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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.11.2007

Abschied von der Moderne?

Über Gleichmacher und Abstiegsängste

Von Ulf Poschardt

Kurt Beck sieht aus nach bequemem Mittelmaß. (AP)
Kurt Beck sieht aus nach bequemem Mittelmaß. (AP)

Die Deutschen sind das Volk der Kleingärtner. Der Schrebergarten ist der Gegenentwurf zu den Parks europäischer Städte und Metropolen. Der Schrebergärtner hat seine kleine Bank, sein kleines Häuschen, den kleinen Grill und die große Fahne. Er liebt Hecken, und weil jeder Deutsche im Zweifel einen Schrebergarten oder einen kleinen Vorgarten oder aber einen Baum vor seiner Mietskaserne hat, den er selbst mit einem kleinen Meerschweinchenzaun umzäunt und einem kleinen Schild auf dem zu lesen ist: "Dies ist kein Hundeklo".

Das kollektivistisch-egalitäre Deutschland huldigt heimlich einem monotonen Schrebergärtner-Individualismus. Es ist ein scheußlicher Planet, der dort entsteht, weil er sich unter den Herausforderungen des öffentlichen Raums hinwegduckt. Stil ist keine Geldfrage, es ist eine Frage von Haltung. Wer Formwillen zum Luxus erklärt, verkennt die Realitäten. Das im eigentlichen Wortsinne "Ungebildete" der Mittelschicht ist eine unverzeihliche Schlamperei.

Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, trägt Flecht-Slipper. Seine Frisur stammt aus jener Zeit, als sich die Interessen der SPD noch mit den Interessen des Landes deckten. Beck sieht aus nach bequemem Mittelmaß. Gemütlich.

Egalitäre lieben ihn, weil er niemanden herausfordert, weil er mit seinem Look alle beruhigt. Er gibt den Menschen das Gefühl, dass sie nur den Kopf in den Sand stecken müssen, um den Härten des globalisierten Wettkampfes zu entrinnen.

Die Stillosigkeit der gebildeten Mittelschicht, ob sie nun SPD wählt, Grün oder Union, ist das Kainsmal mangelnden gesellschaftlichen Ehrgeizes sowie einer Verachtung der Öffentlichkeit gegenüber. Es ist eine Wurschtigkeit, die als Neobiedermeier die Abkehr jener Mitverantwortung für die Zivilisiertheit des öffentlichen Raumes bedeutet.

Die Welt der linkskonservativen, neudeutschen Egalitaristen ist eine kraftlose, sich selbst kompromittierende Vorstellung von der perfekten Welt. Sie ist eine Mischung aus Ikea-Katalog und Kirchentag. Ein mediokrer Brei. Karl-Heinz Bohrer spricht von der "öffentlichen Formlosigkeit", die sich überall ausbreitet.

Der Selbsthass der Linken hat auch mit ihrer Verlorenheit im Zeitgeist zu tun. Die Geschwindigkeit des Kapitalismus, der stetige Innovations- und Modedrang wachsender Märkte, die ständig angemahnte Höchstqualifizierung seiner Verantwortungs- und Leistungseliten fördert eine Verfeinerung der Lebenstechnik, die in Geschwindigkeit und Breite anstrengend ist. Die Egalitären sind diesem Druck nicht gewachsen und wollen sich diesem nicht aussetzen.

Die sprachmächtigen Egalitären verteidigen die Wohlstands- und Wohlfühloasen des Rheinischen Kapitalismus. Der Neid und seine Feier sorgen dafür, dass jedes Nicht-Egalitäre denunziert werden kann. Die SPD hat mit ihrem Hamburger Parteitag dem Neid neue politische Relevanz gegeben. Die Umverteilung wird als Hauptaufgabe sozialdemokratischer Politik betont: Leistungsträger werden zu Melkkühen degradiert, der sozial Schwache wird idealisiert.

Die SPD wird damit Partei der Abstiegsängste und ist nicht mehr Partei der Aufstiegswilligen. Das Gerede von der "gefühlten Gerechtigkeitslücke" ist eine Drohung für all jene, die das egalitäre Legoland mit Format und Größe herausfordern. Neid ist das Gegenteil von Ehrgeiz. Neid ist anspruchsloser als Ehrgeiz.

Viele Menschen haben Angst. Sie haben Angst erwachsen zu werden. Diese Menschen sind vor allem, aber nicht nur in der unteren Mittelschicht zu finden: Sie haben Angst vor dem Absturz. Sie sehnen sich in die Kinderstuben zurück. Sie ziehen sich an wie Kinder. Hormonell haben Mann und Frau "gleich gezogen" wie Harald Schmidt dies einmal so boshaft bemerkt hat.

In diesen Familien wird das Egalitätsprinzip universell: Es reißt geschlechts- und altersspezifische Differenzen ein, das deprimierendste Phänomen jener alltäglichen Selbstverhöhnung: Die japanischen und koreanischen Kleinwagen, die knallgrünen Polos und Gebraucht-Golfs werden zugestopft mit Plüschtieren und Wackeldackeln.

In den Autos sitzen verbitterte Föhnfrisuren mit abgekauten Fingernägeln und verängstige Langsamfahrer, die sich nach jedem Tempolimit sehnen. Sie werben um Milde. Sie machen sich klein. Sie sehnen sich nach dem Kinderzimmer. In einem Park haben sie Angst. Der Schrebergarten hat das Format eines Kinderzimmers. Kurt Beck ist ihr Vorsitzender. Er hat keine Kanten.


Ulf Poschardt (privat)Ulf Poschardt (privat)Ulf Poschardt, Chefredakteur "Vanity Fair" Deutschland. Dr. Ulf Poschardt wurde 1967 in Nürnberg geboren. Nach seinem Journalismus-Studium in München sorgte 1995 die Buchveröffentlichung seiner Doktorarbeit "DJ-Culture" für internationales Aufsehen. Seine Karriere im Journalismus begann Poschardt bei der ‚Vogue’. Er schrieb für den ‚Spiegel’, war Chefredakteur des Magazins der ‚Süddeutschen Zeitung’ und wechselte schließlich zur ‚Welt am Sonntag’, wo er als Mitglied der Chefredaktion bis 2005 tätig war.

Politisches Feuilleton

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