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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.04.2012

Abschied vom Bürgertum?

Wie sich Parteien immer häufiger vom Konservativen verabschieden

Von Bernd Wagner

Wahlurne
Wahlurne (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Betrachtet man die Abkehr der Wähler von den bürgerlichen Parteien und den Rückgang des konservativen Elements in ihnen, so drängt sich die grundsätzliche Frage auf: Ist unsere Gesellschaft im Begriff, sich von ihren bürgerlichen Wurzeln zu verabschieden?

Die Symptome für eine positive Antwort sind unübersehbar. Was wir als bürgerlich bezeichnen, stand von Beginn an und besonders seit seinem Triumph im 19. Jahrhundert unter dem Verdacht des Statischen und der Vergangenheit Verhafteten, der sich im Begriff der "Spießbürgerlichkeit" artikulierte, dem denkbar größten Gegensatz zum Elan des Revolutionären, unter dessen Fahne sich jede neue Generation die Zukunft erobern will.

Dabei war es erst die bürgerliche Emanzipationsbewegung, die die moderne, das heißt der permanenten Veränderung offene Gesellschaft schuf. Allerdings bedarf ihr Funktionieren einiger unangefochtener Grundlagen, von denen es ungewiss ist, ob sie noch in ausreichendem Maße existieren. Ihre wichtigsten zumindest, das Eingebundensein in einen Nationalstaat auf der einen und in stabile Familienstrukturen auf der anderen Seite, scheinen zu wanken.

Wie das Bürgerliche, so steht das Nationale insbesondere in Deutschland unter dem Generalverdacht des Reaktionären. Aus historischen Gründen ist das begreiflich, doch gerät dabei all zu leicht in Vergessenheit, dass es der Nationalstaat war, in dessen Rahmen sich die Demokratie und ihre Institutionen entfalten konnten.

Mit der Globalisierung und der Herausbildung eines europäischen Einheitsstaates, in dem immer mehr Länder Aufnahme finden, in denen die ohnehin nur spärlich vertretene bürgerliche Klasse vom Sozialismus eliminiert wurde, drohen die Bindungen zwischen dem Staat und seinen - der Begriff ist hier unvermeidlich - "Bürgern" immer anonymer, immer mehr von Gleichgültigkeit geprägt zu werden.

Ähnlich brüchig scheint die zweite Säule des klassischen Bürgertums, die Familie, zu sein. Als Familienbetrieb einstmals ebenso das ökonomische Rückgrat des Landes wie das sittliche, erleben wir heute ihren allgemeinen Niedergang, gekennzeichnet durch niedrige Geburten- und hohe Scheidungsraten, die Ablösung der häuslichen Gemeinschaft durch den separierten Aufenthalt in Erziehungseinrichtungen, Arbeitsstätten und Alten- oder Pflegeheimen. Dass ihre Surrogate wie Wohngemeinschaft, Homosexuellenehe und Patchworkfamilie in der Lage sind, die sozialen Bindungskräfte der bürgerlichen Familie zu ersetzen und die Atomisierung der Gesellschaft zu verhindern, bleibt zumindest zweifelhaft.

Nicht weniger zweifelhaft sind die Versuche der sogenannten bürgerlichen Parteien, sich diesen Tendenzen anzupassen und eine ihrer angestammten Positionen nach der anderen aufzugeben, von denen die das Bildungssystem betreffende vielleicht die wichtigste, weil für die Zukunft entscheidende ist. Wenn die schulische Erziehung durch unausgegorene Integrationsexperimente auf möglichst niedrigem Niveau nivelliert wird, wenn das humanistisch-klassische Gymnasium immer mehr zum Auslaufmodell wird, wenn die universitäre Bildung ihr gerade in Deutschland tief verankertes Ideal der freien Persönlichkeitsentwicklung zugunsten der eiligen Produktion von Absolventen verleugnet, die möglichst problemlos in die Wirtschaft integrierbar sind - dann untergräbt die demokratische Gesellschaft ihr eigenes Fundament. Seine Stabilisierung ist nicht durch allgemeines Piratentum zu erreichen, sondern vor allem durch eine Neubestimmung dessen, was man einmal "bürgerliche Werte" nannte.


Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher.

Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997), "Club Oblomow" (1999) und "Wie ich nach Chihuahua kam". Zuletzt erschien "Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler".