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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.06.2009

Achtung! Privatweg!

Potsdam bei Privatschulen bundesweit vorne

Von Michael Frantzen

Brandenburger Straße in Potsdam (DRadio)
Brandenburger Straße in Potsdam (DRadio)

In kaum einer anderen Stadt Deutschlands besuchen so viele Kinder und Jugendliche Privatschulen wie in Potsdam. 20 Prozent aller Schüler gehen auf eine freie Schule, im Bundesdurchschnitt sind es etwa sieben Prozent. Nach wie vor sind Privatschulen umstritten - unter anderem wegen ihres Rufes als Einrichtungen für Besserverdienende.

"Die Zahl ist nicht so hoch, dass wir jetzt sagen, das ist eine echte Bedrohung für die staatlichen Schulen","

sagt Rosemarie Segelke. Privatschulen als potentielle Bedrohung – in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, ist das keine Einzelmeinung. Privatschulen als attraktive Alternative – so sehen das immer mehr Eltern – und schicken ihre Kinder auf eine konfessionelle oder private Reformschule. Innerhalb der letzten zwölf Jahre hat sich die Zahl der Privatschulen in Deutschland verdoppelt. Gut sieben Prozent aller Schüler besuchen eine private Lehranstalt.

Spitzenreiter unter den Ländern ist Bayern mit 13 Prozent. Ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt liegen Berlin und Thüringen mit jeweils gut 9 Prozent. Brandenburg dagegen kommt nur auf 6,5 Prozent – allerdings mit steigender Tendenz. Für Rosemarie Segelke von der GEW kein Zufall:

""Die armen Bundesländer sind dann ganz oft auch recht zufrieden und sagen: Da sind wir dieses finanzielle Päckchen – gerade was denn Renovierungen oder Instandhaltung oder Personalausstattung betrifft – das sind wir dann los. Und das übernehmen die Privaten."

Das Recht, eine Privatschule gründen zu können, ist durch das Grundgesetz gedeckt: Artikel 7, Absatz 4 und 5. Da heißt es unter anderem, eine "private Volksschule" sei zuzulassen, wenn ein "besonderes pädagogisches Interesse" bestehe oder "wenn sie als Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule errichtet werden soll und eine öffentliche Volksschule dieser Art in der Gemeinde nicht besteht".

Bis in die 70er-Jahre dominierten in Westdeutschland hauptsächlich zwei Schultypen die Privatschullandschaft: Die Konfessionellen, also Schulen der evangelischen und katholischen Kirche. Und die Waldorfschulen mit ihrer anthroposophischen Ausrichtung. Das ist heute anders. Der Mix ist vielfältiger geworden: Die sogenannten Freien Schulen sind dazugekommen, international ausgerichtete und mit der Phorms-Schule erstmals auch eine Aktiengesellschaft, die mit ihren Schulen in Berlin, München und Frankfurt am Main Geld verdienen will. Rosemarie Segelke:

"Privatschulen sind sehr unterschiedlich. Es gibt etliche Privatschulen – das sind wirklich so Eliteschulen, wo sich auch nur schwerreiche Eltern es leisten können, ihren Kindern da einen Schulplatz zu verschaffen. Andere Schulen – gerade die konfessionellen - die unterscheiden sich nicht maßgeblich von den öffentlichen Schulen. Und die nehmen auch eine größere Anzahl von Schülern, die nicht so begütert sind."

Laut Artikel 7 des Grundgesetzes sind die Länder verpflichtet, Schulen in Freier Trägerschaft mit 80 bis 85 Prozent der Kosten zu unterstützen, die für Schüler an einer öffentlichen Schule anfallen. Den Rest müssen Montessori und Co über das Schulgeld einnehmen. Je nach Bundesland und Einkommen der Eltern können das bis zu 900 Euro im Monat sein.

"Was uns am meisten Kopfzerbrechen macht, ist, dass Privatschulen sich ihre Schülerinnen und Schüler selbst aussuchen können. Die können also bei der Anmeldung sagen: Dieses Kind passt zu uns, das passt nicht zu uns. Die Privatschulen sagen: Wir wollen bestimmen, wer bei uns auf die Schule geht. Und wenn sie merken, das Kind passt dann nicht an die Schule, nachdem es angenommen worden ist... dann schicken sie’s auch wieder weg","

klagt Rosemarie Segelke – nur um hinzufügen, die GEW warne schon seit längerem vor einer schleichenden "bildungspolitischen Separierung". Keine Einzelmeinung. Auch dem Pädagogen Bruno Preisendörfer bereitet der Run auf die in der Regel besser ausgestatteten Privatschulen mit ihrer ausgewählten Schülerschaft Bauchschmerzen. "Wer seine Kinder auf staatsferne Schulen schickt", schreibt Preisendörfer in seinem Buch "Das Bildungsprivileg", "kann sicher sein, dass auch das Volk ferngehalten wird."

