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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.08.2012

Absurdes Theater in Amsterdam

J. J. Voskuil: "Das Büro. Direktor Beerta". Verlag C.H. Beck, München 2012, 848 Seiten

Spannend, witzig und entlarvend sind die die gruppendynamischen Prozesse innerhalb des "Büros".
Spannend, witzig und entlarvend sind die die gruppendynamischen Prozesse innerhalb des "Büros". (Stock.XCHNG / carl dwyer)

1996 bis 2000 erschien in den Niederlanden ein sieben Bände dickes Romanprojekt über eine skurrile staatliche Institution – und machte Furore. Nun liegt der erste Band auf Deutsch vor, ein verblüffender Roman über Sinn und Unsinn wissenschaftlicher Einrichtungen – und die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen.

Held der autobiografisch gefärbten Romanreihe mit dem schlichten Titel "Het Bureau" ist Maarten Koning, das Alter Ego des Verfassers. Der vorliegende erste Band beginnt 1957, Maarten ist 31 Jahre alt und war kurzzeitig Lehrer, was ihn anödete. Verheiratet ist er mit Nicolien, Karriere machen ist ihnen ein Gräuel. Lange vor den berühmten Provos und den aufrührerischen Studenten sind Maarten und Nicolien radikale Systemverächter.

Freilich, von irgendetwas muss man ja leben. Anton Beerta, sein ehemaliger Lehrer und mittlerweile Leiter des Amsterdamer Instituts für Volkskunde, verschafft Maarten eine Stelle als wissenschaftlicher Beamter in seinem Büro. Maarten soll sich um den geplanten Atlas der Volkskultur kümmern. Er sagt zu. Denn erstens ist Beerta für ihn der Beweis, dass man sich effektiv "von der Außenwelt abschirmen konnte". Und zweitens hatte Beertas Institut nicht "den geringsten Anspruch auf irgendetwas". Für Systemverächter genau der richtige Job.

In neun großen Kapiteln, die sich nach den Jahren 1957 bis 1965 richten, wird uns der Sinn, vor allem aber der Unsinn des Wissenschaftsbetriebs, der für niemanden auch nur die geringste Relevanz hat, vor Augen geführt. Maartens Einsicht auf jeder Seite: "Meine Arbeit ist vollkommen sinnlos und ohne jeden Wert."

Spannend, witzig und entlarvend sind die die gruppendynamischen Prozesse innerhalb des "Büros". Die Charaktere der einzelnen Figuren (der Roman ist übrigens ein Schlüsselroman!) zeichnet Voskuil scharf, zuweilen karikaturistisch. Allen voran Maarten und Beerta, die Gegenspieler und Verbündete zugleich sind. Maarten ist ein aufmüpfiger, gleichzeitig aber fast krankhaft unsicherer Typ. Ständig fühlt er sich unverstanden, ertappt, bedroht. Sein Chef Beerta dagegen, mit dem er das Arbeitszimmer teilt, ist unerschütterlich, wendig, unangreifbar, der geborene Diplomat. Und Nicolien, wegen ihres Einflusses auf ihren Mann sozusagen ein Außenposten des Büros, ist die Totalverweigerin, sie will keine Arbeit, kein Geld, keine Kinder, vor allem "keinen Mann mit Status".

Ob das Buch tröstlich ist, wie der Übersetzer im Nachwort behauptet (was mancher Kritiker gern übernahm), ist die Frage. Ist es tröstlich, wenn alles sinnlos und die "Welt für das Mittelmaß da" ist? Nein, das ist eher gnadenlos und bissig, aber natürlich auch amüsant, weil Johannes Jacobus Voskuil, der 2008 schwer krank starb, das real existierende absurde Theater so ungeschminkt und in einem radikal nüchternen Stil darstellt; manche Gespräche erinnern an Loriot-Sketche.

Und geradezu furchterregend ist es, dass kein Ereignis, kein Personalwechsel dem "Büro", mit andern Worten dem System etwas anhaben kann. Am Ende dieses ersten Bandes wird Direktor Beerta verabschiedet, aber da wissen wir längst – denn nach 830 Seiten haben wir auch eine gewisse Erfahrung –, dass hier alles beim Alten bleibt: Alle machen ungerührt weiter, nichts wird sich ändern.

Besprochen von Peter Urban-Halle

J. J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Verlag C.H. Beck, München 2012
848 Seiten, 25 Euro