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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.08.2015

AfghanistanDer verdrängte Krieg

Von Jürgen Webermann

Flüchtlinge in Afghanistan: Rechts ist Khan Mohammad, der Älteste zu sehen. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)
Flüchtlinge in Afghanistan: Rechts ist Khan Mohammad, der Älteste, zu sehen. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Die internationalen Truppen sind aus Afghanistan abgezogen. Doch das Land kommt nicht zur Ruhe. Der Krieg tobt in vielen Provinzen, die wirtschaftliche Lage ist katastrophal, Menschen fliehen aus ihren Regionen. Nun versucht auch der IS, in Afghanistan Fuß zu fassen.

Sie leben mitten in einer Wüste. An den beige schimmernden Hügeln des Distrikts Dehdadi, 20 Kilometer von Mazar-i-Sharif in Nordafghanistan entfernt, wächst nichts, aber auch gar nichts.

Hier, in diesem staubigen Niemandsland, sind Ghulam Sakhi und Khan Mohammad mit ihren Familien gestrandet. Verstreut auf einem vielleicht zwei, drei Fußballfelder großen Areal suchen hunderte Menschen unter einfachen Planen Schutz. Die, die schon länger hier sind, haben sich kleine Lehmhütten gebaut. Die Kinder laufen barfuß, ihre Kleidung ist verdreckt, die Haare verfilzt. Ihre Blicke sind skeptisch und ernst. Khan Mohammad, der Älteste der Flüchtlinge, lädt in sein neues Zuhause. Es besteht aus einer weißen Plane, unter der ein paar Kissen liegen.

Die Kinder laufen barfuß, ihre Kleidung ist verdreckt, die Haare verfilzt - Weltzeit. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)Kleines Mädchen mit verfilzten Haaren (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Khan Mohammad: "Vor sechs Monaten haben die Taliban unsere Häuser umstellt. Wären wir nicht geflüchtet, hätten sie alles niedergebrannt und uns alle getötet."

Ein paar Männer setzen sich dazu. Wie Khan Mohammad stammen alle aus dem Distrikt Sherintagab in der Provinz Faryab, vier Autostunden von Mazar-i-Sharif entfernt. In Faryab wird seit Monaten heftig gekämpft. Es gibt Schreckensmeldungen über Selbstmordanschläge und großangelegte Angriffe der Taliban, Bilder von brennenden Armee- und Polizeiautos sowie zerstörten Häusern.

Ghulam Sakhi: "In unserem Dorf gab es einen Polizeistützpunkt. Die Taliban haben ihn zerstört, sie haben alle Polizisten getötet und uns gesagt: Entweder Ihr macht jetzt bei uns mit oder wir töten Euch..."

Ghulam Sakhi und seine Familie lebten von den Feldern rund um ihr Haus. Bis die Taliban im Februar ihr Dorf eroberten.

Ghulam Sakhi: "Wir sind geflohen, als sie gerade beim Abendgebet waren. Wir haben alles zurückgelassen, Kleidung, Schuhe, alles. Wir sind auf einem Motorrad geflohen."

So weit weg wie möglich wollten sie. Die Gegend um Mazar-i-Sharif gilt als sicher. Ein Einheimischer überließ den ersten Flüchtlingsfamilien im Frühjahr das karge Stück Land, auf dem sie jetzt hausen. Die anderen stießen später dazu. Etwa 70 Familien lebten jetzt hier, berichten die Männer unter Khan Mohammads Plane. Zusammen seien sie fast tausend Menschen. Ein einziges Mal seien Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR vorbei gekommen, um sich ein Bild zu machen, sagt Ghulam Sakhi.

Ghulam Sakhi: "Wir haben nichts hier. Wir leben von trockenen Früchten und Wasser. Niemand hilft uns, weder die lokale Regierung noch irgendwelche Geschäftsleute."

