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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.04.2014

Afrika"Handelspartner auf Augenhöhe"

Welthungerhilfe: EU darf Kontinent nicht als Almosenempfänger betrachten

Moderation: Nana Brink

China ist als Handelspartner für Afrika zurzeit viel interessanter als die EU, sagt der Regionalkoordinator der Welthungerhilfe, Florian Landorff - weil die Chinesen die Afrikaner als gleichberechtigte Partner behandeln.

Nana Brink: 80 Regierungschefs aus Afrika und der EU treffen sich derzeit in Brüssel. Und das Motto des EU-Afrika-Gipfels lässt aufhorchen: Investieren in Frieden, Menschen und Wohlstand. Und dass sich das lohnt, auch finanziell, abseits der Krisen, zeigen die Zahlen: Im Schnitt wachsen die Volkswirtschaften der afrikanischen Staaten um fünf Prozent pro Jahr. Viel Potenzial also. Das sieht auch Christoph Kannengießer vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft so. Zum Auftakt des EU-Afrika-Gipfels sagte er gestern bei uns im Programm:

O-Ton Christoph Kannegießer: Wahr ist, dass die deutsche Wirtschaft Nachholbedarf auf dem afrikanischen Kontinent hat. Das hat unter anderem auch etwas damit zu tun, dass sie in anderen Teilen der Welt sehr erfolgreich agiert. Ich glaube, das Thema "Die deutsche Wirtschaft verschläft in Afrika etwas", das ist eine falsche Zuschreibung. Aber es gibt was zu tun in Afrika. Es gibt dort neue Chancen, zusätzliche Chancen für die deutsche Wirtschaft, die es jetzt gilt noch stärker zu erschließen.

Brink: Aber sehen das die afrikanischen Staaten genauso? Wo liegen denn ihre Interessen? Das will ich jetzt besprechen mit Florian Landorff, Regionalkoordinator der Welthungerhilfe für Kenia, Somalia, den Südsudan und Tansania. Schönen guten Morgen, Herr Landorff!

Florian Landorff: Guten Morgen nach Deutschland!

Wegfall der Importzölle als Gefahr für die aufkeimende Wirtschaft

Brink: Afrika ist ja nicht gleich Afrika. Aber wenn wir jetzt mal Ihre Länder nehmen, was erwarten die von diesem Gipfel?

Landorff: Was wir gerade gehört haben, geht schon grob in die Richtung, was sich auch die Afrikaner hier so Wünschen. Es ist viel die Rede von einem Austausch auf Augenhöhe. Und das ist sicher auch das Ziel, was sich die afrikanischen Gesellschaften wünschen. Und es ist auch die Rede von Chancen, Afrika als Chancen-Kontinent, und die Afrikaner sehen sich tatsächlich so, als Chancen-Kontinent und nicht als Krisen-Kontinent. Und das zielt absolut in die Richtung wirtschaftliche Zusammenarbeit. Der Wunsch, der sicher allgemein hier ist, ist die Hoffnung auf einen stärkeren wirtschaftlichen Austausch. Wobei berücksichtigt werden muss, dass die Bedingungen in vielen afrikanischen Ländern eben so sind, dass da noch ein bisschen geholfen werden muss und die afrikanischen Gesellschaften und Wirtschaften nicht bereit sind, jetzt gleich in den vollen Wettbewerb zu gehen. Also: Respekt zusammen mit der Anerkennung, dass hier noch besondere Bedingungen herrschen.

Brink: Können wir das vielleicht mal ein bisschen konkreter machen? Ich nehme mal den Südsudan aus, das ist ja eine problematischere Situation, aber die anderen Länder – Kenia, Somalia, Tansania –, fällt Ihnen da ein Beispiel ein, wo da noch Potenzial ist?

Landorff: Ja, zum Beispiel in Kenia, wo ich mich jetzt gerade befinde, sehen wir durchaus in den letzten Jahren sehr positive Entwicklungen. Es entsteht zum Beispiel eine relativ breite Mittelschicht gerade, da ist Kaufkraft vorhanden, es gibt Innovationen in dem Land. Und wenn man Kenia anschaut, die Produkte, die da sind, die sind vielleicht noch nicht konkurrenzfähig mit der Europäischen Union und da bräuchten die Kenianer sicherlich noch ein paar Jahre, um ihre eigene Wirtschaft und bestimmte Wirtschaftszweige zu stärken, um überhaupt in den Wettbewerb zu gehen.

Aber die Kenianer sehen sich inzwischen auch, mit der Kaufkraft, die hier entsteht, als Absatzmarkt und wären bereit sich zu engagieren. Wenn wir jetzt zum Beispiel die Diskussion anschauen um das EPA, um das Economic Partnership Agreement, die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit afrikanischen Ländern, das stellt eine ganz konkrete Gefahr dar. Diese Abkommen zielen auf mehr Freihandel und dadurch eben Wegfall von Importzöllen, die ganz wichtig sind, um die Wirtschaft in afrikanischen Ländern zu schützen. Und da ist die Verhandlung auch gerade ganz konkret mit der EU, diese Handelsabkommen zu verzögern oder anders zu gestalten, um zum Beispiel die kenianische Wirtschaft hier zu schützen, dass die sich entwickeln kann, bis sie dann wirklich auch auf dem globalen Markt als gleichwertiger Mitbewerber einsteigen kann.

