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Lesart | Beitrag vom 24.12.2016

Ágnes Heller: "Von der Utopie zur Dystopie"Warum Dystopien realistischer als Utopien sind

Von Johannes Nichelmann

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Die ungarische Philosophin Ágnes Heller; Aufnahme vom Dezember 2011 (picture alliance / dpa)
Dystopie Trump: Ausgang ungewiss (picture alliance / dpa)

Es ist gut, dass der Mensch fähig ist, auch Dystopien zu erdenken: Sie zeigten, was möglich sei, und warnten gleichzeitig davor, meint die Philosophin Ágnes Heller. Grund zur Hoffnung gibt es aber trotzdem.

Ágnes Heller: "Nur wenn Utopie politisch ist, nur wenn es über eine gerechte Gesellschaft, einen gerechten Staat ist, nur dann wird es gefährlich!"

Ágnes Heller, 87 Jahre alt, sitzt in ihrer Budapester Wohnung mit Blick auf die Donau. Die Philosophin hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie wird als Tochter jüdischer Eltern in Budapest geboren, wuchs in einer bürgerlich-weltoffenen Familie auf. Ihr Vater wird Opfer der Judenverfolgung, Ágnes Heller und ihre Mutter überleben den Holocaust. Nach dem Krieg fängt sie an, sich für den Marxismus und den Kommunismus zu interessieren, tritt 1947 auch der kommunistischen Partei bei. Später wird sie Schülerin des Philosophen Georg Lukács – er gilt als Erneuerer der marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als Ágnes Heller 1956 aktiv am ungarischen Volksaufstand teilnahm, verlor sie ihren Glauben an den gerechten Staat, sagt sie:

"Auf einer Seite ist das eine traurige Sache, wenn man eine utopische Hoffnung aufgibt. Auf der anderen Seite ist es ein gutes Gefühl, dass man von einer Selbsttäuschung sich befreit."

Die immer gleichen Wunsch-Utopien

In ihrem in diesem Herbst erschienen Essay "Von der Utopie zur Dystopie" fragt sie danach, was wir uns noch wünschen dürfen. Sie beschreibt, wie unsere Träume von der Zukunft entstehen. Die Philosophin unterscheidet zwischen zwei Arten antiker Utopien. Erstens: die Utopien der Wünsche.

"Utopie der Wünsche, die haben sich nicht verändert. Sie haben sich nicht verändert vom Goldenen Zeitalter bis zu Marx. Die Idee des jungen Marx vom Kommunismus. Diese Utopie war, dass alle Bedürfnisse befriedigt werden. Das es überhaupt keinen Staat gibt, keinen Markt gibt, keine Gerechtigkeit überhaupt gibt. Es gibt keine Gesetze. 

Es sind die Wünsche von Landleuten, die Tag und Nacht arbeiten, um etwas Nahrung zu bekommen. Wie wunderbar wäre es, nur unter einem Baum zu liegen, während einem ein gebratener Vogel in den Mund fliegt!"

Der Blick ins Schlaraffenland. Doch wäre solche eine Welt überhaupt wünschenswert? Nein. Aber die Hoffnungen seien nachvollziehbar. Der Wunsch danach sei tief verankert in einer Schicht unserer unterbewussten Seele. Von der Antike bis zu Marx – überall ließen sich die immer gleichen Wunschutopien finden.

Und dann die zweite Art der antiken Utopie. Die des gerechten Staates. "Ein Modell der Gesellschaft, von der man glaubt, dass sie funktionieren könnte, auch wenn sie vielleicht nicht realisierbar ist", schreibt Heller.

"Hoffentlich gibt es keinen gerechten Staat. Ein gerechter Staat würde ein Staat sein, wo niemand sagt, dass es ungerecht ist. In einer modernen Gesellschaft werden nie alle Menschen, das, was existiert, als gerecht anerkennen. Sie werden immer sagen, ja, das ist gerecht, aber das ist ungerecht. Ein gerechter Staat ist ein Staat, wo niemand sagt, dass es ungerecht ist, weil es Gesetz ist, das der Staat gerecht ist. Das würde eine fürchterliche Sache sein. Ich sage nicht nur, dass ein gerechter Staat nicht möglich ist, ich sage eher, dass es nicht wünschenswert ist."

Tief verwurzelte Sehnsüchte 

Die philosophisch konstruierten Utopien verkörperten keine tief in der menschlichen Einbildungskraft verwurzelten Sehnsüchte. Gerade die Utopien eines gerechten Staates würden zwangsläufig in einer Tyrannei enden, im Totalitarismus.

"Die Menschen mit dem besten Willen, den besten Idealen, werden ein totalitäres Regime vorbereiten. Ich kann Ihnen so viele Beispiele geben, wie Sie nur wollen. Dass alle, die zum Beispiel die bolschewistische kommunistische Regierung des 20. Jahrhundert vorbereitet hatten, waren doch Idealisten. Sie haben an Karl Marx geglaubt. Noch Lenin hat über die Abschaffung des Staates gesprochen in einem seiner ersten Bücher, wo er den Terror eingeführt hat. Man spricht über Abschaffung des Staates und man führt den Terror ein. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Diese leidenschaftlichen jungen Menschen. Ich gehörte auch zu ihnen. Ich weiß, worum es geht."

Woran glauben? Erderwärmung, Umweltkatastrophen, globale Migration, Atomkriege, Kriege und noch mehr Kriege? Das Kommende als Untergangsszenario? Ja, sagt die Philosophin.

"Dystopien sind realistischer!"

Anti-Utopien. Welten, wie sie die Autoren George Orwell mit "1984", Aldous Huxley mit "Schöne neue Welt" und Michel Houllebecq mit "Unterwerfung" beschreiben. Ohne Happy End.

"Sie zeigen uns, was möglich ist und sagen uns, bitte, tu das nicht! Verhindere, dass diese Sache zustande kommt! Sie haben etwas ganz anderes im Sinne als die Utopien. Die Utopien sagen: Tut es! Wenn Du es tust, dann kommt das."

Trump als wahrgewordene Dystopie

Wenn Hegel meint, aus der Geschichte könne man nur lernen, dass man nichts aus ihr lernen könne, entgegnet ihm Ágnes Heller, dass es diesmal anders sei. Die dystopische Einbildungskraft selbst sei das Ergebnis eines Lernprozesses.

"Die meisten dystopischen Romane gehen davon aus: Solange es einen einzigen guten Menschen auf der Welt gibt, wird es immer jemanden geben, der sich nicht unterwirft."

Beim Lesen des Essays kommt der Gedanke schnell auf Donald Trump. Und das macht Angst. Versprach er doch einen aus seiner Perspektive gerechten Staat. Eine Art Schlaraffenland, zumindest für sein Klientel. Für die anderen ist seine baldige Ernennung die wahrgewordene Dystopie. Der Untergang. Keine Rettung in Sicht. Ausgang ungewiss.

Ágnes Hellers Essay "Von der Utopie zur Dystopie" taucht tief in die Philosophie unserer Träume und Wünsche ein. Wer Utopien und Anti-Utopien - von der Antike bis heute - verstehen will, sollte das lesen.

Ágnes Heller: "Von der Utopie zur Dystopie – Was können wir uns wünschen?"
Edition Konturen, Wien
100 Seiten, 19,80 Euro

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?

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