Der Krieg geht mit unverminderter Härte weiter

In Afghanistan spielt sich, unbemerkt von der Öffentlichkeit, ein Flüchtlingsdrama ab. Ende vergangenen Jahres sind die internationalen Kampftruppen aus Afghanistan abgezogen, aber der Krieg geht mit unverminderter Härte weiter. Seit Januar mussten 100-tausend Menschen vor der Gewalt in ihren Dörfern und Städten fliehen, schätzt der Norwegische Flüchtlingsrat, der sich seit langem in Afghanistan engagiert. Fast 900.000 Menschen sind derzeit Flüchtlinge im eigenen Land.

Die Vereinten Nationen haben Anfang August einen ihrer halbjährlichen Berichte über Afghanistan vorgelegt. Fast fünftausend Zivilisten wurden danach im ersten Halbjahr 2015 getötet oder verletzt, mehr als im ganzen Jahr 2014. 239 Mal haben sich die Taliban zu den Terroranschlägen bekannt. Die afghanische Armee und die Polizei verloren mehr als elftausend Männer, viertausend von ihnen starben. Auch diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Kundus, Helmand, Faryab, wo Khan Mohammad und Ghulam Sakhi herkommen, Sar-e-Pul, Badachshan – die Liste der Provinzen, in denen die Taliban Offensiven durchgeführt haben, ist lang.

Borhan Osman arbeitet für das "Afghanistan Analysts' Network", eine unabhängigen Recherche-Organisation. AAN residiert im Herzen Kabuls. Ihre Erkenntnisse gewinnen Osman und seine Kollegen in den Kerngebieten der Taliban. Also dort, wo ausländische Journalisten aus Sicherheitsgründen besser nicht mehr hinreisen sollten. Borhan Osman spricht von einer Pattsituation in Afghanistan.

Borhan: "Anfang des Jahres haben die Taliban angekündigt, dass sie die Kämpfe sogar in die Städte bringen wollen. Aber das haben sie bisher nicht getan. Die Kämpfe finden auf dem Land und genau dort statt, wo sie auch zu erwarten waren.
Die Taliban sind zäh. Sie geben nicht auf. Und sie können ihre Verluste mit neuen Männern ausgleichen. Es geht in den Provinzen vor und zurück. Ich habe einige Kämpfer im Süden getroffen. Junge Männer. Sie sind motiviert. Sie rekrutieren ständig. Und das, obwohl kein Sieg in Sicht ist. Ehrlich gesagt, dagegen machen mir Armee und Polizei schon mehr Sorgen."

"Taliban umzingeln Polizeiposten". "Armee-Einheiten flüchten in die Berge". "Selbstmordattentäter sprengt 20 Rekruten in die Luft". So lauten viele Schlagzeilen in diesem Sommer. Die ganze Lage wird noch dadurch komplizierter, dass jetzt auch noch der Islamische Staat in Afghanistan Fuß fassen will.

Borhan: "In diesem Jahr hat sich einiges verändert: Es gibt mehrere lokale Gruppen, die zum Islamischen Staat übergelaufen sind. Es gibt ausländische Kämpfer, die von den Taliban zum IS wechseln. Und den Islamischen Staat können wir nicht ignorieren. Sie haben bereits Dutzende Taliban getötet. Den Taliban bereitet der IS vor allem in Ostafghanistan Kopfschmerzen."

Taliban räumen ein, dass ihr religiöser Führer tot ist

Die Taliban räumten Ende Juli ein, dass ihr religiöser Führer, Mullah Omar, schon seit zwei Jahren tot ist. Mullah Omar war der Gründer der Extremistengruppe, er trat 1994 mit den Taliban den Siegeszug im Land an und hielt sie nach dem Sturz der Taliban 2001 zusammen – allein durch seinen Mythos als angeblich rechtmäßiger Emir von Afghanistan. An Omars Stelle trat jetzt sein Stellvertreter Mullah Mansur, ein alter Weggefährte. Aber es tun sich Risse auf. Niemand weiß, wie viele Taliban Mansur wirklich folgen und wie viele zum Islamischen Staat überlaufen werden.

