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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.04.2009

Adels-Bashing

Warum haben Blaublüter keinen Anspruch auf Minderheiten-Schutz?

Von Astrid von Friesen

Karl-Theodor zu Guttenberg (AP)
Karl-Theodor zu Guttenberg (AP)

Die "Dresdner Neusten Nachrichten" nannten in einem Artikel über Prinz Alexander von Sachsen den neuen Wirtschaftsminister zu Guttenberg einen "lausigen Freiherrn". Es sollte witzig sein. Stellen Sie sich vor, die Journalistin hätte eine andere Minderheit so beschrieben. Zum Beispiel den sächsischen Ministerpräsidenten Tillich, der Sorbe ist, als "lausigen Sorben". Ein Riesenskandal wäre es gewesen.

Was ist so unangenehm am Adels-Bashing? Es speist sich aus kleinbürgerlicher Unkenntnis und eigenen Projektionen. Unkenntnis darüber, dass die meisten der Adligen keineswegs zur winzigen Gruppe des "oberflächlichen Salon-Prinzentums" gehören, die regelmäßig die "Goldenen Blätter" bevölkert. Unkenntnis auch darüber, dass diese schillernde Gruppe wohl kaum aus den Intelligenten, den ethisch und moralisch Gefestigten besteht. Viele Mitglieder des Salon-Prinzentums haben entweder als Bürgerliche eingeheiratet oder treiben Schindluder mit dem Familiennamen. Sie lassen sich auf einer Stufe mit Fußball- und Tennisspielern feiern; deren angebliche Prominenz wird aber seltsamerweise nicht in Frage gestellt.

Die meisten Adligen jenseits des Hochadels und der Mallorca-Schickeria sind anders, sie bilden neben der Macht-, Geistes- und Wissenschaftselite gewissermaßen die Geburtselite. Eine besondere Spezies, wie der Journalist Tilman Krause meint: "Sie sind schon wer." Sie müssen nicht ständig beweisen, dass sie eine Kinderstube hatten, in der nicht nur Manieren, sondern auch Werte und Normen vermittelt wurden.

Ein Anti-Adels-Reflex ist ein seltsamer Reflex: Er mischt sich aus Neid und Missgunst, aber auch verabscheuender Neugierde und Affinität. Denn der Adel, der spätestens nach 1918 seine Privilegien an das Bürgertum abgegeben hatte, besitzt ja immer noch eine große Faszination: Die "Goldenen Blätter" mit Millionenauflagen zeugen davon. Dort wird heftigst idealisiert, um die Protagonisten anschließend lustvoll im Wochentakt wieder in den Schmutz zu ziehen.

Dieser Reflex ist kleinbürgerlich, weil viele aufsteigende Bürger alles Mögliche tun, um dem Adel in Sitten und Gebräuchen, in Kleidung und durch die englischen Internate immer ähnlicher zu werden. Neureiche kaufen sich am liebsten ganze Schlösser!

In Ostdeutschland ist Abneigung, ja bisweilen Hass gegen Adlige besonders ausgeprägt, weil es der Ideologie der DDR entsprach, allen sogenannten "Junkern" die Schuld am Faschismus in die Schuhe zu schieben. Diese Abneigung ist tief konserviert, da sie mangels Kenntnis von lebenden Personen kaum an der Realität überprüft werden konnte.

Es ist der Neid auf die familiäre Selbstverständlichkeit, auf die Jahrhunderte währende Familiengeschichte. Tausende von Hobby-Ahnenforschern suchen mühsam nach den eigenen Vorfahren und sind stolz, wenn sie fünf Generationen finden. Adel ist eines der letzten Güter, welches man in unserer Konsumgesellschaft nicht kaufen kann: die Blutsverwandtschaft zu einem Haus, einer Familie. Neid auch auf das Generationenübergreifende, die Sicherheit und Demut, die aus dem Bewusstsein erwächst, nur ein Glied in einer langen Kette zu sein. Das wiederum ist die beste Medizin gegen Egoismus, gegen Gier und Konsumdenken. Was die meisten der Adligen dazu bringt, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, ehrenamtlich zu arbeiten, Bescheidenheit zu pflegen.

In Deutschland wird manches idealisiert, was exklusiv, exotisch oder einfach anders ist, um es anschließend in Grund und Boden zu verdammen. Die erste Unterstellung lautet meist Arroganz. Schaut man genau hin, ist das jedoch eine Projektion: Der Bürgerliche wertet sich selbst ab und überträgt just dieses Gefühl auf den Adel.

Sich derartige Projektionen bei Minderheiten wie den Sorben oder Homosexuellen zu verbieten, ist politisch korrekt. Als politisch korrekt gilt aber offenbar das Adels-Bashing. Eine seltsame Auffassung von Minderheitenschutz.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Erziehungswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg und macht Lehrerfortbildung. Zwei ihrer letzten Bücher: "Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener" (Psychosozialverlag 2000) sowie "Von Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon" (Kösel-Verlag 2003. Zuletzt erschien "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer", Verlag Ellert & Richter.

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