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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.05.2012 um 00:00 Uhr

Abschied vom Mythos

Geoff Mortimer: "Wallenstein"

Von Erik von Grawert-May

Rolf Boysen bei Dreharbeiten für die ZDF-Produktion von Friedrich Schillers "Wallenstein" 1977
Rolf Boysen bei Dreharbeiten für die ZDF-Produktion von Friedrich Schillers "Wallenstein" 1977 (AP)

Dank Schiller und Golo Mann ranken sich bis heute etliche Legenden um Wallenstein, den Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Dreißigjährigen Krieg. Der britische Historiker Goeff Mortimer räumt mit den schillernden Geschichten nun auf.

Warum Wallenstein jetzt? Das beantwortet Geoff Mortimer, der lange Zeit in Oxford frühneuzeitliche Militärgeschichte lehrte, ganz aus den akademischen Gepflogenheiten seiner Zunft heraus. Vor 40 Jahren habe Golo Mann seine große Biografie über den böhmischen Generalissimo vorgelegt. Zwar sei sie erfreulich ausgewogen, doch enthalte sie immer noch zu viele Legenden. Daher werde nun eine neue Studie nötig, die damit aufräumt. Ein Rätsel nennt Mortimer den General des Dreißigjährigen Krieges. Kann er es lösen?

Er kann! Sogar so gut, dass man nach der Lektüre ernüchtert ist. Aber nicht, weil das Buch schlecht geschrieben wäre. Da der Autor ein englischer Historiker ist, weiß er seinen Stoff lebendig und auch für Nicht-Historiker verständlich darzustellen. Ernüchtert ist man, weil einem Wallensteins Legenden so liebgeworden sind, dass man sich nur ungern von ihnen trennt. Wenigstens gilt das für den deutschen Leser, der mit Schiller aufgewachsen ist. Wer kennt nicht den Zweizeiler aus seinem Prolog zu "Wallensteins Lager":

Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt/Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte

Da ist der wankelmütige General, der seinem katholischen Kaiser untreu wird, die Seiten wechselt und heimlich mit den protestantischen Schweden paktiert. Dann der Sternengucker, der die Entscheidung hinauszögert, bis ihm der Himmel günstig scheint. Und schließlich der von Ehrsucht getriebene Emporkömmling, der den alteingesessenen Adligen am Hof von Wien ein Dorn im Auge ist. Irgendwann muss er fallen, spätestens, wenn ihm das Kriegsglück nicht mehr lacht. Hat er am Ende den Meuchelmord nicht gar verdient? Bei Schiller wird die ohnehin dramatische Historie noch durch die Liebe zwischen Thekla, der Tochter Wallensteins, und Max Piccolomini gesteigert. Max ist der Sohn Octavios, den Wallenstein für einen seiner ersten Vertrauten hält, der ihn jedoch als erster ans Messer liefert.

Dazu Mortimer: Schiller war berechtigt, für seine dramatischen Zwecke auf die Legenden um Wallensteins Charakter zu bauen, wie er auch eine Liebesgeschichte zwischen Wallensteins Tochter, tatsächlich damals noch Kind, und dem ganz und gar erfundenen Sohn des Feldmarschalls Octavio Piccolomini schuf. Der Historiker braucht definitivere Beweise zur Bestätigung, bevor eine alte Tradition akzeptiert werden kann.

Geoff Mortimer: "Wallenstein"Geoff Mortimer: "Wallenstein" (Primus Verlag)Es fällt schwer, mit dem Autor von der schillernden Figur des Generals Abschied zu nehmen. Von wegen Untreue! Wallenstein stand so loyal zum Kaiser, dass er dessen Mordabsichten auch dann noch nicht glauben mochte, als sie ihm von ernst zu nehmenden Informanten hinterbracht wurden. Er wolle lieber sterben, heißt es in einem Schreiben von ihm, als etwas gegen seine Majestät unternehmen. Das war Treue bis zur Leichtgläubigkeit. Und von wegen Verrat! Nicht er verriet den Kaiser, sondern der Kaiser ihn. Erst, als das schließlich auch für Wallenstein offensichtlich wurde, vollzog er den Schwenk zu den Schweden, also aus purer Notwehr:

In dieser neuen und bedrohlichen Situation erkannten Wallenstein und seine Anhänger, dass sie über ihre Selbstverteidigung nachdenken mussten, und so wurden sie gezwungen, genau die Verbindungen zum Feind herzustellen, die der Hof als seit Langem gegeben sah.