Auch in der Hauptstadt Kabul herrscht Kriegsalltag. Zwar sind die Straßen belebt und die Basare geöffnet. An den Ausfallstraßen zum Flughafen entstehen Hochhäuser mit Glasfassaden. Aber der Krieg ist allgegenwärtig. Überall in der Stadt haben schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten ihre Maschinengewehre im Anschlag. Kabul ist eine Stadt der Mauern. Das diplomatische Viertel ist für die meisten Afghanen kaum zugänglich, so schwer ist es bewacht. Selbst Hotels gleichen Festungsanlagen, mit Sprengschutzmauern, mehreren Sicherheitskontrollen und Männern, die mit der Kalaschnikow in der Hand in den Fluren patrouillieren. Ein "Ring of Steel", ein Sicherheitsgürtel, soll das Stadtzentrum schützen. Und trotzdem gibt es regelmäßig Selbstmordanschläge und Bombenexplosionen.

(Deutschlandradio / Jürgen Webermann)Taqi und seine Familie (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Taqi, ein junger Schriftsteller, hat im vergangenen Dezember einen Anschlag überlebt, in der französischen Schule in Kabul, als dort gerade ein Theaterstück aufgeführt wurde. Tagelang war Taqi wie betäubt, völlig niedergeschlagen. Inzwischen scheint es so, als habe auch er sich an den rauen Alltag gewöhnt. Das Leben spielt sich meist in der Wohnung ab. Im Nebenzimmer spielt Taqis Frau Tahira mit den beiden Kindern.

Taqi: "Was die Sicherheit angeht, so hat sich seitdem nicht viel geändert. Es gibt Selbstmordattacken, Haftbomben an Autos, Sprengfallen. Aber die Taliban schaffen es nicht, auch nur eine Provinz dauerhaft zu erobern. Insofern hat sich 2015 im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert."

Taqi gehört zu den Glücklicheren in Kabul. Er hat einen Job bei einer ausländischen Organisation und sein Vertrag wurde gerade verlängert. Aber fast alle seine Freunde haben sich ins Ausland aufgemacht.

Taqi: "Ja, so viele Menschen wollen weg, weil die Lage und die Aussichten hier so ungewiss sind. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, wir haben Angst, dass jetzt auch Gruppen wie der Islamische Staat hier Fuß fassen wollen. So viele Freunde sind schon 2014 gegangen. Und genauso geht es weiter. Eigentlich würden sie gerne bleiben. Aber ehrlich gesagt, sie können es nicht."

Die offiziellen Statistiken zum Beispiel der Weltbank weisen zwar immer noch ein leichtes Wirtschaftswachstum in Afghanistan aus. Aber die Tendenz ist eindeutig negativ. Der Großteil der ausländischen Soldaten ist abgezogen - damit ist auch ein Wirtschaftsfaktor weggebrochen. Obwohl Afghanistan über große Rohstoffvorkommen wie Kupfer verfügen soll, halten sich Investoren zurück. Der Handel stagniert. Viele Menschen haben keine Arbeit. All das lässt sich auch in dem Städtchen Hairatan beobachten, weit im Norden an der Grenze zu Usbekistan.

Die Geschäfte in liefen einst Hairatan gut

Im Grenzstädtchen Hairatan werden Waren aller Art umgeschlagen. Von Düngemittel bis Bier. Das gibt es aber nur unter der Hand. Hairatan ist auch ein wunderbarer Ort für Schmuggler. Eine Brücke verbindet die kleine Grenzstadt mit dem usbekischen Termes. 1989 sind die sowjetischen Soldaten über diese "Brücke der Freundschaft" abgezogen. Jetzt ist sie die vielleicht wichtigste Verbindung nach Zentralasien.

Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt wartet Mohammad Taher. Er ist Chef des Güterbahnhofs. Im Hintergrund flackern die Gasfackeln von Ölraffinerien. Sie verarbeiten den Rohstoff aus Russland oder Kasachstan und schicken ihn als Diesel oder Benzin weiter ins Land. Hunderte Eisenbahn-Waggons schmoren in der Sommerhitze.

Taher: "Vor drei Jahren war hier noch richtig viel los. Aber jetzt setzen wir nicht mehr 400, sondern nur noch 70 Waggons ein. Die Geschäfte sind eingebrochen."

