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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.10.2015

Akademie für Sprache und DichtungEklat beim Büchnerpreis: Gastgeber kritisiert Laudator

Von Ludger Fittkau

Akademie-Präsident Heinrich Detering (links) zeichnet Rainald Goetz mit dem Büchnerpreis 2015 aus. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Akademie-Präsident Heinrich Detering (links) zeichnet Rainald Goetz mit dem Büchnerpreis 2015 aus. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

In Darmstadt erhielt Rainald Goetz den Büchnerpreis 2015. Nebenbei gab es Aufregung um einen Essaypreis für Gabriele Goettle: Akademie-Präsident Heinrich Detering distanzierte sich von "polemischer Sprachverwendung" des Laudators Otto Köhler.

So etwas hat es in der Geschichte der Büchnerpreis-Verleihung wohl noch nie gegeben: Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis verleiht, distanzierte sich bereits von einer Laudatio, bevor sie überhaupt gehalten wurde. Es ging um den "kleinen Büchnerpreis", den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay an Gabriele Goettle, der von der Akademie im Darmstädter Staatstheater heute gemeinsam mit dem Büchner-Preis an Rainald Goetz verliehen wurde. Akademie-Präsident Detering distanzierte sich vor der Rede des Laudators, des Publizisten Otto Köhler, von dessen "polemischer Sprachverwendung". Das Publikum war ziemlich irritiert. Dazu kam: Gabriele Goettle blieb der Preisverleihung fern und ließ bekanntgeben, dass sie das Preisgeld "von einem Pharmaunternehmen nicht annehmen kann", sondern einer pharmakritischen NGO spendet.


Dieser Bericht von der Büchnerpreis-Verleihung 2015 hat zwei Teile. Im ersten Teil geht es um den neuen Büchnerpreis-Träger Rainald Goetz und die Laudatio, die FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube auf ihn gehalten hat.

Im zweiten Teil geht es um Heinrich Detering, den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchnerpreis verleiht. Vor allem um den von ihm verursachten Skandal, der die Büchnerpreisverleihung in diesem Jahr überlagerte.

Der Reihe nach.

Eigentlich wollte Laudator Jürgen Kaube nicht loben. Weil Rainald Goetz Lob nicht mag. Es sogar furchtbar findet, weil Lob den Gelobten wie den Lobenden erniedrige. Stattdessen gehe es um Analyse und Argument.

Dann doch das Lob von Kaube für Goetz. Genauer: Für vier Seiten in dessen Erzählung "Rave". "Was tut der DJ?" So sind diese, wie Kaube meint, "großartigen" vier Seiten überschrieben, für den Laudator sind sie so etwas wie der Schlüssel zum Werk das Rainald Goetz.

Es geht um das Lauschen. Und den Sound der Rede. Schon als Kind, wenn die Erwachsenen reden und man in der Küche und im Wohnzimmer dabei sein darf. Rede und Widerrede – eine beglückende Sound-Erfahrung. Jürgen Kaube sprach in seiner schwungvollen Laudatio auf Rainald Goetz von einer möglichen "Urerfahrung des Lauschens". Die erklären könne, warum nicht das Erfundene, das Fiktionale, sondern der Klang des Realen die Goetz-Texte befeuern.

Jürgen Kaube: "Die Urszene des Lauschens. 'Reine Kunst des Lauschens' heißt es auch über den DJ, könnte ein Schlüssel dafür sein, weshalb Goetz an Erfindungen so wenig Interesse nimmt und ein ganzes literarisches Werk aufgewendet hat, herauszufinden, wie es klingt und was es bedeutet, wenn Personen sich sprachlich darstellen, indem sie etwas Dummes, Angeberisches, Kluges, Besoffenes, Pathetisches, Witziges, Drohendes, Schönes sagen."

Rainald Goetz griff das Motiv der "reinen Kunst des Lauschens" als Antrieb für das Schreiben in seine ambitionierten Dankesrede auf:

"Dieses Lauschen, was in der Schrift vorgeht, ist die sinnliche Herzaktivität der literarischen Welterkenntnis. Das entfernt die Literatur von allen praktischen Weisen der Weltbehandlung, verfügt ihre unaufhebbare Exzentrizität und Marginalität."

Goetz verheimlichte nicht, wie sehr er sich über den Büchnerpreis freute. Er lobte den Preisgeber, die Akademie, überschwänglich, indem er gleich eine Theorie entwickelte, warum der einsame und bisweilen etwas entrückte Schriftsteller die Akademie-Kollegen als Korrektiv gut gebrauchen könne:

"Am Widerspruch anderer spitzt sich das speziell Individuelle zu, das das eigene Schriftsteller-Sein ausmacht, der eigene Text." 

Darüber zeigte sich wiederum Akademie-Präsident Heinrich Detering beglückt.

Affront gegen den Laudator Otto Köhler

Das konnte aber nicht von der massiven Irritation ablenken, die Detering gleich zu Beginn der Veranstaltung im Darmstädter Staatstheater im Publikum auslöste.

Damit nun zum zweiten, kürzeren Teil dieses Berichtes, der aus gegebenem Anlass nun zum Kommentar wird.

Noch nie, so sagte es Detering selbst,  sei es vorgekommen, dass sich der Akademie-Präsident bereits vor einer Laudatio auf einen Preisträger von der Rede des Laudators distanziert habe. Dies müsse er aber vor der Laudatio von Otto Köhler auf Gabriele Goettle tun, die den Johann Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay unmittelbar vor der Verleihung des Büchner-Preises bekam.

Detering monierte die "polemische Sprachverwendung" des Goettle-Laudators.  Mehr sagte er nicht. Das Publikum musste sich nun selbst einen Reim auf diesen Affront machen.

Der Laudator übte – wie oft auch die Preisträgerin Gabriele Goettle – deutliche Kritik an Pharmakonzernen. Es keimte also der Verdacht, dass Detering womöglich durch  seine Vorab-Distanzierung vom Gesagten den Darmstädter Merck-Konzern beschwichtigen wollte, einen Geldgeber der Büchnerpreis-Zeremonie.

Eigentlich kaum zu glauben.

Das Geschehen blamiert die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und wirft die Frage auf, ob Heinrich Detering als Präsident dieser wichtigen Institution noch länger geeignet ist.

Man wüsste gern, wie das Akademie-intern angekommen ist.

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