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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.05.2009

Ärzte-Mangel bei der Bundeswehr

Forum Sanitätsoffiziere: "Wir sehen keine Besserung"

Wolfgang Petersen im Gespräch mit Birgit Kolkmann

ISAF-Soldaten der Bundeswehr salutieren im deutschen Hauptquartier in Masar-i-Sharif, Afghanistan (AP Archiv)
ISAF-Soldaten der Bundeswehr salutieren im deutschen Hauptquartier in Masar-i-Sharif, Afghanistan (AP Archiv)

Das Forum Sanitätsoffiziere hat vor einem drastischen Qualitätsverlust in der medizinischen Versorgung bei der Bundeswehr gewarnt. Immer mehr Ärzte würden die Bundeswehr verlassen, sagte der Forumsvorsitzende Wolfgang Petersen.

Birgit Kolkmann: Wer sich vor 20, 30 Jahren entschied, Arzt zu werden, der hatte gute berufliche Aussichten für die Zukunft. Heute sieht es für Mediziner nicht mehr rosig aus. Überstunden, schlechte Bezahlung, jede Menge Bürokratie - das treibt viele junge Ärzte ins Ausland, wo bei besseren Arbeitsbedingungen auch deutlich mehr verdient werden kann. Die Flucht der Ärzte wird auch heute wieder diskutiert werden beim Deutschen Ärztetag in Mainz. Die Situation der Bundeswehrärzte soll besonders schlecht sein. Viele verlassen die Bundeswehr, wenn sie können. Andere versuchen, etwas zu ändern wie die Mediziner, die vor sieben Jahren das Forum Sanitätsoffiziere gegründet haben. Vorsitzender ist Oberfeldarzt Wolfgang Petersen. Ich fragte ihn, ob die Bundeswehr ihrem hohen Anspruch an die medizinische Versorgung der Truppe noch gerecht wird.

Wolfgang Petersen: Also im Moment wird sie dem Anspruch nur noch in Anteilen gerecht. In vielen Standorten, insbesondere auch bei den Truppenärzten, ist ein großer Mangel. Und auch in den Krankenhäusern ist dieser Mangel durch die Abwanderung der Ärzte deutlich zu spüren.

Kolkmann: Die Bundeswehr-Krankenhäuser hatten aber immer einen sehr guten Ruf. Wie ist es gekommen, dass dieses plötzlich so schlecht geworden ist?

Petersen: Ja, das liegt an vielen Gründen. Erst mal gibt es viel zu wenig Ärzte in den Bundeswehr-Krankenhäusern. Wir können lange nicht mehr all die Stationen besetzen, die besetzt werden müssten, wie verbrennungsintensivmedizinische Station und auch Stationen für die Infektionskrankheiten. Außerdem gibt es viel zu wenig Fachärzte noch, die in den Bundeswehrkrankenhäusern arbeiten können, weil ja viele von uns im Ausland sind.

Kolkmann: Beispiel Auslandseinsätze: Afghanistan. Dort waren auch Sie mehrfach, zuletzt vor zwei Monaten. Woran hapert es denn da am meisten? Wenn Sie sagen, so viele Ärzte gehen dorthin, müsste die Versorgung der Soldaten doch dann sehr gut sein?

Petersen: Viele Ärzte haben die Bundeswehr verlassen, weit über 100 nur im letzten Jahr. Und dieser Mangel macht sich natürlich im In- und Ausland bemerkbar. Es gibt zu wenig Truppenärzte, zu wenig Ärzte und auch Fachärzte insbesondere an den Krankenhäusern. Und wenn die wenigen Fachärzte auch noch ins Ausland müssen und dort längere Zeit dann sind, dann fehlt es natürlich zu Hause, im Auslandseinsatz sind immer nur sehr wenige Fachärzte eingesetzt. Es sind natürlich auch viele Assistenten da. Und so ist es natürlich so, dass wir zwar versuchen, die Qualität hochzuhalten, aber lange halten wir es nicht mehr durch.

Kolkmann: Können Sie ein Beispiel nennen aus Ihrer Zeit in Afghanistan, wo es schon zu Engpässen gekommen ist?

Petersen: Ja, es gibt einen Engpass, den das Forum Sanitätsoffiziere immer ganz deutlich in den Vordergrund schiebt, das ist im Grunde die Ausbildungsqualität der jungen Ärzte, die dann als Rettungsärzte ganz an vorderster Linie eingesetzt werden und dort mit Schwerstverletzten im Ernstfall zu tun haben und dort mit ihren Aufgaben also ganz stark überfordert sind. Diese Ärzte haben danach auch, wenn sie zurückkommen, psychische Probleme.

Kolkmann: Also bedeutet das negative Konsequenzen nicht nur für die Ärzte, sondern auch für die Patienten, die Sie zu versorgen haben, wenn Sie nicht richtig ausgebildet sind in der Notfallmedizin zum Beispiel?

Petersen: Im Ernstfall bedeutet das auch für die Patienten negative Konsequenzen. Es ist bisher, weil wir sehr viel Glück gehabt haben, immer noch gut gegangen.

Kolkmann: In Afghanistan häufen sich aber die Anschläge auch auf die Bundeswehr. Was befürchten Sie, wenn sich nicht etwas ändert, was das medizinische Personal angeht?

Petersen: Ich befürchte ernsthafte Konsequenzen für die Patienten, die Soldaten also im Auslandseinsatz, und natürlich auch für die medizinische Versorgung, weil das ein Teufelskreislauf ist. Die Ärzte werden immer unzufriedener, weil sie halt nicht ausreichend ausgebildet und nicht mit genügend Erfahrung in einem schwierigen Auslandseinsatz sind. Das ist nicht so wie in Deutschland, dass man innerhalb einer Viertelstunde einen erfahrenen Notfallmediziner vor Ort hat. Es sind häufig schwer verbrannte und auch schwer verstümmelte Patienten bei Explosionstraumen, und da muss man eine gewisse Erfahrung haben und man muss auch lernen, mit diesen Verletzungen umzugehen. Das ist nicht der Fall, und die Ärzte sind frustriert.

Kolkmann: Das ärztliche Wissen ist aber nicht alles. Fehlt es auch am Nachschub, an Nachschub von Gerät oder Medikamenten?

Petersen: Wir haben auf jeden Fall viel zu wenig Hubschrauber vor Ort, die schnell kommen können und dann entsprechend schwer verletzte Patienten abzutransportieren, allwettertaugliche Hubschrauber. Wir haben teilweise auch Probleme, genügend Material vor Ort zu bekommen. Wir haben allerdings – das muss man auch positiv erwähnen – recht gut ausgestattete kleine Krankenhäuser vor Ort.

Kolkmann: Was glauben Sie, woran es liegt, dass vonseiten des Verteidigungsministeriums da nicht mehr getan wird, um Ihre Situation zu verbessern?

Petersen: Es ist wie immer sicherlich ein Geldmangel das Problem, andererseits ist den Verteidigungspolitikern aller Couleur, muss ich dazusagen, wobei es Ausnahmen gibt, es wohl nicht bewusst gewesen, weil die Sanitätsführung die Sachen immer beschönigt hat, dass es so dramatisch ist.

Kolkmann: Was müsste jetzt passieren, damit diese Missstände abgestellt werden können?

Petersen: Zurzeit ist es so, dass man versucht, durch ein Attraktivitätsprogramm mit einem Arbeitspreis die Situation für die Ärzte zu verbessern. Das heißt, man versucht durch diese Attraktivitätsprogramme, Ärzte bei der Bundeswehr zu halten. Das sind dann zum Beispiel etwas über 500 Euro mehr, die wir monatlich als Geld bekommen. Das ist aber gar nicht das Wesentliche. Das Wesentliche müsste sein, dass uns Perspektiven geboten werden, dass man endlich sagt, hier in diese Richtung wollen wir arbeiten, dass Transparenz da ist, dass da ein Riesenwasserkopf an Sanitätsführung abgebaut wird, sodass wir straffe und gute, transparente Führungsstrukturen haben. Viele dieser Dinge sollen irgendwann einmal passieren, nach der nächsten Wahl, das ist viel zu spät.

Kolkmann: Sie sagen, irgendwann einmal. Das klingt ein bisschen desillusioniert. Wollen Sie auch weg von der Bundeswehr als Arzt?

Petersen: Ja, ich werde die Bundeswehr so bald es geht verlassen. Ich bin da auch nicht der Einzige, der das macht. Und das ist ein großes Problem auch für die Zukunft der Bundeswehr. Wir sehen keine Besserung, wir sehen, dass es immer so weitergeht, dass man uns im Grunde ausbrennen lässt. Es tut sich nichts Wesentliches. Und das macht die Sache so frustrierend. Im Grunde kämpfen wir gegen Windmühlenflügel. Und es ist das große Manko, damit können wir dann auch, wenn so viele von uns gehen, die jungen Ärzte gar nicht mehr ausbilden.

Kolkmann: Die Probleme der Bundeswehrärzte. Das war Wolfgang Petersen. Er ist Oberfeldarzt und hat das Forum Sanitätsoffiziere gegründet vor sieben Jahren. Ich bedanke mich für das Gespräch im Deutschlandradio Kultur.

Petersen: Gern geschehen.

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