängig gemacht. Entstanden ist eine im Wesentlichen wortwörtliche Abschrift, die alle sprachlichen und psychischen Unsicherheiten und die emotionale Erregung der Zeugen während ihrer Aussagen spiegelt. Viele der Zeugen hatten für den Frankfurter Prozess zum ersten Mal seit 1945
wieder deutschen Boden betreten.
Berlin, im Juni 2006 - Ronald Steckel

Auszug aus dem Textbuch" Auschwitz. Stimmen"

Lesarten

Um kenntlich zu machen, in welcher Position die verschiedenen Zeugen im Lager Auschwitz waren, habe ich die Namen der Zeugen in drei unterschiedlichen Schreibweisen dargestellt:

1. Kursiv geschriebene Namen stehen bei allen Zeugen, die in Auschwitz als Häftlinge interniert waren.

2. Normal geschriebene Namen stehen für ehemalige Mitglieder oder Mitarbeiter der in Auschwitz tätigen SS.

3. In VERSALIEN geschriebene Namen bezeichnen Angeklagte des Frankfurter Prozesses.

...

Rudolf Vrba: "Nämlich diese ganze Rampe, das war ja das Herz sozusagen von Auschwitz. Wenn das dort nicht klappte, klappte gar nichts. Man musste ja die Leute freiwillig in die Gaskammern hereinbringen und in Unwissenheit, mit List. Also deshalb haben sich die SS Männer dort verschieden benommen. Gewöhnlich haben sie die Waggone aufgemacht und haben gesagt: "Meine Herren und Damen, bitte auszusteigen" oder so was. In dem Moment, wo sie draussen waren, da haben sie gesagt: "Verboten zu sprechen. Sprechverbot, hier muss Ordnung sein." Die haben Angst gehabt, dass manche der Männer sehen konnten, dass da etwas nicht stimmt. Und jede Revolte natürlich, jeder Widerstand, da muss ja ein Verständnis sein. Und um Verständnis, da muss man ja sprechen. Und da war ein strenges Sprechverbot. Für uns Häftlinge, die probierten zu sprechen mit den Zugängen, um eine Warnung zu geben, das war rücksichtslos mit Tode bestraft. "
(117. Verhandlungstag, 30.11.1964)

Oswald KADUK: "Und dann wurden erst die Männer gezählt, zu Fünfen, und da hiess es, sie sollen sich so einhaken, sagen wir mal, haben wir sie abge-, die von der Politischen, von der Aufnahme haben sie auch aufgenommen, sagen wir haben sie gezählt, und dann, sagen wir mal, hat der Schutzhaftlager sie übernommen, und der Schutzhaftlager, der hat einen Schein gehabt, ich weiss nicht, ob das die Liste war von dem Oberleutnant, der Oberleut- nat hat dann die Stärke richtig übergeben und der hat die Stärke richtig übernommen und der hat sie dann abgesetzt, nicht wahr. "
(50. Verhandlungstag, 29.5.1964)

Rudolf Vrba: "Zweitens: Falls die Leute sprachen, da sind die SS Männer mit den Spazierstöcken - das waren nämlich Spazierstöcke, keine Knüppel. Die Knüppel, die würden zu schnell schauen, was los geht. Da sind sie mit den Spazierstöcken hingefahren, und sagen wir, da waren Szenen. Da hat die eine Frau gesagt: "Ich trenne mich nicht von meinem Mann." Die andere hat gesagt: "Ich lasse nicht hier meine Mutter" oder so was. Und in dem Moment wurden sofort die Stöcke benützt. Aber rücksichtslos. Das heißt, es wurde losgeschlagen, auf den Kopf, wohin auch immer getroffen wurde. Ja, die anderen haben es gesehen, und das hat sie irgendwie… das war eine Überraschung. Also das war die erste Überraschung in Auschwitz. Und die Kinder, die Kinder haben angefangen zu schreien, wenn das passierte. Und das hatte die Rückwirkung wieder auf die Erwachsenen. Die Erwachsenen haben wohl wieder, die haben sich befasst, um die Kinder zu beschwichtigen. Und das Ganze ist schnell abgelaufen. Schnell, schnell, schnell. Nicht sprechen, weil Sprache wurde hinuntergeknüppelt. "
(117. Verhandlungstag, 30.11.1964)

Stefan BARETZKI: "Jetzt kommt der von der Aufnahme. Jetzt hat er erst mal gezählt den ganzen Transport. Wenn der Transport stimmt, hat er die Papiere geholt von dem Mann; holt keiner die Papiere von dem Mann, ob er Transportführer ist, Polizeioffizier oder sonst was, er hat die Papiere. Es kommt der Mann von der Aufnahme, er tut sie alle zählen. Die werden alle gezählt, der ganze Haufen wird jetzt gezählt. Jetzt wird unterschrieben, die Papiere unterschrieben. Der Mann kriegt seine Papiere, es wird noch nicht selektiert, gar nichts. Der macht seine Leute zusammen und marschiert ab von der Rampe. Vorher wird nicht selektiert. Und dann fängt an die Selektion. Jetzt bilden sich dann zwei Gruppen, die Gruppe rechts und die Gruppe links. Der Mann von der Aufnahme ist immer noch in Tätigkeit. Das ist nur seine Arbeit. Er zählt jetzt die Selektierten, die zur Arbeit gehen, und die Selektierten, die zum Gas gehen. Und dann rechnet er zusammen seine Zahl, und dann sagt er: "Die gehen ins Lager, und die gehen hier ins Krematorium." Der Blockführer erfährt ja gar nicht, von wo der Transport herkommt. Das weiss der gar nicht. Er weiss nicht, wieviel ins Gas gehen, das kann der gar nicht wissen, er weiss nur wieviel dann ins Lager kommen, als Arbeitsfähige, das muss er ja in den Bestand aufnehmen. Die andere erfährt der doch niemals. "
(153. Verhandlungstag, 3.5.1965)

Mauritius Berner: "Und der Strom der Menschen ging vorwärts. Und ich sagte meiner Frau - ich war mit Frau und drei Kindern, drei Töchterchen - "tut nichts, Hauptsache, dass wir fünf zusammen sind, und wir werden schon sehen, wie wir weiterkommen". Kaum sagte ich das, tritt schon ein anderer Soldat zwischen uns und sagte: "Männer nach rechts, Frauen nach links!" und hat uns geteilt voneinander. Ich habe nicht einmal soviel Zeit gehabt, meine Frau umzuarmen. Sie hat mir nachgeschrien: "Komm, küsse uns!" – vielleicht aus irgendeinem Fraueninstinkt hat sie eher gefühlt, was für eine Gefahr auf uns droht. Ich bin durch den Kordon wieder zu ihnen gelaufen und habe meine Frau geküsst und meine drei Kinder, und schon wieder hat man mich auf die andere Seite geschoben und wir sind weiter vorangegangen, parallel zwar, aber getrennt, zwischen den zwei Geleisen, zwischen den zwei Zügen, parallel, aber getrennt. Dann die Menge hat mich auch weitergestossen, ich habe sie vor Augen verloren, meine Familie. "
(78. Verhandlungstag, 17.8.1964)

Das Fritz Bauer Institut in Frankfurt hat die Originalton-Mitschnitte der Hauptverhandlungen des 1. Frankfurter Auschwitz-Prozesses transkribiert und herausgegeben. Für alle Recherchen zum Thema sei deshalb auf die Gesamtveröffentlichung der Prozessprotokolle auf der vom FBI herausgegebenen DVD "Der Auschwitz-Prozess" (Digitale Bibliothek, Band 101, Directmedia Publishing GmbH) verwiesen, die auch Tonbandmitschnitte (Hörproben) und Prozessdokumente enthält.

"Der Auschwitz-Prozess"
herausgegeben vom Fritz Bauer
Institut Frankfurt am Main und dem Staatlichen Museum Auschwitz-
Birkenau,
Digitale Bibliothek Bd. 101, Directmedia Publishing GmbH.
Berlin

Auszug aus dem Textbuch "Auschwitz. Stimmen"

Filip Müller: "Also die Menschen, das waren von Polen, Juden von Polen. Das haben wir dann gesehen, weil wir mussten dann die Klamotten sortieren noch dort. Die Menschen, sie… wie wir sehen, sie hatten nicht gewusst, wo sie gehen, aber sie haben gewusst, das ist nicht gut. Etwas ist nicht gut hier. Wenn man die Frauen, die Kinder, die Männer "los, los, alles aus- ziehen!". Und sie schauen, einer auf den anderen: was wird hier sein? Und sie ziehen sich, ich möchte sagen, so langsam, wie sie hätten die Zeit auf das brauchen, dass sie sollen spekulieren, was kann… sie spe- kulieren, was… Und das geht paar Minuten, da war Stark wieder, mit die zwei SS-Angehörige, also der Rottenführer und der Unterscharführer, mit einem Peitsch müssen sie aber nur die, die vor ihnen waren: "Los! Ausziehen, ausziehen!" Die kleinen Kinder, wenn sie sagen, die gehen zu die Eltern, aber sie weinen nicht, sie weinen nicht, sie waren wahrscheinlich vom Ghetto oder, sie weinen nicht, aber so schnappen sie, und so geht es. Also die erste, diese erste 300 oder 350…"
(97. Verhandlungstag, 5.10.1964)

Richard Böck: "Jetzt schaue ich so dahin, dann sagt er: "Sind schon hinaus zum Baden. Komm, jetzt gehen wir hinüber." Dann sind wir hinübergegangen, da sind grade so die letzten hineingelaufen. Die sind alle von der Baracke raus, nackt, und sind dann da rübergelaufen. Da war so eine Tafel dann, so ein Schild: "Zur Desinfektion", ganz genau: "Zur Desinfektion." Dann sind sie rüber, dann haben die so die Türe zugemacht. Nach einer Weile sagt der Hölblinger: "Guck, guck, guck. Jetzt bringen sie noch Kinder daher." Jetzt haben die Leute, scheint es, die Kinder unten drin in der Kleidung ein bisschen zugedeckt und versteckt gehabt. Jetzt haben die Häftlinge, die da mitmachen haben müssen, die Kinder nachgebracht und rüber und die Tür aufgemacht, die Kinder hineingeschmissen und zugemacht. Und jetzt haben die geschrien drinnen. Und in dem Moment ist einer an der Leiter hinaufgestiegen zu dem runden Loch, ein SS Mann war es, und hat da oben so gemacht, meine ich, so was, und hat die Büchse da hineingehoben und hat da so geschüttelt, es hat so geklappert, und hat dann das Türchen wieder zugemacht. Und da hat es geschrien. - - Vielleicht zehn Minuten lang, ich weiss nicht. Und dann haben wir eine Weile gewartet, wir waren gespannt. Und dann habe ich gesagt zum Hölblinger: "Mir wird ganz schlecht, glaubst du das? Mensch, wenn ich nur gar nicht mit raus wäre." Sagt er: "Sei still, nichts sagen, du bist mein Beifahrer, nichts anmerken lassen, die meinen, du gehörst zu mir. Da darfst du dir nix denken." Es durfte nicht sein, dass er mich mitnimmt. Jetzt haben sie, die Häftlinge, dann die Türen aufgemacht, und dann bin ich hin, habe ich so hineingeschaut, dann habe ich halt gesehen, dass alles so durcheinander ist. Der eine hat den Fuß da durch gehabt. Beim einen habe ich gesehen, der hat gleich den Finger da drinnen gehabt, bis im Auge, so weit, beim anderen. So haben sich die alle verkrampft. Und dann sind die Häftlinge hin, so ein blauer Dunst ist noch gewesen, oben rum so. Und geschwitzt müssen die alle haben, ganz heiss ist es da rausgekommen. Dann haben die Häftlinge sie so gepackt, rausgezogen und auf einen Leiterwagen hinaufgeworfen. Und wenn er immer voll war, haben sie ihn weggeschoben, so da hinten hinüber, wohin, weiss ich nicht. Dann sind wir wieder zurückgegangen. Nachher ziehen sich die nächsten wieder aus. Da sind wir auch so hineingestanden. Dann sitzt ein Mädel auf den Kleidern und hat so geguckt. Dann geht der SS Mann hin und sagt: "Willst du nicht baden? Du ziehst dich nicht aus?" Dann hat sie so gemacht und hat ihn so anguckt und gelacht. Dann ist er weglaufen, dann sagt der Hölblinger: "Kerl, jetzt musst du gucken, jetzt gib Obacht." Tatsächlich, er bringt zwei Häftlinge mit, die gehen hin, reissen die Kleider runter dem Mädel, und einer auf der Seite gepackt und auf der Seite, hinausgeführt und auch da hinüber. Dann sehe ich den Doktor Schilling, der sagt zu einer Frau was, auf jeden Fall auch, ob sie sich nicht ausziehen will, nicht baden. Dann sagt eine bessere Frau neben der, die hat einen schönen Mantel angehabt: "Ja, so was sind wir gar nicht gewöhnt", hat die gesagt, so in dem Dialekt: "So was sind wir jarnicht jewöhnt". Dann hat der eine gesagt: "Das glaube ich schon, dass du das nicht gewöhnt bist, wo du herkommst", so ähnlich. Und dann sind die Häftlinge hin und hat der alten Frau… der Schilling ist zu der Frau noch mal hin und hat der alten Frau eins ins Gesicht neingeschlagen. Und nachher sind die Häftlinge gekommen und haben ihr genauso das Gewand runtergerissen und haben sie auch rübergeführt. Aber ich sage Ihnen, die Frau war so mager gewesen, dass ich direkt einen Ekel gehabt hab. Das andere will ich jetzt nicht mehr sagen. Ich habe zu Hause meine Frau, glaube ich, vier Wochen lang gar nicht mehr angeschaut, so bin ich damals beeindruckt gewesen. Dann sind wir rüber, dann haben sie wieder zugemacht. Dann bringen vier Häftlinge noch mal zwei Frauen nach. Und dann haben sie nicht mehr aufgemacht, haben sie sie bloss an die Seite hingeführt. Und der Hauptscharführer Moll war dagestanden und hat so ein kurzes Gewehr gehabt, das hat aber gar nicht geknallt, so wie Luft hat das getan, und hat es hinten hingehalten. Und die haben sie umgeworfen, die Häftlinge, und die nächste auch wieder hinten hingeschossen und auch umgeworfen in den Schnee hinein, dann sind sie im Schnee drin gelegen. Ganz genau habe ich das gesehen. Und ich habe dann zum Hölblinger gesagt: "Komm, komm, jetzt gehen wir heim, ich halte es nicht mehr aus, ich muss ja morgen früh wieder wegfahren, um Verpflegung." Und da bin ich nachts um halb zwei bin ich heimgekommen. Ich bin mit ihm noch mit dem Sanitätswagen bis in die Fahrbereitschaft hinein, bis in die Garage, die Garage zum Rausspülen. Dann hab ich gesagt: "Karle, was ich heut gesehen habe, Mann, jetzt reut mich es. Das ist ja was Furchtbares gewesen. Ja, Mensch, kannst du da mitmachen. Ich könnte das nicht", habe ich gesagt, "Bub"."
(73. Verhandlungstag, 3.8.1964)

Oswald KADUK: " Es ist mir schwer zu sagen. Aber ich hab es persönlich gesehen. Nur die Ärzte haben den Befehl gegeben, die den Gas reingeschüttet haben. Ich habe es sogar erlebt, dass SS, also dass die, die da zur Vergasung bestimmt waren gewesen, die haben geweint. Und hat ihnen der, damals der Arzt, der Mengele, gesagt: "Sie müssen das tun." Er sagte… ich kann mich noch gut erinnern an den Theuer. Ich kannte ihn von… war mein Landsmann gewesen, ein junger Mann gewesen. Und er sagte: "Du musst das tun." Der hat es getan, mit Tränen in den Augen. Er hat es reingeschüttet und sofort hat er die Klappe zugemacht. Da war ich dabeigewesen. "
(153. Verhandlungstag, 3.5.1965)

Filip Müller: "Ich habe gesehen bei der Vergasung Hunderttausende Vergaste. Und die Menschen, bei der Vergasung, das war nicht eine Minute, das dauerte acht, zehn, auch mehr, oder sieben Minuten, oder, ja… Und die Menschen, von ihnen geht… ja, das war doch schrecklich, wie die Menschen leiden. Das war doch nicht… auch Blut war dort, alles. "
(98. Verhandlungstag, 8.10.1964)

Oswald KADUK: "Es haben viele Kameraden in Auschwitz erst getrunken. Ich habe im Zivilleben überhaupt sehr wenig Alkohol getrunken. Ich habe nur in Auschwitz getrunken, ich konnte das Elend nicht sehen. Wenn man an die Rampe kam und man hat die Frauen und die Kinder gesehen, da musste man sich so zusammenreißen. Es waren SS Leute gewesen, die haben nur getrunken, dasselbe wie ich. Ich habe ihnen gesagt: "Das könnt ihr nur aushalten, wenn ihr trinken tut. Entweder brechen wir zusammen, oder so." Ja. Und wenn man die Kinder gesehen hat, dass sie auf die rechte Seite oder auf die linke Seite selektiert worden sind, dann weiss ich auch nicht. Sie können noch so hart sein. Und wenn man das alles gesehen hat, nicht wahr dann weiss ich nicht. Aber leider, es ist passiert. Ich bereue, dass so was passiert ist. Ich kann es nicht ändern. Und ich habe nichts mehr zu sagen. "
(153. Verhandlungstag, 3.5.1965)


Historisch-dokumentarische Ausstellung zum Frankfurter Auschwitz-Prozess mit internationaler zeitgenössischer Kunst am Fritz Bauer Institut

Multimediale Website zum Auschwitzprozess – besonders empfohlen vom Autor der Langen Nacht:
hr-online.de: Das Ende des Schweigens

Auszug aus dem Textbuch" Auschwitz. Stimmen"

Rudolf Vrba: "Die Pakete wurden aufgerissen und sofort sortiert. Dokumente, persönliche Fotographien, Familienalbums wurden auf dem Platz verbrannt. Dann Hemden, Jacken undsoweiter, das wurde alles sehr sorgfältig aussortiert nach der Qualität. Da waren Herrenhemden erster, zweiter und dritter Klasse und Damenhemden erster, zweiter und dritter Klasse und so weiter, Pelze… und alle die Effekten, die die Opfer mitgebracht haben. Das wurde sortiert in grossen… in diesen Effektenkammern und -komplexen. Dann kamen die Züge. Und auf die Züge wurden die Güter verladen. Ich habe oft gesehen die Züge mit einer Anschrift "Winterhilfswerk". Und verschiedene andere Sachen waren dort. Es war dort eine grosse Menge an Geld zu finden. Zwischen den Paketen waren dort Valuten, Gold, Golduhren und so weiter. Die Wertsachen wurden in einem großen Koffer verschleppt. Also das war ein Koffer, der war voll mit Dollars, englischen Pfund, Mark, Zlotys, Golduhren und solchen Sachen. Also jedenfalls grosse Werte. "
(117. Verhandlungstag, 30.11.1964)

Otto Wolken: "Die Vergasten… die Verwertung der Vergasten geschah so: Den Frauen wurden die Haare abgeschnitten, die wurden gesammelt für irgendwelche industriellen Zwecke. Den Leichen wurde durch ein Team von so genannten Zahnärzten der Goldzahnersatz aus dem Mund geholt und gesammelt - und das wurde sehr genau gemacht. Es gab eigene Formulare, da hiess es: "Aus der Leiche Nummer soundsowieso." Also wenn es sich um einen aus dem Lagerstand handelt, der schon eine Nummer hatte, da wurde ein genaues Protokoll abgefasst, welcher Goldzahnersatz entfernt wurde. Dort im Krematorium - von den anfallenden Transporten, die keine Nummern hatten - da ging das einfach so: Herausgerissen und in eine… da war eine Kiste mit einem Schlitz und da wurde das hineingeworfen."
(20. Verhandlungstag, 27.2.1964)

Männe Kratz: "Und das wurde uns in einem Sanka - das weiss ich nicht mehr genau - zwei oder drei Mal in der Woche ein grosser Kübel, nicht wahr, der wurde dann mit diesen Zähnen, rausgerissenen Kieferteilen usw., der wurde gebracht, und dann waren wir vier Häftlinge, die das dann einschmelzen mussten, und dann entstanden so Platten in dieser Grösse, und die daraus entstandenen Goldbarren, die wurden dann, soweit mir bekannt war, ans SS-Reichssicherheitshauptamt nach Berlin geschickt. "
(122. Verhandlungstag, 21.12.1964)

Otto Wolken: "Und dann war noch ein Lager von Gynäkologen, ein Team von Gynäkologen. Die hatten die Aufgabe, in den weiblichen Leichen nachzuschauen, ob sie nicht in den Geschlechtsorganen irgendwelche Wertgegenstände, Geld oder sonst etwas versteckt haben. Ja, die Häftlinge, die ins Lager eingeliefert wurden, hatten ja das Bestreben, irgendwie etwas sich da mitzunehmen, durchzuschmuggeln, um sich das Leben zu verbessern. Und da wurden eben die Leichen untersucht, um auch auf diesen Plätzen etwas zu finden. "
(20. Verhandlungstag, 27.2.1964)


Der Frankfurter Auschwitz-Prozess
1 DVD-Video u. 1 CD-ROM.
Eine Dokumentation. 60 Min..
Von Rolf Bickel u. Dietrich Wagner
FSK ohne Altersbeschränkung freigeg.
2005 Lighthouse hrMEDIA

Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main.
Begleitbuch zur Ausstellung im Haus Gallus Frankfurt, 2004 und weiteren Stationen.
Hrsg. im Auftr. d. Fritz Bauer Instituts hrsg. v. Irmtrud Wojak
2004 Vice Versa Snoeck , Köln



Auszug aus dem Textbuch" Auschwitz. Stimmen"

Hermann Langbein: "Der erste Schmerz bei Schlägen ist nicht so schlimm. Der grosse Schmerz tritt erst später ein. Wenn man aber zwei, drei Tage später auch nur berührt wird an die Stelle, wo man geschlagen worden ist, dann ist das ein Schmerz, den man schwer aushalten kann."
(24. Verhandlungstag, 6.3.1964)

Alex Rosenstock: "Er war Blockführer bei uns im Lager. War besonders tüchtig zu schwache Häftlinge. Hat viel "Sport" getrieben mit denen. Hatte einen speziellen Schlag, einen Ellenbogenschlag. Das hat er immer trainiert auf die Häftlinge. Ich war einmal zugegen. Es genügte für jeden Häftling, dass er den ersten Schlag bekommen hatte, dass er schon physisch zusammengebrochen war. Und wenn er physisch schwach war, da ist er schon liegengeblieben. Und das war schon auch so wie eine Todesstrafe."
(96. Verhandlungstag, 2.10.1964)

Otto Wolken: /" Die Wunden, die die Leute haben, stammten grösstenteils von Misshandlungen, Stockschlägen, Schußverletzungen. Auch Arbeitsverletzungen kamen natürlich vor. Und dann, was halt so grässlich im Lager war: die Furunkulose. Durch diese vollkommen unhygienischen Verhältnisse kam es dazu, dass die Haut infiziert wurde. Durch die Abmagerung war die Widerstandskraft, die Abwehrkraft des Körpers selbst unerhört geschwächt, und es konnten Bakterien in die Haut eindringen und machten Furunkel. Und diese Furunkulose hat sehr, sehr viele Todesopfer gekostet, weil bei jeder Selektion im Lager Furunkulose ein absoluter Grund war, um dafür ins Gas zu gehen. Vielfach kam es auch vor, dass Häftlinge mit Furunkulose noch später gezüchtigt wurden, wobei die Furunkel durch die Stockhiebe gewaltsam aufgequetscht und ins Gewebe, der Eiter ins Gewebe hineingepresst wurde. Es kamen fürchterliche Gesässphlegmonen zustande. Ich habe etliche solcher grauenhafter Fälle gesehen, wo sich das ganze Fleisch vom Gesäss bis auf die Hüftknochen in Eiter auflöste, und die Leute gingen unter den grässlichsten Qualen zugrunde. "
(19. Verhandlungstag, 24.2.1964)

Friedrich Fath: "Und da kamen etliche Offiziere und die Ärzte kamen, und haben dort Leute rausgesucht. Und dann hat der Kapo gesagt: "Du brauchst doch keine Angst haben. Die wollen doch von dir nichts, du bist doch ein Deutscher." Und dann habe ich sie da gesehen, wie sie gesagt haben: "Herunter mit dem! Der raus!" und "Mach deinen Mund auf!" Haben sie alle im Mund nachgeschaut zuerst, den Leuten. Sie sind aber an mein Bett nicht gekommen, sie haben den Saal hinterrücks umgangen. Und da haben sie die Leute rausgesucht. Wenn ich da noch habe aufstehen können, bin ich rumgelaufen, und da habe ich gesagt: "Was stinkt denn so in dem Saal hinten?" Dann sagt er, Alwin hat er geheissen, es war ein Österreicher, der Blockführer: "Schau mal da hinten." Und da habe ich geschaut. Und da lief unten am Boden der Eiter rum, ganz böser Eiter. Da sind die Leute halb verfault an den Knochen, an den Beinen, und Hände haben sie verbunden gehabt. Und das hat so gestunken. Und die Leute, die wurden immer dann rausgesucht und weggeführt. "
(71. Verhandlungstag, 30.7.1964)

Karl Lill: "Sagen wir, ich habe das mit eigenen Augen dreissig- oder vierzigmal gesehen - man hat nicht den Wunsch, das zu registrieren - wie er mit seinen Gehilfen auf das flache Dach dieses Bunkers, seine Gasmaske aufsetzte, seine Kollegen machten ebenso, die Zyklon-B-Büchse aufriss und den Inhalt in diese Stutzen hineinwarf. Und jedesmal… ein paar Sekunden später, ein Schrei, erstickt, gedämpft durch diese Betondecke. Manchmal ein hundertstimmiger oder mehrhundertstimmiger Schrei. Und jedesmal, ein paar Minuten später, quoll der braune oder braungelbe Qualm aus dem Schornstein. "
(91. Verhandlungstag, 18.9.1964)

Wikipedia: Auschwitz-Prozess

zeit.de: Am Anfang der Wahrheit

zeit.de: Ein Prozess, der die Republik veränderte

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Auschwitz: Endstation Vernichtung - Sozial- & Wirtschaftswissenschaften und des Institutes für Sozial- & Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz

Internationales Auschwitz Komitee

Auschwitz Jewish Center Foundation

Offizielle Seite der Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau

shoah.de - deutschsprachiges Internetportal zum Thema Shoah und Holocaust

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Auschwitz
In der Nähe des ehemaligen Lagers befindet sich die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim, die 1986 als Schulungsstätte und als Ergebnis des Engagements vieler Menschen für die polnisch- deutsche Versöhnung und für den christlich- jüdischen Dialog eingerichtet wurde.

Das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965)
Erste selbständige Veröffentlichung.
Herausgegeben von Friedrich M. Balzer und Werner Renz
Pahl-Rugenstein-Verlag 2004
Vom 20. Dezember 1963 bis zum 20. August 1965 tagte in Frankfurt/ Main der Auschwitz-Prozess. Dieser war vom damaligen Hessischen Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer (1903-1968), 1949 als Sozialdemokrat aus dem skandinavischen Exil in die BRD zurückgekehrt, gegen alle Widerstände eingeleitet worden. Fritz Bauer stellte in der Justiz "angesichts der konservativen, deutschnationalen und spießigen Verkrustung des damaligen Justizapparates eine absolut singuläre Erscheinung von historischem Rang" dar (Heinz Düx, Untersuchungsrichter im Auschwitz-Prozeß).
Trotz der großem internationalen und nationalen Beachtung, die dieser Prozess in der deutschen Justizgeschichte gefunden hat, war das 930 Seiten umfassende Urteil bisher nur für Spezialisten zugänglich. Jetzt ist es erstmals als selbständige und textkritische Publikation verfügbar.
Das Beweisthema des Gerichts konzentriert sich auf den Massenmord an den Juden im Vernichtungslager Auschwitz. Daneben tritt aber auch Auschwitz als Vernichtungslager für Polen und für polnische Geiseln, als Exekutionsstätte für sowjetische Kriegsgefangene und als Vernichtungsstätte kranker und entkräfteter Lagerinsassen ins Blickfeld. Das politische System, das Auschwitz erzeugt hatte, blieb weitgehend ausgespart. Kooperationsverhältnisse mit der Wehrmacht und der Wirtschaft (IG Farben, Siemens etc.) werden nur am Rande sichtbar. Die politischen und militärischen Kräfte, die die Mordfabrik Auschwitz abgeschirmt hatten, waren nicht Gegenstand der strafrechtlichen Beweisaufnahme.

Gleichwohl hat der Auschwitz-Prozess das Verbrechen des Vernichtungslagers Auschwitz der Weltöffentlichkeit unter strenger Beachtung des Strafrechts beweiskräftig vor Augen geführt und das Bewusstsein der Öffentlichkeit über den Charakter des Faschismus einschneidend verändert. Rudolf Augstein sprach daher zu recht von der "Vor-Auschwitz-Zeit". Diejenigen, die immer noch behaupten, dass es Auschwitz in dieser Form überhaupt nicht gegeben habe, wurden für alle Zeiten als Lügner und Geschichtsfälscher überführt.

Ausgelöst durch den Eichmann- und Auschwitz-Prozess wurde das bleierne Korsett des Verdrängens, Verschweigens, hervorgerufen durch die "Integration" großer Teile der Nazi-Eliten während der Adenauer-Ära, aufgebrochen. Aber auch in der DDR bewirkten diese Prozesse eine Veränderung in der öffentlichen und wissenschaftlichen Behandlung des Holocausts.

Literaturempfehlungen des Autors der Langen Nacht:

Hermann Langbein: Der Auschwitz-Prozeß, 2 Bde, Verlag Neue Kritik. Frankfurt/M. 1995

Bernd Naumann: "Auschwitz. Bericht über die Strafsache Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt", Philo & Philo Fine Arts, Berlin Wien 2004

Peter Weiss: "Die Ermittlung", edition suhrkamp, Frankfurt/M. 1991

Ausstellungskatalog "Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main", hsg. vom Irmtrud Wojak im Auftrag des Fritz Bauer Institutes, Snoeck Verlag 2005

Danuta Czech: "Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939 – 1945", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1989

Wieslaw Kielar: "Anus Mundi – fünf Jahre Auschwitz", S. Fischer Verlag, Frankfurt 1979

Henryk Swiebocki: "London wurde informiert – Berichte von Auschwitz-Flüchtlingen", Staaatliches Museum Auschwitz, Auschwitz 1997

Gideon Greif: "Wir weinten tränenlos - Augenzeugenberichte des jüdischen 'Sonderkommandos' in Auschwitz", Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1999

"Auschwitz in den Augen der SS (Berichte von Rudolf Höß, Pery Broad, Johann Paul Kremer)", hsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, Auschwitz 2005

"Das Auschwitz-Album - Die Geschichte eines Transports", Wallstein Verlag & Yad Vashem, Göttingen 2005

Ann Weiss: "Das Letzte Album - Familienbilder aus Auschwitz", Piper Verlag, München 2001

Raul Hilberg: "Die Vernichtung der europäischen Juden". 3 Bde., Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1990

"Die tödliche Utopie – Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich", hsg. Vom Institut für Zeitgeschichte Obersalzberg, München 2001

Karin Orth: "Die Konzentrationslager-SS – Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien", Wallstein Verlag, Göttingen 2000

Claude Lanzmann: "Shoah", Claassen Verlag, Düsseldorf 1986

Carl Amery: "Hitler als Vorläufer: Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?", Luchterhand Literatur Verlag, München 1998

Giorgio Agamben: "Homo sacer - die Souveränität der Macht und das nackte Leben",
edition suhrkamp, Frankfurt/M. 2002

Heimrad Bäcker: "nachschrift" und "nachschrift 2", edition neue texte, literaturverlag droschl, Graz-Wien 1997

"Ka-Tzetnik 135633: Shivitti - eine Vision", Der Grüne Zweig 250, Werner Pieper & The Grüne Kraft, Löhrbach 2005

Rüdiger Sünner: "Schwarze Sonne – Entfesselung und Missbrauch der Mythen im Nationalsozialismus und rechter Esoterik", Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1999

Emmi Bonhoefer
Essay, Gespräch, Erinnerung
Hrsg. v. Sigrid Grabner u. Hendrik Röder
2005 Lukas Verlag
Emmi Bonhoeffer (1905 - 1991) trug ihr Schicksal mit Tapferkeit und Selbstdisziplin. Pragmatisch und einfühlsam half sie jenen, die seelische und materielle Not litten. So war es nur folgerichtig, dass sie ihre Erlebnisse bei der Betreuung von Zeugen im Auschwitz-Prozeß in der Form sehr persönlicher Briefe an ihre in den USA lebende jüdische Freundin niederschrieb.

Der vorliegende Band enthält diese seit langem vergriffene Veröffentlichung in einer Neuauflage, ebenso bislang unpublizierte Tagebuchaufzeichnungen vom Frühjahr 1945, ein Porträt ihres von den Nazis hingerichteten Mannes Klaus Bonhoeffer, Vorträge über ihre Familie und Gesprächsnotizen aus dem Sommer 1989 in Potsdam

Christian Dirks
'Die Verbrechen der anderen'
Auschwitz und der Auschwitz-Prozeß der DDR:
Das Verfahren gegen den KZ-Arzt Dr. Horst Fischer.
2006 Schöningh
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Jochanan Shelliem
'Weinen Sie nicht, die gehen nur baden!'
1 Audio-CD.
Zeugen des Ausschwitz-Prozesses berichten.
Ausgezeichnet mit dem Deutsche Hörbuchpreis 200 für Beste Information.
Feature. 56 Min.. Sprecher: Gerd Wameling u. Matthias Haase Beil.
2005 Der Audio Verlag, DAV

Auszug aus dem Textbuch "Auschwitz. Stimmen"

Viktor Lederer: "Wir hatten eine Abwehrbewegung im Lager. Eine Abwehrbewegung, die dazu gedient hat, unser Leben zu schützen. Wir wussten, dass der Krieg langsam, aber sicher zu Ende geht, und wir mussten damit rechnen, dass wir liquidiert werden. Wir haben alles getan, dass wir irgendwie unseren Kameraden und unseren Freunden helfen, dass wir ihnen, soweit wir Brot zur Verfügung hatten, Brot gaben aus den Paketen undsoweiter. Unsere Bewegung war hauptsächlich auf Solidarität eingestellt. Sie war natürlich auch eingestellt auf aktiven antifaschistischen Kampf. Es ist wichtig, zu sehen, dass wir Häftlinge der verschiedensten Nationen, und wir waren da die verschiedensten Nationen und die verschiedensten Religionen… also eine Abwehrbewegung zusammenkam, unter diesen schrecklichen Bedingungen, die, sagen wir mal, auf einer wirklich europäischen internationalen Grundlage geführt war. "
(108. Verhandlungstag, 5.11.1964)

