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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.04.2014

Afrika-Politik"Ein Kontinent im Aufbruch"

Entwicklungsminister Müller (CSU) zum Auftakt der Zukunftscharta EINEWELT

Gerd Müller im Gespräch mit Nana Brink

Porträtbild von Gerd Müller mit Anzug und Brille (picture alliance / dpa/ Karl-Josef Hildenbrand )
Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (picture alliance / dpa/ Karl-Josef Hildenbrand )

Afrika sei nicht nur der Erdteil der Krisen und Kriege, sagt Gerd Müller. Mit gezielten Partnerschaften und einem deutsch-afrikanischen Jugendwerk könne man das Potenzial des Kontinents besser nutzen, so der Entwicklungsminister.

Nana Brink: Zum dritten Mal schon ist der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller nach Afrika gereist. Ein großer Kontinent, sicherlich, aber so viel deutsche Reiseaktivität lässt aufhorchen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, unisono mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und keinem Geringeren als Bundespräsident Joachim Gauck – die haben ja alle Anfang des Jahres mehr Verantwortung in Afrika gefordert, mehr deutsche Verantwortung. Aber wie kann sie aussehen? Darüber wird heute auf der Zukunftscharta EINEWELT diskutiert, initiiert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Gerd Müller von der CSU führt das Ministerium. Schönen guten Morgen, Herr Müller!

Gerd Müller: Guten Morgen!

Brink: Sie sind gerade von einer Reise, ich erwähnte es, nach Mali und dem Südsudan zurückgekehrt. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Müller: Die schreiende Not. Die Kinderaugen, die einen anschauen. Ich habe da in den Flüchtlingscamps wirklich in die Hölle Afrikas geschaut auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die Hoffnung der Menschen auf uns gesehen. Und wir können ein Stück leisten beim Aufbau und der Sicherung der Lebensgrundlagen, den Menschen wieder eine Zukunftsperspektive geben. Und es war ganz besonders schön – ich war ja vor Kurzem auch in der Zentralafrikanischen Republik. Gestern waren die drei Bischöfe und der Imam, auch die islamische Gemeinde, also die Kirchenführer dieses Landes bei mir und haben dokumentiert, dass sie zusammenstehen, dass es kein ethnischer Konflikt ist, dass die Menschen wieder Frieden wollen.

Brink: Nun soll ja eine neue deutsche Afrika-Politik kommen, die Bundesregierung hat sie angekündigt. Wie unterscheidet die sich denn von der der Vorgängerregierung?

Müller: Afrika ist ein Kontinent, hundertmal so groß wie Deutschland. Man kann also nicht über Afrika im Allgemeinen sprechen, sondern im Besonderen. Es gibt viele Regionen, und ich sag mal positiv, Afrika ist nicht nur der Kontinent der Krisen und Kriege, Katastrophen, wie wir ihn häufig wahrnehmen, sondern auch ein Kontinent im Aufbruch mit ungeheuer junger, dynamischer Bevölkerung. 50 Prozent der Menschen sind jünger als 18 Jahre, und sechs Länder der Welt, die ein zweistelliges Wirtschaftswachstum haben, sind afrikanische Staaten. Diese Chancen müssen wir auch und ganz insbesondere sehen und nutzen in der Zusammenarbeit.

Brink: Aber wie denn? Ich frage mich das gerade, nämlich Deutschland soll ja, wenn ich den Außenminister und die Verteidigungsministerin höre, auch den Bundespräsidenten, mehr Verantwortung übernehmen, sich mehr engagieren, auch militärisch, also zum Beispiel die Franzosen bei ihren Einsätzen in Afrika und auch in der Zentralafrikanischen Republik unterstützen. Sie allerdings haben ja bei Ihrem Besuch gesagt, Afrika braucht eher zivile als militärische Hilfe. Höre ich da einen Dissens?

"Die Chancen Afrikas sehen"

Müller: Zunächst einmal müssen wir die Chancen Afrikas sehen. Und da fordere ich die deutsche Wirtschaft auf, nicht an diesem Kontinent vorbeizugehen. In vielfältiger Weise möchte ich Anstöße dazu geben, beispielsweise durch Wirtschaftspartnerschaften, Partnerschaften der Kammern, Hochschulaustausch, ein deutsch-afrikanisches Jugendwerk – hier können wir also wirklich viel gemeinsam leisten. Natürlich gibt es Spannungsbereiche. Es gibt Bürgerkriege. Wir haben zwei Länder genannt, die Zentralafrikanische Republik, Südsudan, aber auch Mali. Und bei Mali zeigt sich, vor zwei Jahren ein Putsch, Krise, Bürgerkrieg, Kämpfe – heute ist Mali auf gutem Weg. Wir werden die Zusammenarbeit ausbauen. Ich konnte beispielsweise ein grünes Zentrum jetzt auf den Weg bringen. Wir werden im Bereich der ländlichen Entwicklung, Landwirtschaft vorangehen. Dieses Land und viele afrikanische Staaten, in denen es Krisen gibt, haben das Potenzial, sich selbst zu versorgen und auch in eine gute Zukunft zu gehen.

Brink: Sind Sie der Friedensminister, wie das eine Zeitung heute titelte? Also der Gegenpol zum Außenminister und der Verteidigungsministerin?

Müller: Also ich bin für vernetzte Entwicklung. Jedes Land hat seine Besonderheit, und natürlich brauchen wir Stabilität in diesen Staaten. Nur, Stabilität ist das eine. Wenn ich an Bangui denke – wir haben sechs Krankenhäuser in dieser Stadt, in der vor Kurzem noch gekämpft wurde.

Brink: Also in der Zentralafrikanischen Republik.

"Es fehlt allerdings am Allernotwendigsten"

Müller: In der Zentralafrikanischen Republik – aber jetzt eine Stabilität herrscht, auch dank des Einsatzes der französischen Soldaten. Aber was jetzt notwendig ist – was nutzt den Menschen Stabilität, wenn sie in den Krankenhäusern keine Operation durchführen können, keine Medikamente vorhanden sind? Und sie haben mich händeringend gebeten, doch auf die zivile Seite, den Aufbau, jetzt zu setzen. Wir brauchen eine Hilfskomponente, zum Beispiel mobile Gesundheitsteams. Impfen, Helfen, Heilen. Medikamente, Ärzte, Sozialdienste. Die Krankenhäuser sind offen, aber es fehlt am Notwendigsten. Sie sind auf dem Stand von 1950. Also ich wurde dort nicht nach mehr Soldaten gefragt. Es herrscht Sicherheit, Stabilität, und es fehlt allerdings am Allernotwendigsten in der Lebensgrundlage.

Brink: Es gibt ja nun viele Flüchtlingscamps auf dieser Welt, und man fragt sich, warum auf einmal dieses deutsche Interesse in Afrika. Sie eröffnen ja heute den Dialog EINEWELT – "unsere Verantwortung" mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Kirchen. Was erhoffen Sie sich? Eine Neudefinition deutscher Entwicklungspolitik?

Müller: Die UN wird nächstes Jahr die sogenannten Millenniumsziele fortschreiben. Wir leben im Augenblick in der Fastenzeit. Eine Milliarde Menschen denkt an Diäten, ist übergewichtig. Bei uns, in den Regionen, aber eine Milliarde auf der Schattenseite der Erde leidet an Hunger und Mangelernährung. Und täglich – täglich – kommen 250.000 Menschen dazu. Das heißt, 80 Millionen, einmal Deutschland zusätzlich jedes Jahr. Und deshalb müssen wir über unseren Lebensstandard nachdenken. Wir müssen das Wachstum neu definieren. Wenn wir so weiter leben wir bisher, wenn unser Lebensstandard der Maßstab weltweit wird, in Indien, in China, in Afrika, dann benötigen wir drei Planeten, um die Ressourcen zu sichern. Und deshalb müssen wir unsere Ziele fortschreiben, ökologisch, sozial, aber auch kulturell. Wir können unseren Wohlstand behalten in Deutschland, in Europa, in Amerika, aber wir müssen ihn ein Stück weit umbauen. Unser Ziel muss eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft sein, die auch auf Gerechtigkeit baut. Gerechtigkeit auch gegenüber denjenigen, die noch auf der Schattenseite leben.

Brink: Sagt Entwicklungsminister Gerd Müller von der CSU. Schönen Dank, Herr Müller, dass Sie mit uns gesprochen haben!

Müller: Ja. Herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eige

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