Wir sind das Volk. Oder auch nicht. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Wie ist das jetzt mit dem Volk? Und der Bildung? In Potsdam? Bekanntlich gab da ja schon der Alte Fritz die Devise aus, jeder solle nach seiner Fasson glücklich werden. Ob das auch auf die Privatschulen der Brandenburger Landeshauptstadt zutrifft? Wer wird da jetzt wo nach welcher Fasson glücklich?

Der Praxistest:

""Es ist nicht so, dass die Privatschulen sozusagen die Crème de la Crème der Schülerschaft abschöpfen. Das kann man wirklich nicht so sehen."

Tatsächlich nicht? Es gibt da nämlich ein paar Auffälligkeiten - am privaten Schiller-Gymnasium in Potsdam. Den einen oder anderen achtzylindrigen Geländewagen beispielsweise, der nach Schulschluss vor dem Plattenbau parkt und in den Jugendliche zu Müttern steigen, die nicht unbedingt so aussehen, als ob sie am Hungertuch nagen; gut ausgestattete Klassenzimmer – und Arbeitsgemeinschaften in Chinesisch, HTML-Programmierung und Wu Shu, einer chinesischen Kampfsportart.

2001 ist die Privatschule an den Start gegangen – von Anfang an als Ganztagsbetrieb. Sie waren ihrer Zeit voraus. Innovativ halt. Und experimentierfreudig. Ergo: Genau so, wie sich Schulleiter Andreas Mori – ein gedrungener Mann, der nach seinem Referendariat in Berlin-Dahlem lange Zeit in der freien Wirtschaft arbeitete – wie Mori sich und sein Gymnasium gerne präsentiert.

Ist ja auch nicht das einzige Pfund, mit dem sie hier wuchern können. Da sind nämlich noch die Klassen. Klein sind sie; sehr klein.

"Lerngruppen von maximal 15, im Extremfall 16 Schülern. Und in der Oberstufe führt das zu einer großen Kursangebotsvielfalt, in der wir im Durchschnitt im Leistungskurs sieben Schüler haben und im Grundkurs elf Schüler im Durchschnitt. Dieses zusammen mit der Mischung eines sehr, sehr jungen Teams im Verhältnis zu staatlichen Schulen... Bei uns ist das Durchschnittsalter 38 Jahre und da zählen so ältere Herren wie ich dazu, ich verderbe also als Dinosaurier den Schnitt der Schule. Aber wenn wir uns das ansehen, sind wir schon sehr zeitnah, jung aufgestellt."

Soll Janina Pflaum nur recht sein. Die 17-Jährige geht in die Zwölfte. Ein Jahr noch bis zum Abitur, danach will sie erst einmal für ein Jahr ins Ausland. Sechs Jahre ist der blonde Teenager jetzt am Schiller-Gymnasium. Gefällt ihr gut hier. Kein Vergleich zu früher, als sie in Nordrhein-Westfalen auf eines dieser Massen-Gymnasien ging, in denen sich 30, 35 Schüler in ein Klassenzimmer quetschen mussten und die Lehrer Schwierigkeiten hatten, sich die Namen aller Schüler zu merken. Würde am Schiller-Gymnasium nie passieren. Herrscht ein anderer Wind hier. Janina Pflaum:

"Eine freundliche Schule. Sehr offen. Eine für mich positive Schule. Weil ich war früher sehr schlecht und ich bin hier richtig gut geworden. Weil es sehr kleine Klassen sind. Und die Lehrer gehen auch auf die einzelnen Schüler ein – so wie ich das jetzt in meinem Unterricht mitbekommen konnte. Da merkt man, dass das Privatschule ist."

Die kleinen Klassen – das war auch für Ines Dellschè einer der Hauptgründe, ihre vier Kinder auf das Schiller-Gymnasium zu schicken. Zwei Jungs, zwei Mädchen, der älteste ist 16, die jüngste 10. Wohnen tun sie nebenan in Klein-Machnow, einer idyllischen Gemeinde mit ebenso idyllischen Villen, in die es seit der Wende etliche solvente Westberliner gezogen hat. So wie die Dellschés.