Brink: Da machen wir doch gleich mal da weiter: Was sind denn die größten Hemmnisse, wenn es um wirtschaftliches Engagement umgekehrt, also der EU in Afrika geht?

Landorff: Wir sehen natürlich in vielen Ländern hier relativ schlechte Rahmenbedingungen für Privatinvestitionen. Erstens mal die hohe Korruptionsrate in vielen Ländern, ist auch ein Problem in Kenia. Es fehlt oft die Rechtssicherheit, also die Sicherheit für Investitionen. Wenn jetzt zum Beispiel ein deutscher Investor kommen würde, der weiß nicht genau, ob das gut geht. Und insgesamt natürlich auch zum Beispiel ein Thema wie Südsudan, das ist ein Nachbarstaat, wir haben auch Somalia hier angrenzen, die Instabilität, die regionale, zum großen Teil. Es gibt immer wieder Konflikte, das schreckt natürlich auch Investoren ab. Und ein wichtiger Punkt sind natürlich die Arbeitskräfte. Es gibt hier durchaus inzwischen qualifizierte Arbeitskräfte, aber es müssten mehr sein.

Es müssten mehr Investitionen noch in Bildung erfolgen, und da ist auch wichtig, die gesamte Gesellschaft im Auge zu behalten, dass eben die Unterschiede innerhalb zum Beispiel der kenianischen Gesellschaft nicht so groß werden. Wir sehen hier einen Wohlstand, der entsteht, aber es gibt große Bevölkerungsteile, die immer noch in bitterer Armut leben. Und da muss auch an Umverteilung gedacht werden.

Wirtschaft profitiert von Investitionen in Bildung

Brink: Also, muss man da nicht einhaken als EU zum Beispiel, in Bildung – das ist ja auch ein Motto, in Bildung eben investieren –, genau um solche Investitionen möglich zu machen, in Governance, also gute Regierungsführung?

Landorff: Absolut. Das ist die richtige Richtung, in Bildung investieren. Die junge Generation, die kann wirklich was verändern. Es ist der jüngste Kontinent, Afrika, von allen, wenn man die Bevölkerungsstruktur anschaut. Und wir sehen bei den jungen Leuten durchaus so einen positiven Mut. Und mit der richtigen Bildung – da ist Kenia auch ein gutes Beispiel, das Land ist durchaus, was den Bildungsstandard betrifft, relativ fortschrittlich –, das ist die große Chance. In die jungen Leute investieren, in Bildung. Und das kreiert Chancen, das gibt auch dann eine wirtschaftliche Entwicklung.

Brink: Wenn wir jetzt aber noch mal auf den Kontinent gucken und die Handelsbeziehungen: Also, 40 Prozent aller Waren gehen ja nach Europa, trotzdem aber scheint manchmal China für Afrika weitaus interessanter als die EU!

Landorff: Ja, das ist absolut richtig. Das ist ganz interessant, die EU ist der wichtigste Handelspartner, aber China wird als viel interessanter angesehen. Zum Beispiel, dass jetzt dieser EU-Afrika-Gipfel stattfindet, das ist ja eher eine Randnotiz in den Zeitungen. Es ist ganz interessant, weil China tatsächlich vielleicht diesen Begriff der Augenhöhe richtig interpretiert. Die Chinesen investieren auch in Infrastruktur und bauen Schulen und Straßen, also machen durchaus Investitionen …

Afrikaner wollen keine Almosen

Brink: Aber das machen sie zu ihrem eigenen Vorteil doch auch?

Landorff: Genau, und da sind sie relativ transparent und klar. Und es geht darum, dass die Chinesen die Rohstoffe wollen, sie wollen Zugang zu den Märkten, und da fühlen sich die Afrikaner hier durchaus ernst genommen als Handelspartner und eben nicht als Empfänger von Almosen und Geschenken hier. Das ist eine Einstellung, die hier durchaus positiv wahrgenommen wird.

Brink: Also, es wird positiv. Was also könnte die EU dann machen, um das mal noch abzuschließen?

Landorff: Ja, wahrscheinlich dann auch in den Handelsbeziehungen klar und transparent zu sein und wirklich Afrika als Handelspartner anzuerkennen, mit allen Schwächen, die da sind, mit den besonderen Bedingungen, die gebraucht werden, aber zu sagen, es ist eigentlich nicht mehr ein Entwicklungsland, sondern ein Handelspartner mit speziellen Merkmalen.

Brink: Florian Landorff, der Regionalkoordinator der Welthungerhilfe in Kenia, Somalia, Südsudan und Tansania. Schönen Dank, Herr Landorff, für Ihre Einschätzungen!

Landorff: Ja, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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