... erklärt Mohammad Taher die gespenstische Stille, die über dem Verladebahnhof liegt. Eigentlich ist Hairatan noch ein reiches Städtchen, 18-tausend Einwohner, 60 Kilometer von Mazar-i-Sharif entfernt, wo die Bundeswehr stationiert ist. Als noch mehr als hunderttausend Soldaten aus aller Welt in Afghanistan waren, pulsierte Hairatan, denn viele Nachschubgüter für die Kasernen kamen über die "Brücke der Freundschaft". Jetzt aber sind nur noch 12.000 Soldaten der NATO und ihrer Verbündeten in Afghanistan. Mohammad Taher bedauert den Truppenabzug.

Taher: "Wir haben jetzt drei Probleme. Die neue Regierung in Kabul, die nichts macht. Die Taliban, die in vielen Provinzen für Unruhe sorgen, und den Islamischen Staat, der jetzt auch hier aktiv ist."

Angesichts dieser Problemlage bringt es Menschen wie Ainuddin auch nichts, Kunden das feinste "Kabuli Palao" der Stadt zu servieren, Reis mit Karotten, Rosinen und Lammfleisch, dazu grünen Tee aus Thermoskannen. Auf den erhöhten Sitzflächen hocken nur wenige Gäste. Ainuddin steht hinter einem kleinen Tresen am Eingang.

Ainuddin: "Früher haben in meinem Restaurant viel mehr Lkw-Fahrer gegessen. Aber jetzt fahren kaum noch Lkw, weil sie oft nicht bis Kundus oder Kabul durchkommen. Die Sicherheitslage ist unterwegs zu schlecht."

(Deutschlandradio / Jürgen Webermann)Der Verladebahnhof von Hairatan (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Dass die Geschäfte in Hairatan einst gut liefen, zeigen die auffallend vielen Limousinen auf den Straßen. Die Hausfassaden sehen modern aus, und der letzte Anschlag ist auch schon ein paar Jahre her. Aber in Nachbarprovinzen wie Kundus wird heftig gekämpft. Und genau das schreckt Investoren ab. Laut den Vereinten Nationen flossen 2014 nur noch Investitionen in Höhe von 53 Millionen US-Dollar nach Afghanistan, zum Vergleich: 2010 waren es mehr als 200 Millionen US-Dollar.

Woher soll der Aufschwung kommen?

Solch negative Darstellungen will der Bürgermeister von Hairatan, Qazi Najibullah aber erst einmal nicht hören. Najibullah spielt gern mit seinem vergoldeten Handy. Er redet viel darüber, wie hart er arbeite, wie gut die Sicherheit in Hairatan sei, und dass er selbst 30.000 Dollar in Projekte gesteckt habe. Aber dann, nach etwas genaueren Nachfragen, gibt auch Qazi Najibullah seine Zurückhaltung auf. Viele Afghanen machen Präsident Ashraf Ghani und seinen Regierungs-Geschäftsführer Abdullah Abdullah für die wirtschaftliche Misere verantwortlich. Die Politiker haben sich nach den Wahlen im vergangenen Jahr monatelang einen Machtkampf geliefert, und wirken immer wieder wie blockiert, statt Afghanistan tatkräftig zu reformieren. Bei der Frage nach der aktuellen Regierung in Kabul muss Bürgermeister Qazi Najibullah jedenfalls lachen:

"Haha. Alle wissen doch, dass wir die Regierung nicht gut finden. Seit den Wahlen und dem Abzug der ausländischen Soldaten ist der Handel hier um 30 Prozent eingebrochen. Viele Leute haben auch schon ihre Jobs verloren."

Und doch. Irgendwie hoffen sie alle, dass der Aufschwung zurück kommen wird nach Hairatan. Die Hafenarbeiter am Flussufer des Amur Darya, Ainuddin, der Restaurantbesitzer, und der Eisenbahndirektor Mohammad Taher. Woher der Aufschwung kommen soll? Bürgermeister Qazi Najibullah, der jetzt nicht mehr so betont optimistisch ist wie zu Beginn des Gesprächs, findet auf diese Frage nur eine Antwort:

"Ich weiß nicht, ob wir eine große Zukunft haben werden. Das weiß nur Allah."

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