Noch ganz klassische Arbeitsteilung: Er bringt als mittelständischer Maschinenbauunternehmer das Geld nach Hause, sie kümmert sich um Haushalt und Kinder - und engagiert sich. Am Schiller-Gymnasium: Vorsitzende der Elternkonferenz ist sie und Gründerin des Fördervereins der Schule. Geht ganz schön viel Zeit drauf. Doch sie mache das gerne, betont Ines Dellsché. Nicht nur für ihre Kinder, sondern auch aus "staatsbürgerlichem Impetus", wie sie das nennt. Wenn sie schon nicht arbeiten muss.

Wird gern gesehen an der Schule – das Privatengagement. An der alten Grundschule ihrer Kinder in Klein-Machnow war das noch anders. Waren eher genervt da. Deshalb auch die Privatschule:

"Weil mein Mann und ich, wir beide fanden, dass die öffentliche Schule nicht unbedingt das leistet, was wir uns für unsere Kinder wünschen. Die großen Klassen. Da sitzen zum Teil über 30 Kinder drinne. Und wenn jetzt Ihr eigenes Kind kein Kind ist, das von sich aus so extrovertiert ist, dann gehen die unter. Und ich glaube, dass die Kinder in so kleinen Gruppen größere Chancen haben, sich zu zeigen und gesehen zu werden. Und ich kann mich erinnern, dass meine ältere Tochter genau das in der Probewoche zu mir gesagt hat: Mama, ich wird hier wenigstens gesehen."

"Hauptstadt der Bildungsbürger" – mit diesem Titel kann sich Potsdam seit Kurzem schmücken – zumindest wenn man dem Berliner "Tagesspiegel" Glauben schenken darf. Passt ja auch ganz gut ins Bild: Während andere Städte nicht nur im Osten den Bach runter gehen, boomt die ehemalige preußische Residenzstadt; haben nicht nur Promis wie Günter Jauch und Wolfgang Joop hier Unterschlupf gefunden, sondern auch etliche Berliner "Bildungsbürger", die genug haben von den sozialen Problemen, die das Leben in der Hauptstadt mit sich bringt. Dann lieber Potsdam. Nett und adrett ist es hier – inklusive S-Bahn-Anbindung nach Berlin. Fragt sich nur, ob besagte "Bildungsbürger" – Leute wie die Dellschés – sofort eine Privatschule gründen, kaum dass sie ihre Umzugskartons ausgepackt haben?

Elona Müller, die stellvertretende Beigeordnete für Schule, Kultur und Bildung, kann sich das Lachen nicht verkneifen. Kann schon was dran sein. Vielleicht. Die Potsdamer Schulverwaltung jedenfalls hat den Initiativen für Schulen in freier Trägerschaft bislang keine Steine in den Weg gerollt. Ist aber nicht nur in Potsdam so. Elona Müller:

"Grundsätzlich muss man sagen, dass es im Land Brandenburg bis dato sehr, sehr einfach war, Privatschulen zu gründen. Das hat natürlich auch dieses Klima entsprechend beeinflusst. Sie können im Land Brandenburg, wenn Sie mit einer Privatschule ans Netz gehen und zwei Jahre diese Schule halten können, dann kriegen Sie in der Regel die Förderung seitens des Landes für diese Privatschule. Das heißt auch, dass es natürlich ein gutes Klima für Initiativen ist; für Organisationen ist, zu sagen: Wir wollen mit dem entsprechenden Schwerpunkt eine Privatschule gründen."

24 Privatschulen gibt es in Potsdam. Konfessionelle sind darunter, Waldorf-Schulen und bilinguale wie die elitäre "Internationale Grundschule Potsdam".

Großer Auflauf im Innenhof der Evangelischen Grundschule in Potsdam-Babelsberg: Heute wird er endlich eingeweiht – der neue Spielplatz, samt Kletterhaus. Haben sie lange drauf warten müssen. Bei der Gründung der Schule vor drei Jahren hatten erst einmal andere Dinge Vorrang. Die Renovierung des roten Backsteingebäudes beispielsweise, wo zu Kaiser Wilhelms Zeiten das Rathaus von Babelsberg untergebracht war und das jetzt in neuem Glanz erstrahlt. Gibt was her – die Schule.