Hermann Langbein: "Es war, wenn ich mich richtig erinnere, Anfang 44, vielleicht Februar oder März, aber mit Exaktheit will ich das Datum nicht sagen - da haben wir über die schon gut funktionierende Verbindung Krakau-London - von Krakau hatten sie eine Funkverbindung nach London, die polnische Widerstandsbewegung, gehabt - haben wir eine Reihe von Namen von SS Leuten, die in wichtigen Funktionen in Auschwitz waren, hinausgesendet, mit Geburtsdatum und Geburtsort. Wir haben uns gesagt, wenn das Geburtsdatum und der Geburtsort dabei sind, dann wird der Schreck heilsamer sein. Und es hat sich auch herausgestellt, dass es richtig ist. Wir hatten diese Daten aus den Gesundheitsakten der SS Männer. Wir haben sie uns dort herausgeholt, haben es rausgesendet. Es wurde in Radio London durchgegeben, das haben wir sehr schnell bemerkt, denn bei der Gelegenheit konnte man feststellen, dass auch die SS Radio London hört. Und es war wie in einem Ameisenhaufen, eine Nervosität, die sich sehr segensreich auswirkte für uns, weil sie, die SS, spürte - es war Anfang 44, Sie kennen die militärische Situation in dieser Zeit: "Man kennt uns, wir können nicht uns verstecken." Und damals zumindestens gab es, das konnten wir beobachten, ein klares Schuldbewusstsein der SS Leute. Ich habe manchmal allerdings im Rausch - damals wurde vielleicht noch mehr getrunken als vorher - von SS-Leuten die Äusserung gehört, also mit sehr ordinären Worten gesagt, die ich nicht wiederholen will: "Wir gehen alle drauf, aber ihr kommt mit uns" - so als freundschaftlich-kameradschaftliche Schlussformel eines Bekenntnisses. Das Gefühl, dass sie büssen werden müssen für ihre Taten, war damals bei der SS verbreitet, nach meiner Auffassung und Beobachtung. "
(24. Verhandlungstag, 6.3.1964)

Otto Wolken: "Ich habe hier früher schon erwähnt, dass - anlässlich der Selektionen - die Ungarntransporte plötzlich eine Umwälzung im ganzen Betrieb mit sich brachten. Denn plötzlich funktionierte das Reisebüro Eichmann wieder, und es kamen Tag für Tag vier, fünf, sechs, manchen Tags sogar zehn Züge nach Auschwitz. Auf der Rampe war grosser Betrieb. Es wurden Tausende und Abertausende Menschen täglich vergast. Die Krematorien reichten nicht mehr aus, das anfallende Leichenmaterial aufzuarbeiten. Es wurden riesige Gräben gegraben, und zusätzlich zu der Arbeit im Krematorium wurden noch Tausende Leichen in offener Grube verbrannt. Tag und Nacht loderte das Feuer, nachts war der Himmel weithin blutrot gefärbt. Und wenn der Wind schlecht stand, hatten wir im Lager den Gestank des verbrannten Fleisches. "
(20. Verhandlungstag, 27.2.1964)

Dov Paisicovic: "Es waren von uns viele, was selbst in die Feuer gespringen sind.
(98. Verhandlungstag, 8.10.1964) "

Lajos Schlinger: "Wir sind angekommen im Nachtzeit. Die Waggonen waren nicht aufgemacht, wir warteten zwei, drei Stunden lang. So meine ich, früh um vier, fünf hat man die Waggonen aufgemacht. Die… wir waren, ich kann sagen: ausgejagt. Es war eine höllische Situation, weil dieses Spital, was haben wir ausgeleert und die kranken Leute haben wir mitgenommen… das machten aus circa 250 bis 300 Kranke. Viele Leut, die waren, kann sagen, alle Schwerkranke. Es waren Leute, die könnten nicht einmal auf die Füsse stehen, waren gelähmt. Andere haben Phlegmonen gehabt, andere alte Krankheiten, und wann wir wurden - wie ich gesagt habe - ausgejagt mit Gewalt: es war die Hölle von Dante ein Himmel dazu, was dort geschehen ist. Wann ich… wann unsere Waggon aufgemacht wurde und wir sind herausgekommen vom Waggone, schon… viele Waggone waren auch schon vorher geöffnet, und diese Leute, diese kranke Leute, die konnten nicht einmal auf den Füssen stehen, die sind auf der Erde… teilweise liegt, teilweise gesessen. Männer haben geschreien, Frauen weinen, Kindern brüllen. Es war eine schreckliches Situation. Ich - nachdem wir sind heraus von Waggon - ich habe mich herumgeschaut, ich habe mich einige Male herumgedreht: was ist hier? Was für eine Hölle ist das? Und auf einmal, plötzlich, sehe am Rampe der Doktor Capesius. Mit grosser Freude hab ich zu ihm gelaufen und ich hab ihn gegrüsst, und die erste Frage war das: "Wo sind wir eigentlich?" Er sagte mir: "In Mitte Deutschlands." "
(89. Verhandlungstag, 14.9.1964)

Kurzbiografie des Autors:
Ronald Steckel, geboren 1945 auf der Insel Sylt, verbrachte die Mitte der 60er Jahre in London und lebt seit 1968 als Autor, Komponist und Regisseur in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Essays, Kurzspielfilme, experimentelle Hörstücke und Radio-Features, Kompositionen für Theaterstücke und Filme, Klang-Installationen, Konzert-Performances, Experimentalfilme und Theaterstücke.