Wie aber stand es um seinen Glauben an die Gestirne? Er bewegte sich laut Mortimer durchaus im Rahmen der Zeit. In ihr war die Astrologie weit verbreitet, auch unter ernstzunehmenden Astronomen. Der, dem sich Wallenstein anvertraute, war kein Geringerer als der berühmte Kepler. Mit der Sternenguckerei wird auch der Vorwurf des Wankelmuts entkräftet. Der Oxford-Historiker zeichnet ein relativ festes Charakterbild von diesem für seine militärische Organisationsfähigkeit gerühmten Mann. Seine mächtigen Opponenten schwankten mehr als er selber.

Den Vorwurf der Ehrsucht schließlich lässt Mortimer durchaus gelten, ordnet ihn jedoch eher Wallensteins kriegerischem Genius unter. Wir haben es mit einer Ausnahmegestalt zu tun, die sich in den konfessionellen Streitigkeiten der Epoche zu bewähren hatte. Es war eine Zeit, die den Wankelmut allgemein begünstigte, in der beispielsweise der französische König Heinrich IV. dreimal konvertierte, um den verworrenen Verhältnissen in seinem Land gerecht zu werden. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wurde er ermordet.

Wallenstein war kein König Frankreichs, aber eine Art König des kaiserlichen Heeres. Er wechselte nur einmal den Glauben und wurde katholisch, war aber nie ein Erzkatholik, sondern auf Ausgleich bedacht und immer wieder um Frieden bemüht. Er hasste deshalb die gegenreformatorischen Bestrebungen des Wiener Hofes, die in seinen Augen nur den Krieg verlängerten. Das führte zu zwei gänzlich verschiedenen Beurteilungen seiner Person. Die einen fanden, er sei nicht genügend katholisch, die anderen lobten ihn dafür:

In Hinsicht auf die Religion hat man Wallenstein seit Langem als Vorbild der Toleranz in einer intoleranten Welt betrachtet. ( ... ) Beide Meinungen sind wahrscheinlich übertrieben.

Übertrieben wohl, weil Wallenstein von der Enteignung der böhmischen Protestanten, die letztlich zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges führte, nicht wenig profitiert hatte. Er erwarb großen Grundbesitz, zuletzt wurde er Herr über ganz Friedland und vom Kaiser mit dem Fürstentitel belohnt. Daher sicher auch seine Treue zu ihm, daher seine steten Bestrebungen um Ausgleich. Allein der Frieden zwischen den Konfessionen würde all die ihm zugewachsenen Ansprüche auf Dauer garantieren. Das war das interessenpolitische Kalkül seines Vorgehens.

Für eine gewisse Toleranz sprach jedoch der Umgang mit dem Heer, das er befehligte. Es gab nicht wenige Protestanten unter den von Wallenstein höchstpersönlich ausgesuchten Offizieren. Zum Teil liefen sie aus den gegnerischen Formationen zu ihm über, zum Teil ergab es sich so. Er achtete mehr auf ihre Tüchtigkeit als auf ihr Bekenntnis. Was ihm zum Verhängnis wurde, war nicht, worum sich die Legenden rankten, es war ein Konflikt im Innern des Reiches, zwischen der Zentralmacht in Wien und den katholischen Kurfürsten. Sie fürchteten, die gewaltige Heeresmacht des Friedländers würde den Wiener Hof auf ihre Kosten zur Ausweitung zentraler Befugnisse verleiten. Nicht die protestantischen Potentaten waren daher Wallensteins Hauptfeinde, sondern die Gegenpartei, die eigentlich seine eigene war. Je mächtiger der General wurde, desto gefährlicher für ihn. Seine Erfolge trugen wesentlich zu seinem Untergang bei.

Hätte er beim Kaiser mehr Gehör gefunden, wäre der Krieg vermutlich sehr viel früher beendet worden. So, etwas verkürzt, die Summe, die Geoff Mortimer zieht. Ein gutes Buch, gut in seiner Arbeit an der Entmythisierung jener tragischen Gestalt des frühen Europa, die zum großen Friedensstifter hätte werden können.

Geoff Mortimer: Wallenstein. Rätselhaftes Genie des Dreißigjährigen Krieges
A. d. Engl. v. Geoff Mortimer u. Claus Cartellieri
Primus Verlag 2012