Angela Kutella hat es sich nicht nehmen lassen, heute vorbei zu schauen. Ihre Tochter drückt hier die Schulbank, über den Förderverein hat sie Geld für den Bau des Spielplatzes gespendet. Gefällt ihr gut – das Kletterhaus und die anderen Spielgeräte. Alles robust und sicher. Meint die Frau aus Babelsberg, die zusammen mit ihrem Mann in dritter Generation einen Reifendienst betreibt und sich schon zu DDR-Zeiten christlich engagiert hat:

"Das große Plus der Schule ist der Religionsunterricht innerhalb des Tagesablaufes. Das große Plus ist natürlich auch die Tagesbetreuung. Das große Plus ist das regionale, soziale Umfeld, was unser Kind da auch mit genießen kann. Es ist ja auch so, dass an den staatlichen Schulen auch vieles fehlt, was an den Privatschulen halt möglich ist. Zum Beispiel den kreativen Nachmittagsunterricht; ob das jetzt Yoga oder Tanz oder was auch immer ist – das zu integrieren, ist ne tolle Sache."

Der Nachmittagsunterricht – das ist, wenn man so will, Simone Wolfs Baustelle. Die Anfang-40-Jährige ist Koordinatorin des Freizeitbereichs der Grundschule. Also: Pausenbetreuung und die nachmittags, nach Schulende, von 14 bis 17 Uhr. Macht ihr Spaß - der Job; sich um die Kinder zu kümmern, sie durch den Tag zu begleiten. Ganzheitlich. Ist zwar auch viel Arbeit, doch es lohnt sich. Alles eine Frage der Motivation. Und daran hapert es nicht bei Wolf und ihrem Team. "Kein Wunder", meint die Pädagogin selbstbewusst. Anders als an staatlichen Schulen kann sie sich ihre Mitarbeiter selbst aussuchen:

"Sie sind halt nicht verbeamtet. Sie kommen halt nicht aus ’nem Pool, wo auch Umsetzungen und Übernahmen passieren. Man guckt: Was passt sehr gut? Und wer hat Lust auf genau diese Arbeit? Und es ist ’ne tolle Grundvoraussetzung zu sagen: Man hat eben Menschen mit im Boot, die genau das hier tun wollen. Und das kenn ich ja von meinen Kindern auch: Da standen Lehrer, die dann sagten: Wir fahren jeden Tag zwei Stunden, um hier arbeiten zu können. Sind umgesetzt worden. Der schlimmste Spruch war mal auf ’ner Elternversammlung: Wir möchten eigentlich gar nicht hier sein. Wir müssen hier sein."

100 Kinder gehen zurzeit auf die Evangelische Grundschule Babelsberg, 300 sollen es werden, wenn die maximale Größe erreicht sein wird. Schon jetzt liegen genug Anmeldungen vor. Simone Wolf:

"Wir haben ’ne ganz breite Anmeldeschicht. Und dadurch, dass unser Schulgeld sich auch nach dem Einkommen richtet, haben auch Menschen, die ’nen geringes Einkommen haben, die Möglichkeit, ihre Kinder hier anzumelden, und bis hin zu Unterstützung, die sie selbst auch noch beantragen können. Wir haben auch Kinder von Sozialhilfeempfängern und sind auch sehr drauf bedacht, ’ne gute Mischung hinzukriegen. Wir würden uns auf keinen Fall als elitär bezeichnen."

"Wir bemühen uns im Rahmen einer Privatschule nicht zu den Schulen zu gehören, die sozusagen durch Schulgeldpreise bereits ’ne Differenzierung vornehmen","

ergänzt der Leiter des Schiller-Gymasiums, Andres Mori.

""Für uns ist ganz wichtig, dass die normalen mittelständischen Familien, wo vielleicht beide Eltern berufstätig sind, es sich leisten können, ihr Kind hier an die Schule geben zu können. Und deshalb bemühen wir uns auch immer, den Schulgeldsatz so gering wie möglich zu halten. Zurzeit liegen wir bei 225 Euro pro Monat. Dafür haben Sie aber komplette Fördermöglichkeiten in der Schule, also: Nachhilfeunterricht; Begabtenförderung und auf der anderen Seite auch Hausaufgabenbetreuung."

