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Kompressor | Beitrag vom 03.07.2015

Afrikanische MusikforschungLebendige Musikgeschichte auf verstaubten Tonbändern

Von Alexander Kohlmann

Ein Institutsmitarbeiter an der Uni Hildesheim bei der Digitalisierung von Musik (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ein Institutsmitarbeiter an der Uni Hildesheim bei der Digitalisierung von Musik (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Die Musikgeschichte als Teil der kulturellen Identität - daran glaubt der Musik-Ethnologe Raimund Vogels ganz fest. Der Leiter des "Center for World Music" an der Uni Hildesheim begleitet und unterstützt afrikanische Forscher, die Musikgeschichte ihres Kontinents aufzuarbeiten.

Musik des Bura Xylophone. Musik von einem fernen Kontinent. Musik aus Afrika. Was für westeuropäische Ohren scheinbar so fröhlich klingt, ist in Wirklichkeit eine archaische Form der Trauermusik.   

"The instrument was originally a funeral instrument but now it has been transformed. It´s used in other contexts as well apart from funerals." Das erklärt Christopher Mtaku. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Maiduguri in Nigeria, doch das wissenschaftliche Arbeiten gestaltet sich extrem schwierig. Die jungen Wissenschaftler leben unter der ständigen Bedrohung, zur Zielscheibe antiwestlicher Gruppierungen zu werden. Mtaku wird seine Promotion an der Universität Hildesheim abschließen.Ihn interessiert besonders, was aus der Trauermusik auf dem Bura-Xylophone heute geworden ist. Wie geht die junge Generation mit dem traditionellen Erbe um?

Das Bura Xylophone wird von den Jüngeren heute längst in anderen Kontexten verwendet, zum Beispiel auf Hochzeiten. Und, es wird dabei von Instrumenten begleitet, die ursprünglich nichts mit der Bura-Kultur zu tun haben. Die Forschung von Christopher Mtaku ist Teil des Afrika-Projektes des "Center for World music" der Universität Hildesheim. Die sucht mit dem Projekt nach neuen Wegen der Kollaboration. Es geht nicht darum, aus Europa über Afrika zu schreiben, sondern mit den Afrikanischen Forschern in Afrika zusammenzuarbeiten. 

"Natürlich gibt es dort auch Musik, die wir für typisch afrikanisch halten würden. Das ist die Xylophone-Musik, die hat Chris untersucht im Zusammenhang mit traditionellen Beerdigungsriten. Dieses Xylophone ist dann von den Missionaren erstmal verbrand worden und dann aber zehn Jahre später doch wieder im kirchlichen Ritus aufgetaucht, im Gottesdienst, weil eben die Gemeinden auf ihre Instrumente letztlich zurückgreifen wollten, um wirklich im Gottesdienst auch zu singen", sagt Raimund Vogels. Er ist Leiter des "Center for World music" und begreift Musik-Ethnologie nicht als eine Auseinandersetzung mit den schönen Künsten, sondern als politisches Projekt.

Politische Transformation durch Musikforschung

Vogels Institut hat schon im Iran alte Schallplatten vor dem Verfall gerettet und in Ägypten verstaubte Tonbäder digitalisiert. Immer mit dem Gedanken, dass durch eine unabhängige Erforschung der Musikgeschichte eines Landes, letztlich auch politische Transformationen erreichbar seien. Ein Gedanke, den auch das Auswärtige Amt teilt, das das Afrika-Projekt mitfinanziert hat: "In diesem Fall ist es zumindest so, dass wir Spuren bewahren und Spuren zurückgeben und sie quasi den Menschen dort anbieten, dass sie darauf zurückgreifen können, ob sie wollen oder nicht, und was dann mit dieser Spur passiert, ist sicher auch eine Frage, die uns in Zukunft weiter interessiert: Wird es quasi in die Mülltonne der Geschichte verbannt oder weckt es ein neues, zweites, transformiertes Leben?"      

Um den Blick von Außen zu verlassen und wirklich mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, hat Vogels eine Konferenz auf Sansibar initiiert. Forscher aus Afrika und Musik-Ethnologen aus aller Welt tagten Mitte Juni mehrere Tage gemeinsam, tauschten sich aus und verabredeten weitere Projekte. Jetzt ist eine Gruppe von Afrikanischen Forschern zum Gegenbesuch nach Hildesheim gekommen. 

Hajara Njidda ist eine von ihnen. Njidda ist Wissenschaftlerin in der Forschungsabteilung des Nigerian Council of Arts and Culture. Sie erforscht die Funktion und Bedeutung Afrikanischer Musik-Festivals, die regelmäßig überall im Land stattfinden. Zum Beispiel das National Festival of Arts and Culture in Yanagoa im Süden von Nigeria. Auf einem Video zeigt sie uns traditionelle Musik und Tänze der Tiv, einer der zahlreichen ethnischen Gruppen, die in Nigeria leben. 

Auch mit Hilfe der Musik zu einem Nationalbewusstsein

Über das gemeinsame Zelebrieren von Performances und Musik konstituiere sich über die Zeit ein Nationalbewusstsein, ist sich Njidda sicher: "The Festival has been there, since 1970. And it has been transformed from just being a festival for music and dance to a thematic festival. So now we have things for each religion. Every year we have a theme for the festival. And I looked at it from the beginning. "

Das Festival habe sich transformiert. Von einer Veranstaltung, in der jede ethnische Gruppierung für sich ihre Kultur präsentierte zu etwas Gemeinsamen. So entstehe eine Einheit in der Vielfalt in einem Staat, dessen Grenzen einst willkürlich über die ethnischen Räume hinweg von der Kolonialmacht Großbritannien festgelegt worden waren. 

Wenn man Njidda zuhört, wird die politische Dimension der nigerianischen Musik-Geschichte greifbar. Eine Geschichte, die durch immer neue Umwälzungen stetig vom Verschwinden bedroht ist. Deshalb sollen in Hildesheim in einem Folgeprojekt tausende Musik-Beispiele digitalisiert und eine Grundlage geschaffen werden, für die Forschung künftiger Generationen. Und weiterer Konferenzen nicht über, sondern in Afrika.        



 

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