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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.06.2005

Achtung, Zeitzeugen!

Der Chor der Erinnerung

Von Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer (privat)
Bruno Preisendörfer (privat)

In Krakau gibt es eine Agentur, die Doppelgänger und Zeitzeugen vermietet, echte Doppelgänger und falsche Zeitzeugen. Die Agentur ist eine Roman-Erfindung. Sie kommt in "Samuels Reise" von Gernot Wolfram vor. In diesem Roman schildert der Agentur-Betreiber seine Zeitzeugenphilosophie: Die Leute seien "scharf darauf, originale Opfer zu sehen". Aber was ist, wenn auch der falsche Zeitzeuge richtige Sachen sagt und die Leute wachrüttelt?

Falsche Zeitzeugen gibt es nicht nur im Roman. Vor Jahren schon kam es zu einem Skandal um das Erinnerungsbuch eines angeblichen KZ-Überlebenden mit Namen Wilkomirsky. Das Buch wurde hochgelobt. Dann wurde festgestellt, dass Wilkomirsky nie im KZ gewesen ist, und das Buch wurde tief verdammt. Käme nun heraus, dass Wilkomirsky aber doch im KZ war, würde das Buch wieder hochgelobt.

In Spanien ist kürzlich ein weiterer Zeitzeugen-Hochstapler enttarnt worden. Enric Marco veröffentlichte 1978 eine Biographie mit dem viel versprechenden Titel "Erinnerung aus der Hölle" - also genau das, worauf die Leute "scharf sind", um es mit dem Betreiber der Zeitzeugen-Agentur in Gernot Wolframs Roman zu sagen. Seitdem tingelte Marco als "originales Opfer" durch Schulstuben, Talkshows und Symposien und erzählte seine erfundene Geschichte. Jahrzehntelang war Marco eine Art Paradeopfer, um das sich die Medien gerissen haben, jetzt wird er von seiner ehemaligen Kundschaft als Lügner gegeißelt. Aber was ist, wenn Enric Marco als falscher Zeitzeuge die richtigen Sachen gesagt und die Leute wachgerüttelt hat?

Im 60sten Jahr nach Kriegsende hat die Instanz des Zeitzeugen Konjunktur wie nie. Die oft nur noch als mediale Abschöpfung zu bezeichnende Befragung von Zeitzeugen bringt einen riesigen Chor hervor, einen gleichmacherischen Chor aus Opfern, Tätern und Mitläufern, aus Opferkindern, Täterkindern und Mitläuferkindern, aus Opferenkeln, Täterenkeln und Mitläuferenkeln, aus Hitler-Sekretärinnen, Bunkerärzten, SS-Großvätern, Wehrmachtsonkeln und Speer-Verwandten. In diesem chaotischen, unaufhaltsam anschwellenden Chor wird alles wirklich Individuelle an den Einzelstimmen übertönt. Das Leise, das Differenzierte wird nicht mehr wahrgenommen. Wie sollen aus dieser gewaltigen Kakophonie die falschen Stimmen herauszuhören sein?

Hinzu kommt, dass die Erinnerung von den Medien nicht nur in den großen Chor eingespeist, sondern bereits vor dieser Einspeisung durch die Medien mitgeformt wird. Die Erinnerung ist kein Speicher und kein Archiv, wie schlecht informierte Sonntagsredner gerne sagen, sondern ein dynamischer Prozess. Es kann vorkommen, dass sich ein Zeitzeuge an Dinge erinnert, die er zum Zeitpunkt des Geschehens noch gar nicht wissen konnte, und die er erst später erfahren hat, etwa durch eine Fernsehdokumentation.

Im Falle eines KZ-Überlebenden zum Beispiel ist das besonders - delikat, man muss es schon so sagen. Kann ein Nachgeborener es besser wissen als ein Überlebender? Darf er es besser wissen? Hinterher ist man immer klüger, sagt man, und für Historiker ist das eine Selbstverständlichkeit. Aber besteht nicht die Gefahr, dass dieses Klügersein hinterher die Erinnerung eines Menschen entwertet?

Vermutlich ist diese Angst der Grund dafür, dass falsche Zeugen wie Enric Marco so lange nicht enttarnt werden. Wer selbst nicht gelitten hat, scheut zu recht davor zurück, das Leiden eines anderen in Frage zu stellen, oder auch nur Einzelheiten einer Leidensgeschichte in Zweifel zu ziehen.

Dennoch darf das, was Zeitzeugen erzählen, nicht tabuisiert werden. Menschliche Achtung vor einem Zeitzeugen und historische Kritik lassen sich durchaus verbinden. Allerdings setzt das voraus, das Denken im Gedenken wieder stärker zu betonen. In unserer Zeit der schnellen Emotionen wird das Gedenken ganz von Gefühlen beherrscht. Wer auf Kenntnissen besteht, wird als Besserwisser beargwöhnt. Wer an die Vernunft appelliert, zieht sich den Vorwurf der Kälte zu. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", sagt der kleine Prinz in einem niedlichen Kinderbuch, das besonders bei infantilisierten Erwachsenen beliebt ist. Nein, das Herz sieht überhaupt nichts, es schlägt nur. Sehen tun die Augen, denken tut der Kopf. Wenn genauer hingesehen und genauer nachgedacht würde, könnte von der durchgeknallten Lehrerin, die Geschichte heißt, vielleicht doch etwas gelernt werden. Und auch die falschen Zeitzeugen hätten es dann schwerer.


Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, lebt als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie in Frankfurt am Main und Berlin, 1997 Promotion mit einer Arbeit über 'Ästhetik und Herrschaft im preußischen Absolutismus'. Preisendörfer hat viele Jahre als Redakteur gearbeitet. Seine literarischen Texte veröffentlicht er unter dem Schriftstellernamen Bruno Richard. Zuletzt erschien der Roman "Desaster".

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