Staatliche Schule versus Private – Simone Wolf von der Evangelischen Grundschule in Babelsberg mag das nicht; dass die zwei Schulformen gegeneinander ausgespielt werden; genauso wenig wie das Etikett der "neuen Bürgerlichkeit", das Potsdam in der letzten Zeit verliehen wird – nach dem Motto: Hier die Alteingesessenen aus alten DDR-Zeiten, da die Zugezogenen; die "Neu-Bürgerlichen"; denen Bildung wichtiger ist als der "Urbevölkerung":

"Neue Bürgerlichkeit – dieser Begriff ist in meinem Wortschatz nicht so oft unterwegs. Das ist in Babelsberg auch gut gemischt. Und für uns hier auch überhaupt kein Thema, Also wer wo herkommt und welche neubürgerlichen oder nicht-neubürgerlichen Einsichten da ’ne Rolle spielen. Also, es spielt für uns keine Rolle. Wir wissen manchmal noch nicht mal voneinander, wo unser Ursprung liegt."

In Babelsberg. Luftlinie gut fünf Kilometer entfernt – in Janina Pflaums Klasse am Schiller-Gymnasium – sieht die Realität etwas anders aus. Janina Pflaum:

"Na klar gibt’s einzelne Gruppenbildungen. Ost und West ist bei uns noch ziemlich stark ’nen Thema, obwohl es eigentlich gar keinen Grund dafür gibt. So mit Ost und West ist eigentlich die größte Teilung, die man hier spürt im Allgemeinen auf der ganzen Schule."

Wird sich schon noch geben. Gerdhild Heizmann hebt die Hände. Das mit dem "Wessi-Ossi". Ihre zwei Söhne gehen auch auf das Schiller-Gymnasium. Gerne – wie sie betont. War vorher anders - in Berlin-Zehlendorf, wo die Geschäftsführerin eines Immobilienunternehmens wohnt und ihre Söhne zur Schule gegangen sind. Bevor sie nach Potsdam wechselten, ans Privatgymnasium:

"Es ist einfach die Aura, die hier besteht, finde ich. Es ist ’nen lockerer Umgang – auch mit Eltern. Ich hab am Anfang, als mich Bekannte immer fragten, was ist denn da anders, gesagt: Weißte, es ist das erste Mal, dass ich in ’ne Schule gehe und da stehen die Türen offen und ich kann eigentlich zum Direktor durchmarschieren und was sagen. Früher mussten Sie drei Anträge stellen und die Sekretärin war ’nen Teckel, die versucht hat, jeden Termin zu vermeiden. Das ist ’nen anderer Umgang hier."

158 Schulen in freier Trägerschaft existieren in ganz Brandenburg, davon 114 allgemeinbildende, der Rest sind Berufsschulen. Tendenz weiter steigend. So liegen dem Brandenburger Bildungsministerium für das kommende Schuljahr bereits 46 Anträge auf Genehmigung neuer Schulen vor – darunter etliche aus Potsdam. Wird aber wohl nicht mehr so einfach sein für nichtkonfessionelle Schulen zu beweisen, dass sie von "besonderem pädagogischen Interesse" sind, prognostiziert Elona Müller:

"Dadurch, dass die städtischen Schulen ihre Profile sehr klar definiert und ausgebildet haben... dass es in der Zukunft hinsichtlich der nicht-konfessionellen Schulen nicht mehr so einfach sein wird. Weil hier muss das Land dann schauen, ob es eine entsprechende städtische Schule gibt. Wenn das Profil abgedeckt ist, dann wird es die Genehmigung für eine Privatschule in der Form nicht mehr geben. Wir erwarten das eigentlich für Potsdam per sofort. Weil wir haben hinsichtlich der Profilbildung in den städtischen Schulen jetzt alle pädagogischen Schwerpunkte abgebildet."

"Schade eigentlich", findet Gerdhild Heizmann. Staatliche Interventionen im Bildungsbereich – davon hat die Geschäftsfrau die Nase voll, ist so und so nicht so gut zu sprechen auf die staatlichen Schulen. Wenn es nach ihr ginge, dann sollten sich die staatlichen Schulen Privatschulen wie das Schiller-Gymnasium zum Vorbild nehmen: Ganztagsbetreuung, kleine Klassen, engagierte Lehrer. Schöne, heile Welt. Alles zu haben für 220 Euro – pro Kind und Monat. Am Schiller-Gymnasium in Potsdam. Gerdhild Heizmann:

"Das ist keine Schule, die den Anspruch erhebt, nur Einserkandidaten für ’nen anstehendes Jurastudium in England hier raus zu schicken. Das ist ’ne Schule, die den Anspruch erhebt, ’nen Raum zu geben für Kinder, wo lernen mal wieder auch Spaß machen kann."

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